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Wirres Deutschland

Die Montagsdemos schaffen sich ab

Immer weniger Publikum, immer mehr Spinner.

Stefan Lauer

Stefan Lauer

Lars Mährholz kann einem langsam ein bisschen leidtun. Glauben wir doch einfach mal seiner selbstgestrickten Legende vom apolitischen Fallschirmspringer, der einfach nur für den Frieden ist und dann aus dem Nichts diese Demo auf die Beine gestellt hat. Und das lief ja auch gut. Eine Zeit lang. Von Mal zu Mal trafen sich mehr Leute am Brandenburger Tor oder am Potsdamer Platz. Kritik wurde vom digitalen Mob abgeschmettert. Für den unbedarften Beobachter sah alles wunderbar aus. Sicherlich auch einer der Gründe, warum die Teilnehmerzahl eine Zeit lang immer weiter wuchs. Man fand sich nur in den seltensten Fällen neben einem wahnsinnigen Chemtrailgläubigen wieder, und selbst die Nazis blieben in der Masse der Teilnehmer anonym. Mittlerweile sieht das alles aber ein bisschen anders aus. Das Interesse lässt nach. Über die Gründe kann man nur spekulieren, aber die 1000 Teilnehmer werden nicht mehr erreicht. Selbst am vergangenen Montag kamen sehr viel weniger Menschen auf den Potsdamer Platz als noch in der Woche zuvor (als immerhin die deutsche Mannschaft gegen Portugal spielte), und gestern sah es noch schlechter aus. Selbst überzeugte Teilnehmer fangen ob der Qualität der Redebeiträge an zu zweifeln.

Das heißt also, dass sich die vielbeschworenen „Neu-Demonstranten“, die vermutlich wirklich noch nie eine Demo besucht haben und sicherlich mit guten Absichten was für den Frieden tun wollen, langsam verabschieden. Das alles hält allerdings die größten Fans von Lars, Ken und Co. nicht davon ab zu erscheinen. Die Bizarro-Demonstranten (Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker und Nazis) bleiben dabei. Das zeigt nur aber immer genauer, was diese Demo eigentlich ausmacht, und das dürfte Mährholz überhaupt nicht gefallen.

Außerdem trat letzte Woche ein Redner auf, der über die Situation in der Ukraine berichten sollte. Tatsächlich wusste aber niemand, wer dieser Sprecher eigentlich war, bis sich einige Internetaktivisten dem Thema annahmen. Es handelte sich nämlich eigentlich um Stefan Tischer, ein Mitglied der BüSo (Bürgerrechtsbewegung Solidarität). Diese aus den USA organisierte und zugegebenermaßen sehr unerfolgreiche Partei existiert seit Jahren in Deutschland, wobei eine Einordnung in das politischen Schema schwer fällt. Immerhin wurde die Gruppe 1996 von der Kohl-Regierung als „Polit-Sekte“ eingeordnet und immer wieder tauchen Antisemitismus-Vorwürfe auf.  Vor elf Jahren kam es außerdem im direkten Umfeld dieser „Sekte“ zu einem weiterhin ungeklärten Todesfall. Daneben erwähnenswert war sicherlich die Rede von Jan Henrik Bauer, der mit Hilfe zweier Hühnerpuppen sowohl die Kontroverse um Jutta Ditfurth und Jürgen Elsässer erläuterte, als auch erklärte, warum 9/11 nicht so abgelaufen ist, wie es die Mainstreammedien berichten. Außerdem durfte ein HipHopper auf die Bühne, der über Chemtrails rappte und in einem weiteren Song Zyklon-B mit Krebs gleichsetzte.

Lars Mährholz stellt seinen Nachfolger (rechts) vor. Die beiden Herren links sind ebenfalls Teil des „Orga-Teams".

Im Laufe der letzten Wochen hat sich nun scheinbar die Situation innerhalb der Organisation der Friedendemos so aufgeheizt, dass es zu einer Spaltung kam. Viele der eher konservativen Stimmen sind nicht mit der immer stärker werdenden Präsenz von Pedram Shahyar einverstanden, angeblich würde das Führungs-Triumvirat, das nach der Distanzierung zu Jürgen Elsässer nun aus Mährholz, Jebsen und Shahyar zu bestehen scheint, die Forderungen der Mahnwache weichspülen. Auf seiner Facebook-Seite wird ihm vorgeworfen, dass eine Öffnung nach links durch Shahyar aktiv betrieben wird, während man nach rechts blockiert (was zwar nicht der Fall ist, aber scheinbar schon als Möglichkeit die Mahnwachenteilnehmer verängstigt).

Und eigentlich bleibt alles beim Alten. Der Nachfolger von Mährholz im angeregten Gespräch mit dem Stammgast der Mahnwache, Thomas Keller. Keller ist zusammen mit Dr. Axel Stoll Mitbegründer des Neuschwabenland-Treffens.

An der Oberfläche bleibt natürlich alles freundlich, aber nichtsdestotrotz findet ab nächster Woche eine zweite Mahnwache am Alexanderplatz statt, die sich angeblich direkter an die Bedürfnisse der Menschen richten soll. Und (Special Bonus!) es wird ein Open Mic geben. All diese Faktoren versprechen ein ganz neues Level an Irrationalität und Merkwürdigkeiten, wie sie die Montagsdemo bisher noch nicht gesehen hat. Mährholz stand jedenfalls immer mehr in der Kritik und entschied sich jetzt scheinbar dazu, in den Hintergrund zu treten. Seine Moderation wird von einem Herrn übernommen, der als Krystian vorgestellt wurde und sich Aeiou Faux nennt. Mährholz selbst sagte in seiner Rede, dass er zusammen mit Pedram Shahyar und Ken Jebsen bei kleineren Montagsdemos aufschlagen will, um mehr Leute zu mobilisieren. Wenn das dann genauso gut funktioniert wie in Berlin, wo zu besten Zeiten 2.000 bis 3.000 Menschen demonstrierten und heute noch wohlwollend geschätzte 300, kann man ihm nur alles Glück der Welt wünschen.

Einer der Initiatoren der neuen Mahnwache am Alexanderplatz

Das zweite Highlight von gestern war die Rede von Dr. Ansgar Klein, der als Abgesandter der (klassischen) Deutschen Friedensbewegung angekündigt wurde. Tatsächlich war seine Rede technisch betrachtet eine der besten, die jemals auf dieser Mahnwache gehalten wurden, wo ja nicht unbedingt die hellsten Leuchten aus Gottes Glühbirnenregal glühen. Inhaltlich war das ganze aber eher zweifelhaft. Nicht nur, dass in einem Rutsch die ganze Bewegung (scheinbar) legitimiert wurde, Verschwörungstheoretiker wurden mit Thesen zum 11. September bestärkt, die schon so lange widerlegt sind, dass sie schon auf der Seite von n-tv erklärt werden. Und dass die FED alle großen Kriege mitfinanziert hat, wird man ja wohl noch sagen dürfen?

Dr. Klein zusammen mit Aeiou Faux und Mährholz.

Weil ich diesen Auftritt doch gelinde gesagt eher befremdlich fand, habe ich heute mit Otmar Steinbicker gesprochen, Friedensaktivist der ersten Stunde, Herausgeber des Friedenmagazins Aix Paix und Mitglied im Rat der Kooperation für den Frieden, immerhin der Dachverband der deutschen Friedensbewegung, der mir sagte: „Ich sehe niemanden in der Kooperation, der die Position von Ansgar Klein teilt.“ Die Kooperation für den Frieden hatte sich schon Anfang April ziemlich eindeutig von den Mahnwachen distanziert und „diese Erklärung ist nicht zurückgenommen worden und steht so weiterhin“, sagt Steinbicker. Außerdem schließt er eine Kooperation mit der Mahnwache unter den momentanen Umständen kategorisch aus: „Da, wo Mährholz, Jebsen und Elsässer ihre Finger drin haben, kann es keine Kooperation geben.“ Interessant übrigens auch seine Einschätzung  über die Motive der Mahnwache: „Eine ganz bewusste Geschichte von rechts mit antisemitischem Hintergrund, um eine Bewegung zu schaffen.“

Außer der Vorfreude auf das Open Mic auf dem Alexanderplatz, bleibt also eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Fotos: Gergana Petrova

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