Tschechische Roma stellen sich organisierten Neonazigangs in den Weg

In Tschechien werden Roma von Nazis diskriminiert und angegriffen. Sie bekommen kaum Ausbildungs- oder Arbeitsplätze—und wenn, dann nur sofern sonst niemand die Stelle beansprucht. Sie leben in Ghettos und werden sogar von dort vertrieben. 

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Nov. 6 2013, 2:12pm

Roma haben es auch in Tschechien nicht leicht. Neben Alltagsdiskriminierung haben sie ständig Stress mit Faschisten, die sie am liebsten töten und ihre Häuser anstecken wollen. In der osttschechischen Industriestadt Ostrava wollen sich die hier lebenden Roma nicht länger mit dem vorherrschenden Rassismus abfinden. Bei einer spontanen Demonstration zogen 200 von ihnen Ende Oktober zum ersten Mal durch die Straßen.

Die Roma stellen sich organisierten Neonazigangs in den Weg, die fast jedes Wochenende in tschechischen Städten Stimmung gegen die Minderheit des Landes machen und hierfür von zahlreichen rassistisch eingestellten Bürgern beklatscht werden.

Die meisten tschechischen Roma wurden bereits als Kinder beim Zugang zu Bildungseinrichtungen benachteiligt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie ohne jegliche Vorüberprüfung auf eine Schule für Lernbehinderte gehen müssen.

Anschließend finden sie vermutlich nur einen Job, wenn sich keine Nicht-Roma auf die Stelle bewerben. Auch bei der Wohnungssuche stehen ihnen nicht gerade viele Türen offen. Viele Roma leben deshalb quasi in Ghettos, da sie nur in bestimmten Stadtteilen oder Straßen die Chance haben, eine Wohnung zu bekommen. Doch auch dort fällt es schwer, sesshaft zu werden, denn in den letzten Jahren kam es häufig zu Zwangsräumungen. Hierbei erhielten zahlreiche Familien gleichzeitig Räumungsbescheide und die Aufforderung, ihre Wohnungen binnen 24 Stunden zu verlassen. Einigen Betroffenen wurden im Zuge dessen Wohnungen in sogenannten Hostels angeboten. In diesen Roma-Häusern haben die Familie oft noch weniger Platz und müssen höhere Mieten als zuvor zahlen.

Bei den wöchentlichen rechtsradikalen Protesten gegen Roma in den verschiedenen tschechischen Städten und Dörfern gleichen sich die Abläufe: Nach einer Hetzkundgebung löst sich der gewaltbereite Teil der Versammlungsteilnehmer und versucht, Roma-Wohngegenden anzugreifen. Der Erfolg dieser Angriffe hängt meist von der Anzahl der eingesetzten Polizeikräfte ab—so bleibt es manchmal friedlich oder es entwickeln sich Straßenschlachten mit der Polizei. 

In Ostrava finden an solchen Aufmarschtagen seit einigen Monaten kleinere Roma-Kundgebungen als Gegenprotest statt. Diese sind aus Sicherheitsgründen meist zeitlich und räumlich versetzt, dennoch kommt es häufig zu Zusammenstößen.

Ende Oktober versammelten sich einige Roma zu einem kleinen Fest an der Kirche der Jungfrau Maria im Zentrum von Ostrava. Zeitgleich startete wenige hundert Meter entfernt eine Anti-Roma-Kundgebung von rund 300 Rechtsradikalen. In kleinen Gruppen zogen die Rechten anschließend durch die Straßen, um Polizeiabsperrungen zu umgehen und Roma anzugreifen oder ihre Häuser zu beschädigen. Aufgrund der hohen Polizeipräsens brachen sie ihre Versuche nach einigen Stunden ab. Aus Sorge vor Übergriffen hatten sich die Roma zwischenzeitig vom Vorplatz der Kirche ins Innere des Gotteshauses zurückgezogen. Nach einer Weile des Ausharren beschlossen die Anwesenden, dass sie sich nicht länger von den Straßen fernhalten wollen. Sie begaben sich auf den Vorplatz der Kirche, wo sie der Pfarrer, ein Unterstützer des Roma-Protests, zur Friedlichkeit aufrief. 

Unter „Stoppt den Rassismus“- und „Wir sind hier zu Hause“-Rufen zogen sie zu einem nahegelegenen Roma-Hostel, wo sie eine Zwischenkundgebung abhielten. Einige Dutzend Neonazis wurden von den Polizisten auf Abstand gehalten. Die Demonstranten haben in diesem Moment nicht nur ihre Angst vor den versammelten Rechtsradikalen überwunden. Sie konnten auch feststellen, dass sie mit ihren Forderungen nicht ganz alleine dastehen, denn aus einigen Fahrzeugen und Wohnungsfenstern wurde ihnen zustimmend zugewunken.

Etwa zwei Dutzend Menschen versammelten sich nahe einer Roma-Unterkunft im tschechischen Ostrava um gegen Rassismus zu protestieren. Wenig später beginnt eine Neonazi-Kundgebung gegen die Roma-Unterkunft in dessen Verlauf versucht wird, die Unterkunft anzugreifen.

Die Teilnehmer einer Roma-Kundgebungen gegen Rassismus werden immer wieder von Neonazis beschimpft und bedroht.

Etwa 1000 Menschen nehmen an einer Kundgebung der rechtsradikalen Partei DSSS teil. Nach den Hetzreden gegen die tschechische Roma-Minderheit wird versucht ein nahegelegenes Roma-Haus anzugreifen.

Schon während der Kundgebung der rechtsradikalen DSSS waren einige Demonstranten vermummt. Sie schwenkten die tschechische Fahne und stimmten „Tschechien den Tschechen“-Sprechchöre an.

Unmittelbar nach der Rede des DSSS Vorsitzenden versuchen die Neonazis eine rund 150 Meter entfernte Roma-Unterkunft anzugreifen. Polizeikräfte verhindern die Attacke—Es folgt eine Straßenschlacht zwischen den Rechtsradikalen und der Polizei.

Polizisten verhindern einen Angriff auf eine Roma-Unterkunft und nehmen Neonazis fest.

Festnahme von Neonazis nahe einer Roma-Unterkunft.

Polizisten führen festgenommene Rechtsradikale ab.

Nachdem ein versuchter Angriff auf eine Roma-Unterkunft gestoppt wurde, kam es immer mal wieder zu aufflammenden Krawallen.

Polizeischutz vor einer Roma-Unterkunft in Ostrava.

Mit zahlreichen vorläufigen Festnahmen endete der rechtsradikale Krawall-Abend. Polizisten stellen die Personalien fest, filmen die kurzzeitig Festgenommenen und verteilen anschließend Platzverweise.

Im tschechischen Vitkov gelang es einigen Roma eine kleine rechtsradikale Kundgebung der DSSS mit Pfiffen zu stören. Anwesende Roma wollten den platten Rassismus nicht unkommentiert lassen und verwickelten die DSSS-Anhänger (links im Bild) in Diskussionen. Ein seltener Vorfall, denn häufig sind die Neonazi-Kundgebung so gut besucht, dass Roma aus Sicherheitsgründen deutlichen Abstand halten müssen.

Kundgebung gegen Roma von Neonazis in Ostrava Ende Oktober.

Der in Deutschland fast verschwundene Klischee Nazi-Look ist bei tschechischen Rechtsradikalen nach wie vor beliebt.

In kleinen Gruppen versuchen Neonazis Polizeiabsperrungen zu umgehen, um zu den Roma-Häuser zu gelangen.

Nachdem es den Neonazis nicht gelang, Polizeiabsperrungen zu den Roma-Unterkünften zu umgehen, beschlossen viele Teilnehmer sich zu betrinken. Zum Beispiel mit den preisgünstigen 2-Liter-Bierflaschen.

Aus Sorge vor rechten Übergriffen hatten einige Roma sich in der Kirche der Jungfrau Maria versammelt.

Der Pfarrer der Kirche der Jungfrau Maria unterstützt die Roma bei ihrem Protest gegen Rassismus. Er ruft die aufgebrachten Roma, die sich nicht länger aus Sorge vor rechte Gewalt verstecken wollen, dazu auf, friedlich zu bleiben.

Die an der Kirche versammelten Roma, beschlossen spontan eine Demonstration gegen Rassismus durchzuführen. Die Banner waren noch von einem Fest vor Ort. Zwar gab in diesem Jahr zum zweiten Mal eine angemeldete Roma-Pride Demo durch Prag, einen solchen Spontan-Protestzug von Roma gab jedoch bisher noch nie in Tschechien.

Zwischenkundgebung der ersten Roma Spontan-Demo in der tschechischen Geschichte. Entschlossen rufen die rund 200 Teilnehmer "wir sind hier zu Hause“.

Polizeikräfte schirmen den Protestzug der Roma ab, um Ausschreitungen zu verhindern.

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