Alle Fotos: Rebecca Rütten

10 Fragen an eine Zeugin Jehovas, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Feierst du heimlich deinen Geburtstag? Verachtest du Ungläubige? Wann erwartest du den Weltuntergang?

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15 Mai 2017, 9:42am

Alle Fotos: Rebecca Rütten

Wir treffen Melanie im Königreichssaal der Zeugen Jehovas in Berlin-Gesundbrunnen, ein karger Raum, Stuhlreihe an Stuhlreihe, auf einer kleinen Bühne ein Rednerpult. Wie in einer Kirche sieht es nicht aus. Nur Poster mit Psalmen in vier Sprachen verraten, dass der Saal für die Menschen hier ein religiöser Ort ist.

Begleitet wird Melanie von ihrem Mann Thomas, während des Interviews ist auch ein Ältester der Gemeinde anwesend. Melanie ist 34, von Beruf Zahnarzthelferin und seit sie 17 ist Mitglied der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas. Als Tochter zweier Mitglieder wuchs sie mit dem Glauben auf. Die Entscheidung, durch die Taufe zum vollwertigen Mitglied zu werden, habe sie aber selbst getroffen, sagt sie.

Dass andere Menschen ihre Glaubensgemeinschaft als Sekte bezeichnen, habe sie in der Schulzeit oft erlebt. Sie sagt, viele seien einfach nicht darüber informiert. Die Zeugen Jehovas seien eine Religion wie jede andere auch: "Wir glauben an die Bibel und versuchen, uns ganz genau an diese Werte zu halten." Tatsächlich entschied das Berliner Oberverwaltungsgericht 2010, die Zeugen Jehovas als Körperschaft des öffentlichen Rechts anzuerkennen. Damit darf die Gemeinde Kirchensteuer einziehen und Gemeindehäuser unterhalten.

Zweimal die Woche trifft sich Melanie mit anderen Zeugen, um mit dem Trolley durch die Stadt zu fahren und an Bahnhöfen Informationsmaterial zu verteilen. Mehrfach schlägt sie während des Interviews eine kleine Bibel in schwarzem Ledereinband auf, um daraus zu zitieren. Vieles dreht sich um den Tag des jüngsten Gerichts – das, was wir "Weltuntergang" nennen. Die Zeugen Jehovas glauben, dass Gott die Erde von allem Bösen reinigen und ein Paradies erblühen lassen wird, in dem alle guten Menschen in Frieden leben werden. Allein In Deutschland leben 169.000 Zeugen Jehovas, 8,3 Millionen Mitglieder gibt es weltweit. Es wird wohl eng im Rennen um die Plätze im Paradies.

Die Gemeinschaft beschreibt sich selbst als Christen, die Jesus' Lehren und die Bibel präzise umzusetzen versuchen. Mehrmaliger Verstoß gegen die Regeln, die etwa unehelichen Sex und Bluttransfusionen verbieten, kann zum Ausschluss führen. Nach eigenen Angaben werden aber weder die Verbindungen zur Familie, noch der Besuch der Versammlungen unterbunden. Berichte von ehemaligen Zeugen, die Gegenteiliges berichten, gibt es allerdings zahlreich.

Melanie sagt, sie habe noch nie in Betracht gezogen, die Gemeinschaft zu verlassen. Und wir haben Fragen.

VICE: Wie fühlt es sich an, auf der Straße zu stehen und zu wissen, viele Menschen finden freaky, was du da tust?
Melanie: Ich bin stolz auf das, was ich tue. Natürlich kostet es auch Überwindung, sich mitten auf die Straße zu stellen. Im Endeffekt ist es aber so: Ich tue niemandem etwas Böses, biete Informationen an und zwinge niemandem etwas auf. Jeder darf selbst entscheiden, ob er mit uns redet oder nicht. Davon abgesehen denke ich nicht, dass die Leute generell eine schlechte Meinung von den Zeugen Jehovas haben – oder gar von mir als Person. Die meisten interessieren sich einfach gar nicht dafür, was wir da tun.

Ist es überhaupt eine effiziente Art, Menschen von eurem Glauben zu überzeugen, indem ihr auf der Straße rumsteht?
Es gibt ja unterschiedliche Formen des Predigens. Das, was du auf der Straße siehst, wenn wir mit den Trolleys dastehen, ist eine passive Form. Wir bieten den Menschen lediglich an, sich Lesestoff zu holen, Fragen zu stellen, oder sich einfach mit uns zu unterhalten. Da kommen die unterschiedlichsten Personen auf uns zu. Manche fragen etwas wie: "Was lehrt die Bibel denn eigentlich? Kannst du mir das in Kurzform erklären?", oder sie kommentieren das Titelbild des Wachtturms, unseres monatlichen Magazins. Von der aktiven Missionsarbeit hast du sicher auch schon gehört: Zeugen Jehovas gehen von Haus zu Haus. Da sprechen wir dann über bestimmte Themen oder bieten ausgewählte Literatur an, etwa für Teenager oder Familien.


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Wie viele Leute reden am Tag überhaupt mit dir?
Das ist schwer zu sagen, weil es tages- und wetterabhängig ist. Manchmal kommen total viele Leute auf uns zu, die konkrete Informationen zu den Zeugen Jehovas haben wollen, ein bestimmtes Buch suchen, oder sich mit uns austauschen wollen, weil sie Gesellschaft suchen. Es gibt aber auch Tage, an denen niemand mit uns redet.

Wirst du bei der Arbeit manchmal beschimpft?
Das kommt vor. Meistens habe ich aber den Eindruck, dass Menschen uns eher mit ihren Blicken beschimpfen.
Ich war aber mal mit meinem Ehemann unterwegs, da hat uns ein Mann angespuckt. Er lief zwei Mal an uns vorbei, näherte sich von der Seite und spuckte auf uns und den Trolley. Das ging so schnell, dass wir beide nicht richtig reagieren konnten. Wir haben den Trolley dann abgewischt und sind weiterhin an unserem Platz stehen geblieben.
Am selben Tag hat dann ein anderer Mann im Vorbeigehen gezischt: "Sowas wie euch sollte man vergasen!" (Anmerkung: Im Zweiten Weltkrieg wurden etwa 1.200 Zeugen Jehovas von Nationalsozialisten ermordet) Solche Angriffe kommen vor, sind aber die Ausnahme. Tätlich angegriffen wurde ich zum Glück noch nie.

Verachtest du nicht gläubige Menschen?
[Lacht.] Nein, natürlich nicht, warum sollte ich? Ich respektiere andere und verurteile sie nicht für das, was sie glauben oder nicht. Genauso erwarte ich es schließlich auch. Ich würde nie jemandem meine Religion aufzwingen.

Wird Gott mich vernichten, weil ich nicht an ihn glaube?
Welche Entscheidungen Gott treffen wird, kann ich als einzelner Mensch nicht beantworten. Nie würde ich mich hinstellen und sagen, dass nur Zeugen Jehovas gerettet werden und ihr als Andersgläubige alle sterben werdet. Nur Jehova entscheidet, welche Menschen er in seinem Paradies haben möchte und welche nicht.

Ihr feiert euren Geburtstag nicht. Feierst du manchmal heimlich?
Ich bin jetzt 34 Jahre alt, ich habe 34 Mal meinen Geburtstag nicht gefeiert – und es 34 Mal nicht vermisst. Das ist mir auch nicht wichtig. Manchmal kommt es sogar vor, dass ich am Datum meines Geburtstages vergesse, dass ich an dem Tag geboren wurde. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass ich etwas verpasse: Kuchen kann man schließlich immer essen und Gelegenheiten, um beschenkt zu werden, gibt es auch viele. Geschenke gab es in meiner Familie zum Beispiel, wenn ich ein gutes Zeugnis nach Hause gebracht habe.

Wann konntest du zuletzt etwas nicht machen, weil du eine Zeugin Jehovas bist?
Es gibt manchmal Ereignisse, an denen ich durch meinen Glauben nicht teilnehme: die Weihnachtsfeier auf meiner Arbeit zum Beispiel. Da bin ich dann nicht hingegangen.
Ich gebe mir Mühe, mein Leben so zu führen, wie es Gott gefällt. Ich habe also nicht den Wunsch, etwas zu tun, was er nicht gut fände – weil es mir selbst nicht gut tun würde. Gott ist mein Freund, deswegen ist es für mich gar nicht so, dass mir etwas verboten wird. Im Gegenteil: Mir liegt es am Herzen, Gott als Person, mit dem ich eine Freundschaft pflege, nicht traurig zu machen.

Wie viel Geld investierst du monatlich in die Gemeinschaft?
Du willst bestimmt auf Mitgliederbeiträge hinaus – die gibt es bei uns nicht. Es gibt am Eingang des Königreichssaals aber einen Holzkasten, in den jeder eine Spende reinwerfen kann, so viel und so oft, wie er oder sie möchte. Über den Betrag reden wir untereinander nicht, das ist Privatsache. Das Geld wird beispielsweise für den Druck des Wachtturms verwendet, der eine Auflage von etwa 61 Millionen hat und in 300 Sprachen übersetzt wird – die am weitesten verbreitete religiöse Zeitschrift der Welt. Weil die Spendengelder international verwaltet werden, können sie auch in anderen Ländern eingesetzt werden: etwa in der Katastrophenhilfe oder für die Instandhaltung der Versammlungssäle in ärmeren Ländern.

Wann erwartest du den Weltuntergang?
Gemäß der Bibel erwarten wir keinen Weltuntergang in dem Sinne, dass die Erde oder die gesamte Menschheit vernichtet wird. Das Wort "Welt", wie es die Bibel gebraucht, bezieht sich oft auf Menschen, zum Beispiel eine bestimmte Gesellschaft. Die Bibel spricht davon, dass Jehova zu einer festgelegten Zeit alles Schlechte vernichten wird und dann gerechte Menschen auf der Erde leben werden. In Psalm 37:10,11 wird das so ausgedrückt: "Und nur noch eine kleine Weile, und der Böse wird nicht mehr sein (...). Die Sanftmütigen aber werden die Erde besitzen, und sie werden ihre Wonne haben an der Fülle des Friedens."
Wir kennen nicht die genaue Zeit, wann Jehova das tut, aber die Bibel nennt einige Ereignisse, die geballt kurz vor dem Eingreifen Gottes zu sehen sein werden. Ich lese dir dazu mal eine Passage aus der Bibel vor: "Ihr werdet von Kriegen hören, es wird Lebensmittelknappheit und Erdbeben an einem Ort nach dem anderen geben." (Matthäus 24: 6,7)
Wenn ich das vorlese, sagen viele, das klinge wie die aktuellen Nachrichten. Daran erkenne ich, dass es bis zum Eingreifen Gottes nicht mehr lange dauern kann – und das ist auch der Grund, wieso wir als Zeugen Jehovas andere Menschen über die Inhalte der Bibel informieren.

(Anmerkung: Mehrere Vorhersagen, der Zeugen Jehovas stellten sich bislang als falsch heraus. Der Weltuntergang sollte zuerst 1914, dann 1918, 1925 und schließlich 1975 schon mal eintreten.)

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