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​Wo der Bürgermeister nicht nackt auf der Straße tanzt

So war die Bornhagen-Demo, bei der Bodo Ramelow "NSDAP"-Methoden witterte, wirklich.

von Alexander Nabert
06 Mai 2016, 9:11am

Am "Männertag" fand in Bornhagen, dem Wohnort des AfD-Fraktionsvorsitzenden der Thüringer AfD-Fraktion, Björn Höcke, die "Straight to Hell"-Demonstration gegen die rechte Partei statt. Bornhagen, wo 300 Menschen leben, kam in den vergangenen Wochen zu unrühmlicher Aufmerksamkeit, da die Antifaschisten, die die Demo organisierten, auf die Spitzenwerte, die die Partei dort erreicht, hinwiesen. Noch zwei Tage vor der Versammlung wurde die Demonstration von der örtlichen Versammlungsbehörde verboten, stattdessen sollte eine "Standdemonstration" stattfinden. Eine weitere Begründung, als dass eine Demonstration "leider nicht möglich" sei, wurde dabei nicht angegeben. Das Demonstrationsbündnis legte Widerspruch beim Verwaltungsgericht Weimar ein und schaffte es so, das Verbot zu kippen.

Im Vorfeld wurde kurz vor Bornhagen der NPD-Mann Thorsten Heise von der Polizei gestoppt. Mit einem Trecker transportierte er Mist, über dem ein Transparent mit der Aufschrift "Antifa heißt Angstschiss" prangte. Als er angehalten wurde, verlor er einen Teil seiner Ladung, die er wieder aufladen musste, bevor die Polizei ihn umdrehen ließ. Zuvor hatte er im Internet angekündigt, dass die Bornhagener Einwohner die Antifaschisten mit Pferdeäpfeln bewerfen würden. Gerichtet an die Antifaschisten, die aus Berlin anreisten, erklärte er dabei die Lebensweise der Dörfler: "Bei uns tanzen Bürgermeister noch nicht nackt auf der Straße!" Was Berlins Bürgermeister Michael Müller dazu denkt, ist nicht bekannt. Eine Google-Suche nach Nacktbildern des SPD-Mannes liefert keine befriedigenden Ergebnisse.

Dann trafen die Antifaschisten in Bornhagen ein. Die Polizei hatte offenbar mit ordentlich Tamtam gerechnet: Mit einer Reiterstaffel, zwei Wasserwerfern, einem Räumpanzer und vielen schwerbewaffnete Polizisten empfing man die mehr als 200 Antifaschisten in Bornhagen.

Auf alles vorbereitet: Die Thüringer Polizei | Alle Fotos: Alexander Nabert

Die vor allem aus Halle, Berlin und Göttingen angereisten Demonstranten wurden einzeln von den Uniformierten abgetastet und mussten ihre Taschen durchsuchen lassen. Doch letztlich war der einzige Zwischenfall, um den sich die Polizei kümmern musste, die Festnahme von zwei Rechtsextremen, die Widerstand gegen die Anweisung leisteten, nicht Richtung Dorfmitte zu gehen. Von den Antifaschisten ging keine Gewalt aus.

Als die Antifaschisten die Reiterstaffel bemerkten, sangen sie "Bibi und Tina auf Amadeus und Sabrina"

Stattdessen dankten sie Redebeiträgen und Sprechchören wie "Ohne Bodo wärn wir nur zu zehnt - ohne Ronnys wärt ihr ganz allein" dem Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow dafür, dass er der Demo überregionale Aufmerksamkeit bescherte. Dieser hatte zuvor mit Vergleichen mit der NSDAP gegen die geplante Demonstration geschossen. Ohne die dadurch produzierte Aufmerksamkeit wäre die Demonstration wohl kleiner gewesen. Die Demonstranten schafften es, das Bild, das Ramelow von ihnen gezeichnet hatte, zu zerstören. Denn Fackeln, von denen Ramelow im Zusammenhang mit den NSDAP-Mahnwachen vor Jüdischen Geschäften gesprochen hatte, hatten die linken Demonstranten nicht dabei. Auch vor Björn Höckes Haus zog der Demonstrationszug nicht—das war ohnehin nie geplant, auch wenn Ramelow Gegenteiliges behauptet hatte.

Dies ist nicht das Haus von Björn Höcke

Der Berliner Abgeordnete Oliver Höfinghoff (parteilos) trat als Versammlungsleiter auf. Zu VICE sagte er: "Warum Bornhagen? Weil es kein ruhiges Hinterland geben darf. Gerade kleinere Städte und Gemeinden in der ostdeutschen Provinz werden oft und gerne als Rückzugsräume für Nazistrukturen und rechte Kader genutzt. Ich halte es für sehr wichtig, dass auch hier in Bornhagen antifaschistischer Protest stattfindet."

Ein Mann mit "Legion Thüringen"-Shirt filmt das Geschehen aus sicherer Entfernung

Während der Demonstrationszug zwei Runden durch das winzige Dorf drehte, verkündeten Redner, warum sie sich gerade Bornhagen ausgesucht hatten, um gegen die AfD zu demonstrieren. Die rechte Partei erzielt dort Rekordergebnisse und steht prototypisch für die ostdeutsche Provinz. Es sei kein Wunder, dass der lange Zeit im Westen lebende Björn Höcke sich einen Ort wie diesen als Lebensmittelpunkt gewählt hätte. Mit Parolen wie "Fünfzig Schafe und ein Schwein—das hier muss Bornhagen sein" wiesen sie auf die zahlreichen Anhänger des Rechtsaußen-Politikers hin.

Bornhagen—Ein Drecksnest? Für diese Gruppe aus Halle definitiv

Dass die Bornhagener Dorfgemeinschaft derart scharf angegriffen wurde, gefiel nicht allen. Neben den festgenommenen Rechtsextremen fanden sich am Rande des Geschehens auch Bornhagener ein, deren "Ihr könnt nach Hause fahren" von den Antifaschisten ungleich lauter mit "Und ihr müsst hier wohnen!" gekontert wurde. Andere beäugten das Geschehen skeptisch bis empört aus der Ferne, aus ihren Häusern und von ihren Grundstücken aus.

Ein betrunkener Jugendlicher, der mit einigen Freunden auf Männertag-Tour war, sagte zu VICE: "Wenn sie uns fragen, ist die Antifa nicht besser als die Anderen. Aber die hier sind zumindest friedlich." Ein älterer Mann erklärte: "Ich habe nichts mit diesen Parteien zu tun, sage ihnen aber ganz klar: Für mich gehört der Islam nicht zu Deutschland. Ich mache mir Sorgen um unser Deutschland, um unsere Kinder."

Not amused

Doch es ging den Antifaschisten nicht nur darum, die Verhältnisse der Dorfgemeinschaft zu denunzieren. Vom Lautsprecher aus wurde angesagt, dass den Bornhagenern gezeigt werden soll, "wie Leben auch aussehen kann". Es wurde zu Techno getanzt, gefeiert und gelacht. Verbunden wurde das mit Angeboten "an die wenigen Vernünftigen, die es hier noch gibt". Eine zentrale Botschaft war: "Raus aus der Scheiße", was eine Aufforderung zur Landflucht sein soll. Und tatsächlich waren nicht alle Anwohner nur skeptisch. Eine ältere Frau etwa grüßte die Antifaschisten mit der linken Faust in der Luft, einem klassischen linken Gruß.

Aus dem Lautsprecherwagen schallt "Thüringen" von Rainald Grebe

Nach zweieinhalb Stunden war das Spektakel zu Ende. Eins ist klar: Diesen Tag wird man in Bornhagen so schnell nicht vergessen. Es passiert dort ja auch sonst nicht viel. Bodo Ramelow kommentierte auf Twitter, er fände den "Antideutschen Männertag mittlerweile irgendwie komisch". Und auch die Antifaschisten haben etwas Neues über Bornhagen gelernt: Es gibt dort ein Wurstmuseum. Es steht noch. Vielleicht ist das ja etwas für den nächsten Besuch in der Region.

Die "Dorfgemeinschaft" wollen sie durch Landflucht zerstört sehen—doch das Dorfgemeinschaftshaus blieb heil.