Sebastian Meyer zog in den Krieg

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Sebastian Meyer zog in den Krieg

Sebastian Meyer ist ein Fotograf, der im Jahre 2009 seine Sachen gepackt und in den Irak abgehauen ist. Dort hat er Iraks erste Fotoagentur gegründet.
22.5.12

Sebastian Meyer ist ein amerikanischer Fotograf, der im Jahre 2009 seine Sachen gepackt und von London aus in den Irak abgehauen ist. Gemeinsam mit dem Fotografen Kamaran Najm hat er Iraks erste Fotoagentur, Metrography, gegründet. Mittlerweile hat Metrography 60 Fotografen unter Vertrag und bildet so in einem jahrzehntelang von Krieg und Unruhen geschüttelten Land eine blühende und verlässliche Quelle des Fotojournalismus.
Sebastian dokumentierte Konflikte im Irak, in Afghanistan, in Libyen und wurde dieses Jahr als Gewinner bei den Magenta Flash Forward Emerging Photographers ausgezeichnet.
 
VICE: Mit den Bildern, die du in Libyen gemacht hast, hast du vor Kurzem in der „Documentary and Photojournalism“-Kategorie der Exposure Awards gewonnen. Wenn man das Offensichtliche beiseite lässt, was hat dich dorthin gebracht?
Sebastian Meyer: Während der Revolution in Ägypten hatte ich einen Auftrag in Bagdad und fand es sehr schwierig, im Irak festzustecken. Ich bin um 5 Uhr morgens aufgewacht und den ganzen Tag fotografieren gegangen. Dann kam ich heim und sah mir auf Al-Jazeera die Geschehnisse des Tages an. Ich wollte da unbedingt hin, konnte meinen Auftrag aber nicht einfach sausen lassen. Als ich dann fertig war, war Mubarak gerade zurückgetreten und die Revolution in Libyen war am Kommen. Also bin ich von Bagdad nach Sulaimaniyya (wo ich wohne), habe mir die 7.000 Dollar, die ich durch einen Auftrag im Januar gemacht hatte, in eine stinkende Socke gesteckt und bin nach Kairo geflogen. Dort habe ich Leute von der Washington Post getroffen und bin nach Libyen gefahren. Was war die kniffligste Situation, in der du dich wiedergefunden hast?
Die angsteinflößendste Situation war in Misurata, als ich mit Sanitätern zur Front mitten im Zentrum der Stadt gefahren bin. Überall schlugen Raketen, Granaten und Streubomben ein. Die Aufgabe der Sanitäter war es, sich dort aufzuhalten, bis man sie brauchen würde, also saßen wir da einfach rum, während es um uns herum Bomben hagelte. Es gab nichts zu fotografieren, nichts zu tun, nichts, was mich von dem, das geschah, ablenken konnte. Ich musste einfach da sitzen und mit all dem klar kommen.
 
Mit wie vielen Fotografen arbeitet ihr aktuell zusammen?
Das sind mittlerweile ungefähr 60 Fotografen, aber nur 10 davon fotografieren auf so einem Niveau, dass wir sie zu Aufträgen schicken können.
 
Was für einen Background haben die Fotografen?
Unsere Fotografen haben die verschiedensten Hintergründe. Manche haben Väter, die Fotografen waren. Andere haben als Freizeitbeschäftigung einfach irgendwann eine Kamera in die Hand genommen und angefangen, während des Kriegs für die Agenturen zu arbeiten. Wir haben auch einige Fotografen, die von Kunsthochschulen kommen. Viele von den jungen Fotografen waren Flüchtlinge und einige der älteren waren im Iran/Irak-Krieg. Es ist eine außerordentlich bunt gemischte Truppe und jeder hat seine eigene Geschichte.
 
Was hast du gemacht, um diese Leute zu finden?
Es ist alles Mundpropaganda. All die Jungs von den Agenturen kennen sich untereinander, also war es in einigen Fällen einfach. Allgemein aber war es eine Herausforderung, vor allem, die Leute zu finden, die in den gefährlicheren und weiter abgelegenen Orten leben: Anbar, Mosul und einige der südlichen Regionen. Fotografinnen sind besonders schwer zu finden.
 
Ich denke mir, dass Fotografinnen Irak aus einer ganz anderen Perspektive sehen, wodurch einige interessante Bilder entstehen könnten.
Wir haben zwei Frauen und sie sind beide hervorragend. Julie Adnans Bilder wurden von National Geographic veröffentlicht. Beide, Julie und Bnar, schaffen wirklich einmalige Arbeiten. Erstens, und am offensichtlichsten, haben sie Zugang zu 50% der Bevölkerung, was dem Rest von uns nicht gelingt. Zweitens schaffen sie es dadurch, dass sie Fotografinnen sind, viele Männer zu verwirren, was entwaffnend sein kann. Im Großen und Ganzen fühlen sich ihre Bilder viel intimer an als das, was die meisten Männer liefern.
 
Lebt ihr mit dem ständigen Wissen, dass ihr besonders vorsichtig sein müsst?
Die größte Schwierigkeit ist die grundlegende Paranoia vor Journalisten und vor allem vor Fotos und Videoaufnahmen. Die Regierung ist paranoid, die Sicherheitskräfte sind paranoid und die Menschen sind paranoid. Wir verbringen sehr viel Zeit damit, den Leuten gut zuzureden und sie davon zu überzeugen, dass sie uns Bilder machen lassen. In puncto Sicherheit ist das Leben im Norden, dort, wo ich wohne, sicher. Im Rest des Landes ist das nicht so. Also ja, man gewöhnt sich daran, eine erhöhte Alarmbereitschaft zu haben, wenn man in solchen Gegenden ist. Ich gehe eigentlich auch ganz gut als Kurde durch, so ziehe ich nicht so viel Aufmerksamkeit auf mich. Wenn ich im Landesinneren Fotos mache, muss ich mir nicht keine großen Sorgen machen, als Ausländer angegriffen zu werden.
 
Läuft es momentan finanziell besser, weil die meisten Journalisten das Land verlassen haben und du mehr Bilder verkaufen kannst, oder ist es so, dass sich  mittlerweile weniger Leute für den Irak interessieren?
Es interessieren sich natürlich viel weniger Menschen für den Irak, weil das US-Militär abgezogen ist. Krieg kann man leicht verkaufen. Außerdem sind die Menschen schon ziemlich müde von der endlosen Horrorflut aus dem Irak. Also ist es jetzt nicht mehr so einfach wie vorher, Geschichten zu verkaufen. Aber wie du schon sagst, ist hier nicht mehr besonders viel Presse, also ist auch die Konkurrenz geringer. Um ehrlich zu sein, lebe ich nicht hier, weil ich es für eine besonders clevere Geschäftsidee halte—obwohl es durchaus gut war, als ich hergezogen bin—ich lebe hier, weil ich es so faszinierend finde.
Wenn das Land wieder stabil ist, wird es auch mehr kommerzielle Arbeit geben, was ein guter Grund wäre zu bleiben. Istanbul und Kairo sind großartige Knotenpunkte, die viele Journalisten beheimaten. Vielleicht wird auch Bagdad eines Tages solch ein Zentrum werden.
 
Deine eindrucksvollen Tonaufnahmen von der Front geben dem Zuschauer ein umfangreicheres und intensiveres Verständnis davon, wie es wohl dort gewesen sein muss. Ist das in einer Zeit, in der Menschen immer mehr durch die überwältigende Fülle an dramatischen Bildern desensibilisiert werden, besonders wichtig?
Ja, ich denke schon. Ich überdenke mittlerweile sogar Krisengebiets-Fotografie als Ganzes. Ich denke nicht, dass ein Standbild noch stark genug ist, die Aufgabe, die es hat, zu erfüllen. Wenn Bilder des Krieges nicht erschreckend sind, dann erzählen wir die ganze Geschichte falsch. Ich habe das Gefühl, dass wir in Bezug auf Kriegsbilder sehr selbstgefällig geworden sind, und es ist meine Aufgabe als Journalist, eine so gute Geschichte zu erzählen, dass alle wieder aufmerksamer werden. Tonaufnahmen sind ein Teil dessen, wie ich versuche, das zu realisieren.

Kann das nicht deinen eigentlichen Fokus als Fotograf behindern?
Meine Tonaufnahmen haben höchstens Amateurqualität. Jeder Radiojournalist würde sich für eine solche Qualität schämen. Aber wie du sagst, ich kann mich nicht auf Beides konzentrieren. Also schnalle ich mir einfach ein Aufnahmegerät an die Hüfte und mache weiter Fotos. In einer idealen Welt würde ich zusammen mit einem Radio-Journalisten arbeiten und wir würden eine großartige Gemeinschaftsproduktion schaffen.

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