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Psychokiller... Qu'est ce que c'est

Stephan Harbort nimmt sich immer für uns Zeit, wenn wir mal wieder etwas über Serienmörder wissen wollen.
24 April 2012, 9:30am

Stephan Harbort nimmt sich immer für uns Zeit, wenn wir mal wieder etwas über Serienmörder wissen wollen. Als junger Polizeistudent ist ihm Anfang der 90er das klaffende Vakuum in der deutschen Serienmordforschung bewusst geworden. Seitdem hat er unermüdlich die komplette deutsche Serienmörderszene seit Ende des zweiten Weltkriegs untersucht. Mit Hilfe von 250.000 Blatt Papier, Interviews mit über 70 Serienmördern, Gesprächen mit Opfern, Angehörigen und Partnern, sowie akribischen Studien von Gerichtsakten und der amerikanischen Serienmörderliteratur hat er mittlerweile 16 Bücher geschrieben und arbeitet als Berater für diese ganzen Kriminalsendungen, mit denen ihr Sonntagnacht immer euer Wochenende ausklingen lasst. Für sein neustes Buch hat er sich die Frauen von Serienmördern vorgenommen.

Vice: Hallo Herr Harbort, wer datet denn bitte freiwillig einen Serienmörder?
Stephan Harbort: Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Frau, die immer wieder mit Eifersuchtsgedanken in Kontakt kommt und darunter leidet.

Also so ziemlich alle Frauen, die ich kenne.
Aber da gibt es jemandem, mit dem niemand etwas zu tun haben will und der auch—was ein großer Vorteil ist—nicht weglaufen kann. Der auch sonst kaum eine Möglichkeit hat, fremdzugehen. Diese Grundvorausset-zung ist für bestimmte Frauen schon sehr, sehr interessant.

Es waren also keine Manson-mäßigen Charismatiker, die die Frauen um den Verstand gebracht haben?
Es gab eine Sache, die diese Frauen immer wieder gesagt haben, und zwar „Er ist der erste und einzige Mann, der mich so genommen hat, wie ich bin.“ Das hatte weniger mit dem verbrecherischen Habitus zu tun, sondern einer bestimmten Form von Behandlung.

Das erinnert mich irgendwie an Bridget Jones, aber egal. Haben die Pärchen auch zusammen gemordet?
Es gab schon Mörderpärchen. Dabei ist auffällig, dass bis auf eine Ausnahme immer der Mann die treibende Kraft war. Der Täter spinnt seine Freundin/Frau oft in die Taten mit ein, indem er zum Beispiel einem Opfer Schmuck wegnimmt und diesen seiner Frau schenkt. Für ihn ist das jedes Mal, wenn er mit seiner Frau auf eine Party geht, ein innerer Triumphzug.

Mich hat schon immer die Frage interessiert, ob es einen Moment gibt, in dem Serienkiller durchknallen und ihren ersten Mord begehen. Gibt es solche Schlüsselerlebnisse?
Ja, aber die können ganz unterschiedlicher Natur sein. Wenn man sich die Sexualstraftäter anschaut, stellen insbesondere bei Sadisten, fast durchgängig das Beobachten von Tierschlachtungen so einen Wendepunkt dar.

Haben Sie ein konkretes Fallbeispiel?
Ja, ein junger Mann lebt ganz unauffällig. Dann wendet sich der Vater einer anderen Frau zu, lässt sich scheiden und lernt eine neue Frau kennen, die den Jungen nicht akzeptiert. Es gibt immer wieder Zerwürfnisse und es kommt zu regelrechten Hassgefühlen und er würde diese Frau am liebsten umbringen. Stattdessen geht er nach jedem Zerwürfnis raus und sucht nach jungen Frauen, die dieser neuen Frau des Vaters ähnlich sehen und sticht sie ab. Er kann sich ans Tatgeschehen nicht wirklich erinnern, und auf die Frage, warum er sich nicht an der Frau des Vaters vergriffen hat, sagt er, „Na ja, das konnte ich ja nicht, weil ich meinem Vater nicht wehtun wollte.“ Das ist eine typische Situation, wie ein Mensch, der bis dahin komplett unauffällig war, in eine Konfliktsituation gerät, die er glaubt, nur dadurch lösen zu können, dass er andere Menschen radikal zu Tode bringt.

Das ist aber schon eine ziemlich verdrehte Logik, kommt so was oft vor?
Ich habe mal mit einem gesprochen, der ältere Frauen, die vermögend aussahen, bis in ihre Wohnungen verfolgte, sich als Paketfahrer ausgab und sie dann umbrachte und ausraubte. Das war für ihn, wie er sagte, ein „Job“.

Also, so wie ich ins Büro gehe, ging der Typ Frauen abstechen?
Ich habe in einem Gespräch selten jemanden erlebt, der so nüchtern und kaltherzig reagierte. Er sagte, „Ich brauchte Geld und dann hab ich das gemacht und dann war das für mich auch erledigt.“

Und der Typ hatte nie irgendwelche Skrupel?
Er war mal bei einer älteren Frau. Die war gehbehindert mit Stock und auch sehr resolut und fuchtelte da immer mit dem Gehstock herum. Er setzte sie dann in der Küche auf einen Stuhl, zog ihr eine Plastiktüte über den Kopf und versuchte, sie zu ersticken. Dabei hat er dann auf der Kommode ein Bild gesehen, wo das Opfer mit seinem Enkelkind und noch anderen Personen abgebildet war und er meinte, „In dem Moment, wo ich gesehen habe, dass die auch noch ein Enkelkind hat, musste ich erst mal aufhören.“

Hat er die Frau dann in Ruhe gelassen?
Er hat die Bilder von der Kommode weggeräumt und irgendwo hingetan, wo er sie nicht mehr sehen konnte und meinte dann, „Als ich das gemacht hab, dann war ich wieder so weit, und habe es zu Ende gebracht, da war es kein Problem mehr.“ Jeder Täter, sei er noch so herzlos, hat irgendwo einen wunden Punkt. Wenn es gelingt, den zu treffen, hat man vielleicht die Chance zu überleben.

Was sollte ich tun, wenn ich so einem Irren begegne?
Ein Täter, der sadistisch geprägt war, hat einige Opfer wieder freigelassen, und ich wollte wissen, warum. Er sagte: „Na ja, ich wollte, dass die Frauen Angst vor mir haben und ich das auch körperlich sehen kann. In ihren Augen. Die sollten so richtig vor mir zittern, das hat mich so richtig angetörnt. Die Frauen, die so reagiert haben, habe ich dann umgebracht. Aber es gab auch Frauen, die haben mir angeboten, dass ich sie küssen kann, oder ein Gespräch führen kann, und wenn die mir so gekommen sind, dann bin ich mir meiner eigenen Minderwertigkeit, meiner Abartigkeit bewusst geworden, da kam ich mir so klein vor, da bin ich einfach nur noch abgehauen.“

Wenn Sie so viel mit diesen Leuten zu tun haben, erwischen Sie sich manchmal im Privatleben dabei, dass sie jemanden treffen und denken, „Mmh, mit dem stimmt was nicht...“
Ich hüte mich davor, dieses Wissen auf Menschen anzuwenden, denen ich tagtäglich begegne. Das würde auch zu weit gehen. Ich muss mit diesem sehr belastenden Thema auch mal abschließen.