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Waterboarding is for Pussies

Ein repräsentativer Querschnitt durch die schmerzhafte Landschaft des Folterns.
2.9.09

Die folgende Szenen sehen zwar sehr verlockend aus, aber versucht bitte nicht, es nachzumachen. Es war ein wissenschaftliches Experiment mit ernsthafter Gefährdung, das deswegen auch unter ärztlicher Aufsicht stattfand. MACHT ES NICHT NACH!

Als ich Felix kennenlernte, ahnte ich nicht, dass ich ihn drei Monate später mehrere Stunden mit einem 100.000-Volt-Elektroschocker foltern würde. Eigentlich hatte ich ja nie vorgehabt, überhaupt jemals jemanden zu foltern. Das war etwas, das fremde Menschen fremden Menschen an weit entfernten Orten antaten. Eines dieser Dinge, die zwar unablässlich bequatscht, aber im Prinzip mit jeder Neuauflage des Milgram-Experiments und jedem reißerischen Guantánamo-Special abstrakter wurden. Irgendwann reihte sich die Problematik in der öffentlichen Wahrnehmung irgendwo zwischen dem Artensterben und dem Ozonloch ein: als Normalität. Aber trotz allen Gelabers wurde nie wirklich klar, wie es nun eigentlich ist, wenn nicht irgendeinem Arsch im Fernsehen, sondern dir selbst der Arsch aufgerissen wird. Dabei gibt es Folter nicht erst seit gestern. Statt uns also auf irgendwelchen Homepartys waterboarden zu lassen, beschlossen Felix und ich, ein paar der historisch gängigsten Foltermethoden auszuprobieren. Wir ließen uns von einem Experten die Details (und Risiken) erklären und begaben uns in jene Abgründe der menschlichen Psyche, von denen uns erzählt worden war, auf deren Erfahrung wir jedoch im Nachhinein dankend verzichtet hätten. BOX Foltern funktioniert wie Pokern: Du musst entweder auf dem niedrigsten Level starten oder gleich alles einsetzen. Es bleibt dir überlassen, ob du es mehr oder weniger harmlos findest, stundenlang auf engstem Raum eingesperrt zu sein, ohne dich bewegen zu können, Arme und Beine an den Körper gefesselt. Zwangshaltungen zählen zu den Foltermethoden, die eigentlich immer und überall angewendet werden. Diese hier nennt sich auch „Sardinenbüchse“. Die eingeengte Position führt zu unerträglichen Schmerzen, deine Gelenke entzünden sich. Gefolterte Falung Gong-Anhänger wurden nach eigenen Angaben bis zu 80 Stunden bei sengender Hitze in Metallboxen eingeschlossen. Insofern fand ich, dass Felix sich ganz schön anstellte, als er nach ein paar Minuten anfing, wie wild im Inneren der Kiste um sich zu schlagen und rumzuheulen. Wir hatten doch noch nicht mal richtig angefangen. Felix: Am Anfang dachte ich noch, alles wäre cool und machbar und entspannt, denn die ersten Minuten in der Kiste waren wie ein Trip zurück in den Uterus meiner Mutter. Nur, dass meine Mutter während der Schwangerschaft eigentlich nicht schwer gesoffen hat. Ich lag also keuchend in diesem Perpetuum mobile der Qual, während ich mir selbst die Temperatur hochatmete und mir ausrechnete, wann ich wohl ersticken würde, bis die Schmerzen einsetzten und etwas Abwechslung in die Sache brachten. Der Auftakt waren infernalische Krämpfe in den Beinen, die durch meine Versuche, meine Position auch nur geringfügig zu verändern, zu weiteren Schmerzen führten. Ich hatte nie gedacht, dass mich einmal meine Zehen alleine dazu bringen würden, vor Pein zu schreien. Doch irgendwann verlor ich schließlich das Zeitgefühl und mit ihm ging meine Körperkontrolle flöten. Meine Glieder begannen unkontrolliert zu zucken und prügelten gegen die Wände der Kiste. Im Grunde verdrosch ich mich also selbst.

KOPFÜBER AUFHÄNGEN

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Die eigentliche Folter sind, so der Experte, die Pausen zwischen den Foltern. Das Wissen, dass du ausgeliefert bist, nicht weißt, was dir als Nächstes angetan wird. Felix wusste Bescheid, denn ich erklärte es ihm ausführlich: Bei der Grillhähnchenmethode und auch beim Kopfüber-Aufhängen fließt Blut in deinen Kopf—dein Kopf schwillt an –, es folgen Kurzatmigkeit, Schwindel und schließlich unsagbare, migräneartige Schmerzattacken. Manche Folterer stellen zusätzlich Elektrokocher unter den Herabbaumelnden. Kurzum, wenn dich keiner runternimmt, stirbst du irgendwann. Es war ziemlich schwer, Felix festzubinden, aber ich muss sagen: Die Zeit, die er da hing, war das erste Mal unserer Bekanntschaft, dass er länger als eine Stunde niemanden um eine Zigarette anschnorrte.

CHINESISCHE WASSERTROPFENFOLTER

Es ist vielleicht nicht die ideale Position, um Mitleid einzufordern, aber Foltern ist echte Drecksarbeit. Kein Wunder, dass die Wassertropfenfolter den Chinesen angehängt wurde (in Wirklichkeit haben sich das die Italiener ausgedacht). Die Prozedur ist althergebracht: Der Kopf des Opfers wird so fixiert, dass es ihn nicht bewegen kann. Dann tropft aus einer Schale langsam und regelmäßig Wasser auf seine Stirn. Klingt raffiniert, aber der Scheiß will erstmal aufgebaut sein. Felix war nach dem bisschen Abhängen keine große Hilfe mehr, er lag nur flennend in der Ecke, also musste ich die Apparatur alleine konstruieren. Das Perfide ist nicht das Wasser, sondern das unablässige Warten auf den nächsten Tropfen. Und den nächsten. Das macht dich letztlich wahnsinnig. Am Anfang merkte ich davon nicht viel—eigentlich sah Felix ganz rosig und erfrischt aus.

Felix: Nach der Kiste dachte ich, dass dieses „andersherum gehängt“ werden, eine verdammte Wohltat für meinen immer noch krampfenden und flennenden Körper sein müsste. Aber im Grunde ist es das Gleiche, nur noch beschissener, falls das einen Sinn ergibt. Die Krämpfe kamen wieder, und mein Blut rauschte aus meinen Beinen in den Schädel. Kurz darauf fühlten sich meine Augen jedenfalls an, als wären sie gekocht worden. Ich glaubte ernsthaft, dass sie mir gleich aus dem Schädel platzen würden. Auch Minuten danach konnte ich noch nicht wieder richtig sehen. Alles sah so aus, als hätte man die Welt braunrötlich gebatikt.

Felix: Schon mal im Regen eine Frau geküsst und gedacht, das wäre nun der perfekte Moment und dann hat sie dir in die Eier getreten? Nach all der Scheiße dachte ich zuerst, dass das nun die Flitterwochen unter den Foltermethoden sein müssten. Zu Beginn entspannte ich mich sogar und beobachtete die Tropfen, wie sie auf meine Stirn plätscherten. Irgendwann begann ich jedoch ungeduldig zu werden. Sehr, sehr ungeduldig, seltsam ungeduldig, ungefähr so ungeduldig, als würdest du noch immer auf den Fahrscheinautomaten warten, während sich die Türen des Zuges bereits schließen, du dringend pissen musst, feststellst, dass du deinen Geldbeutel verloren hast und dass das nun der letzte Zug war, der dich rechtzeitig zu Weihnachten nach Hause gebracht hätte, bevor du dich schließlich wirklich einpisst. Teilweise war ich kurz davor.

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LÄRMFOLTER

Lärm ist eine der ältesten Foltermethoden der Welt. Schon im dritten Jahrhundert vor Christus, also erstaunliche 2300 Jahre vor Erfindung von Techno, wurden Gotteslästerer zu Tode getrommelt. Da hatten es die Guantánamohäftlinge fast besser: zwar monatelang auf einen Stuhl gefesselt, nackt, bei Eiseskälte und ohne feste Nahrung—aber dafür Metallica. Metallica wollte ich Felix dann aber doch nicht antun. Ich suchte stattdessen den abartigsten Schranz raus, den ich in die Finger kriegen konnte, befestigte die Kopfhörer mit Tape an seinem Kopf und stellte iTunes auf Repeat. Mich quälte nach wenigen Minuten schon das, was die Kopfhörer an die Umgebung abgaben. Felix wandt sich auf seinem Stuhl. Aber irgendwie wurde ich den Verdacht nicht los, dass es ihm gefiel.

ELEKTROSCHOCKS

Der Experte riet uns davon ab, mit den Elektroschocks auch nur in die Nähe von Felix’ Kopf zu kommen, da sie epileptische Anfälle auslösen können. Also habe ich mich für sein Bein entschieden. Bilder von Gao Rongrong und dem von Elektroschocks zerschmolzenen Fleischbrei, der einmal ihr Gesicht war, drängten sich mir auf. Das Paradoxe daran: dass sich in Deutschland jeder Idiot problemlos einen 700.000-Volt-Elektroschocker kaufen kann, ohne auch nur seinen Ausweis vorzulegen. Wir gelangten also beim Finale unseres kleinen Versuches an. Ich setzte den Elektroschocker an und jagte Felix einen Stoß ins Bein. Er fuhr zusammen und schrie auf. Ich machte weiter, bis er auf dem Boden lag und sich nicht mehr rührte.

Felix: Dieses Gabber-Gebratze wurde mit der Zeit meditativ und wummerte mich so direkt ins Debilen-Nirvana. Blind und taub vor Erschöpfung nickte ich sogar beinahe ein paarmal ein. Allmählich wurde die Isolation sehr nervtötend, aber ich hätte es noch Stunden ertragen können. Ich begann mich zu fragen, ob ich mich irgendwie selbst befreien könnte, da die Fesseln unangenehm scheuerten. Vielleicht dachte ich dabei auch nur daran, meinen Peinigern mit bloßen Händen das Genick zu brechen. Dass ich mir bei dem Versuch, mich aus den Stricken zu befreien, beinahe den Daumen ausrenkte, war allerdings auch schon das Schlimmste an dieser Methode. Wenn man bedenkt, dass für viele ein beschissenes Wochenende auf der Mayday das mit Abstand Beste in ihrem Leben ist, bin ich mit zwei Stunden Lärmfolter noch ganz gut davongekommen.

Felix: Die Schmerzen waren nicht das Problem, obwohl ich nach dem zweiten Schock bereits auf dem Boden lag und winselte. Der Schmerz verfliegt recht schnell, was bleibt, ist das Echo der Nerven, oder wie auch immer du es in Worte fassen willst. Ich glaube, jeder, der schon mal einen Stromschlag bekommen hat, weiß, was ich damit meine. Aber auch das war nicht der Punkt, denn hier erlebte ich erstmals das eigentliche Problem mit dieser Scheiße: den Menschen und die Abgründe seiner degenerierten Seele in Aktion. Ein paar 100.000 Volt lassen die letzten Hemmungen verschwinden—und plötzlich hat sich die geschätzte Kollegin in das Arschloch verwandelt, das dir in irgendeinem Knast eine Kugel in den Hinterkopf jagt.

Als Folter 1820 in Europa verboten wurde, geschah das nicht, weil sie unmenschlich, sondern weil sie unpraktisch war. Gerade in Zeiten, in denen sie hinter den Kulissen zunehmend an Akzeptanz gewinnt, steckt Kaing Guek Eav in uns allen. Es ist mir klar, dass ich ein privilegiertes Opfer war, falls es so etwas überhaupt geben sollte. Doch im Gegensatz zu den armen Schweinen in irgendwelchen Kellerlöchern auf dieser Welt, hätte ich diesen Scheiß jederzeit abbrechen, „verpisst euch“ brüllen und durch die Türe stürmen können. Deshalb kann ich eigentlich nicht wirklich sagen, gefoltert worden zu sein. Denn Schmerzen sind nicht das Ding, sie sind nur ein Nebeneffekt des Konzepts. Man steckt sie weg, gewöhnt sich daran, der Körper dröhnt sich irgendwann selber zu, was weiß ich—der menschliche Körper kann jedenfalls vieles ab. Nur der Verlust der persönlichen Freiheit, der Möglichkeit „Nein“ sagen zu können, einem anderen Menschen und dem, was Macht mit seiner Psyche anstellt, schutzlos ausgeliefert zu sein, das ist die wahre Hölle auf Erden. Für Juliane war es wahrscheinlich nur ein Job, ich hingegen zucke noch immer zusammen, wenn sie mich anspricht.

Fotos von Christoph Voy