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Marihuana

Hilft Gras wirklich gegen Depressionen?

Gras zu rauchen, um seine Depressionen selbst zu behandeln, ist ein weit verbreitetes Phänomen—aber funktioniert das auch?

von Bethy Squires
21 Juli 2016, 7:25am

Image by Jennifer Kahn

Der gemeine Stoner ist ein ebenso positiver wie phlegmatischer Zeitgenosse. Hohe Hochs und tiefe Tiefs, beide entlocken ihm ein lautes „Whoa." Aber könnten Menschen mit einer schweren depressiven Störung, was vom Berliner Universitätskrankenhaus Charité als „gedrückte Stimmung und Verminderung von Antrieb und Aktivität" definiert wird, die emotional abflachende Wirkung von Gras nutzen, um sich damit selbst zu behandeln?

Als ich Leuten davon erzählt habe, dass ich an einem Artikel über Pot als Depressionsheilmittel schreibe, bekam ich von vielen „Oh ja, das tu ich auch" zu hören. Entweder kenne ich überdurchschnittlich viele bekennende Stoner oder es ist etwas dran an dem Gerücht, dass Doobies Depressionen erträglicher machen.

Cady* lebt mit der Diagnose Angststörungen, Depressionen und ADHS—das berühmte Dreiergespann der Generation Y. Sie sagt selbst, dass sie vor gesellschaftlichen Ereignissen oder bevor sie mit der Arbeit an großen Kunstprojekten beginnt kifft. „Es hilft mir, mich intensiver auf eine Tätigkeit oder einen Gedankengang zu konzentrieren, die nichts mit meinen Ängsten zu tun haben", sagt sie, „aber man muss etwas zu tun haben, sonst versinkt man nur noch tiefer in seinen Angstgedanken."

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„Es gibt durchaus Menschen, die ihre Depressionen mit Cannabis behandeln", sagt Felicia Carbajal von My Health Freedom, einer kalifornischen Organisation, die sich für die Verwendung von medizinischem Marihuana einsetzt. „Nicht-cannabinoide Cannabis-basierte Terpenen-Mischungen sind der neueste Trend zur Behandlung von Symptomen einer Depression." Terpene sind aromatische Moleküle, aus denen unter anderem der Duft von Zitronen, schwarzem Pfeffer und Lavendel hergestellt wird. Laut einem 2013 in High Times erschienen Artikel ist die unterschiedliche Zusammensetzung der Terpene dafür verantwortlich, dass jede Sorte Pot einzigartig ist.

„Mangos enthalten Myrcene, die—wie gezeigt wurde—helfen sollen, die Symptome von Depressionen zu lindern", sagt Carbajal. „Zitronen enthalten Limonene, die ebenfalls gegen Depressionen, aber auch gegen Ängste wirken sollen. Es gibt Cannabissorten, in denen beide Sorten von Terpene enthalten sind und darüber hinaus auch noch eine geringe Menge an Linalool (Lavendel), welches in gleicher Weise stresslindernd wirkt. Ein solches natürliches Verhältnis existiert nur in Cannabis und hat eine einzigartige antidepressive Wirkung, wenn es im Zuge einer Aromatherapie inhaliert wird."

Cannabis verändert die Art und Weise, wie das Gehirn auf Emotionen reagiert.

Eine erneute Untersuchung von Phytocannabionoid-Terpenoiden (lichtempfindliche Weed-Terpene), die 2011 im British Journal of Pharmacology erschien, stellte fest, dass sich Limonene zur Behandlung von Depressionen eignen. Linalool und Myrcene eigneten sich mehr zur Behandlung von Ängsten, doch Angststörungen und Depressionen gehen oftmals Hand in Hand. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer eignen sich sowohl zur Behandlung von Ängsten als auch von Depressionen. Aber warum nicht Gras?

Dr. Lucy Troup forscht auf dem Gebiet der kognitiven Neurowissenschaften an der Colorado State University in den USA. Sie betrachtet die Behandlung von Depressionen mithilfe von Cannabis mit Skepsis, weil es die Emotionsverarbeitungsprozesse stört, vor allem Empathie. In einer von ihr durchgeführten Studie fand Troup heraus, dass Marihuana die Fähigkeit der Probanden beeinträchtigte, die Darstellung negativer Emotionen zu lesen und sich in die Situation hineinzuversetzen. „Cannabis verändert die Art und Weise, wie das Gehirn auf Emotionen reagiert. Man könnte jetzt argumentieren, dass das nichts gutes ist", sagt Troup, vor allem „in Situationen, in denen wir Mitgefühl von Menschen erwarten."

Es gibt jedoch auch Menschen, die ziemlich sensibel sind und die ruhig etwas Empathie verlieren könnten, um besser zu funktionieren. „Auf der anderen Seite könnte man auch sagen, dass es etwas Gutes ist, weil es etwaige negative Gefühle in gewisser Weise dämpft und Leute weniger empfänglich für Negativismus macht", fügt Troup hinzu. Ist die Depression auf ein Gefühl des Nicht-Dazugehörens—einem Gefühl von „niemand liebt mich, jeder hasst mich"—zurückzuführen, könnte Pot also durchaus hilfreich sein.

Jordan* hat in vielerlei Hinsicht große Veränderungen in ihrem Leben durchgemacht: Sie hat sich vor Kurzem scheiden lassen und sich im Zuge dessen ein paar Zimmerpflanzen angeschafft. Manche von ihnen raucht sie. „Als ich wieder anfing zu kiffen, war ich oft so high, dass ich nicht mehr aus dem Bett kam", sagt sie. „Aber irgendwann habe ich angefangen, nur noch ganz kleine Mikrodosen zu rauchen, um mir die Angst vor sozialen Situationen zu nehmen und es erträglicher zu machen, in der Nähe von anderen Menschen zu sein."

Es könnte sein, dass Jordan damit eine heiße Spur verfolgt. Eine 2007 erschienene Studie hat herausgefunden, dass geringe Dosen THC den Serotoninspiegel bei Mäusen steigern. Obwohl es keinen klinischen Konsens darüber gibt, ob ein niedriger Serotoninspiegel zu Depressionen führt oder nicht, liegt der Fokus der meisten pharmakologischen Behandlungen von Depressionen (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRI) auf der Steigerung des Serotoninspiegels.

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Laut der Studie erhöhen geringe Dosen von THC den Serotoninspiegel, während hohe Dosen jedoch dazu führen, dass das Serotonin entleert wird und die Symptome der Depression verschlimmert werden.

„Es wird noch mehr fundierte wissenschaftliche Forschungsarbeit erforderlich sein, um zu verstehen, welche Effekte Cannabis auf unsere Emotionen hat", sagt Troup. „Derzeit würde ich auf Grundlage meiner eigenen Forschungsergebnisse sagen, dass Cannabis das Potenzial besitzt, Emotionsverarbeitungsprozesse zu unterbrechen, weshalb [die Selbstmedikation] meiner Meinung nach äußerst riskant ist."

In anderen Worten: Marihuana macht etwas mit deinen Gefühlen, aber was genau es macht, ist nicht ganz sicher. Um das herauszufinden müssen wahrscheinlich noch sehr viel mehr Mäuse stoned werden.


* Namen wurden geändert.