Das Thema Mobbing aus der Sicht einer Schülerin

"Sogar die Schule geht irgendwann vorbei—und im Rest eures Lebens ist nichts egaler als alte Klassenhierarchien."

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18 Juli 2016, 2:00pm

Foto: Giacomo Carena | Flickr | CC BY 2.0

Hanna Hodisch macht derzeit in Wien ein Schülerpraktikum bei unseren Kollegen von VICE Österreich.

Im September fange ich mein letztes Schuljahr an. In den bisherigen 11 Jahren war ich an drei verschiedenen Schulen und an allen dreien war Mobbing ein großes Thema. Darüber wurden nicht nur langweilige Vorträge gehalten—Mobbing war auch in der Praxis immer präsent als unentbehrlicher Teil des Schulalltags. In der Volksschule wurde ich gemobbt, weil ich sehr schlecht deutsch sprach. In der Unterstufe des Gymnasiums habe ich mich aktiv am Mobbing einer Lehrerin beteiligt. In der Oberstufe habe ich zugeschaut, wie eine Freundin von mir gemobbt wurde.

Ich habe mich dem Strom angeschlossen und die Augen verdreht, wenn jemand diese Problematik angesprochen hat. "Das gibt's bei uns eh nicht", hat dann jemand aus der Klasse geantwortet. Eh. Es wäre so schön, wenn es wahr wäre. Aber leider wurde dieser Begriff nicht grundlos in unsere Alltagssprache eingeführt.

2016 veröffentlichte die WHO die Ergebnisse einer in 2013/14 europaweit durchgeführten Umfrage, die zeigte, wie viel Prozent der 11-, 13- und 15-jährigen Schüler in den letzten paar Monaten mindestens zwei oder drei Mal gemobbt wurden. Österreich steht bei dieser Statistik erschreckend weit oben. Vor allem bei 13-Jährigen waren 21 Prozent der Jungen und 17 Prozent der Mädchen betroffen. Im Vergleich: In Deutschland waren es bei den Jungen 10 und bei den Mädchen 12 Prozent. Armenien bildet mit 1 Prozent bei den Jungen und 4 Prozent bei Mädchen das Schlusslicht.

Wer jetzt an digitale Heugabelmärsche und Facebook-Pranger denkt, täuscht sich übrigens: Bei dieser Studie wurde Cyberbullying noch nicht mal mituntersucht. Die OECD betont ausdrücklich, dass die Auswirkungen davon teilweise noch viel schlimmer sind.

Die Wiener Psychologin Karin Busch-Frankl erklärt, dass die Täter bei Cyberbullying durch ihre Anonymität eine weitaus geringere Hemmschwelle und ein aggressiveres Verhalten zeigen, während die Opfer ihrer Hilflosigkeit ausgesetzt sind und sich kaum währen können. So entschied im Jahr 2010 der 13-jährige Joel Horn aus Kärnten, sein Leben zu beenden, um dem Mobbing in der Schule und auf Facebook zu entfliehen. Erst danach fand Joels Mutter heraus, dass er von seinen Mitschülern einen lange Zeit wegen seines Übergewichts und der markenlosen Kleidung verhöhnt worden war.

Ein User schrieb: "Du arschgefickter Homo. Du bist schwuler als die Polizei erlaubt".

Joel hatte sich nichts anmerken lassen und versicherte seiner Mutter, die außer ihm noch fünf andere Kinder hat, dass sie sich um ihn keine Sorgen machen brauchte. An einem Abend, als ein Freund bei ihm zu Besuch war, postete ein anonymer User einen Link zu einer nach Joel benannten Website, auf der ein Schwulenporno und ein Foto von Joel zu sehen waren. "Du arschgefickter Homo. Du bist schwuler als die Polizei erlaubt", stand dabei. Joel verließ das Zimmer, um angeblich auf die Toilette zu gehen. Der User wurde nicht identifiziert und die Polizei ging dem Fall nicht weiter nach, da Joels Mitschüler minderjährig waren.

Das tragische Ende eines alltäglichen Sozialphänomens, das von Busch-Frankl als ein Machtgefälle zwischen Täter und Opfer definiert wird, in dem sich eine Person oder Gruppe gegen eine Einzelperson wendet und diese systematisch und über einen längeren Zeitraum schikaniert oder ausgrenzt.

Ein Freund von mir hat mir zum Beispiel gestanden, dass er in der Unterstufe durch seine aufgetretene Akne so verunsichert war, dass er selber eine "Mobbing-Kampagne" initiiert hat. Dadurch stärkte er seine Position in der Gruppe und sein Selbstwertgefühl stieg wieder an.

Ein Problem mit dem Selbstwertgefühl haben auch Magersüchtige. Lest hier, wie es ist eine Woche lang Mitglied einer Pro-Ana-WhatsApp-Gruppe zu sein.

Es fing eher harmlos an. Einmal sagte er zu einem schüchternen Klassenkollegen, der gerade etwas gebückt dastand: "Du schaust aus wie ein Affe." Die Klasse lachte und Alex* und seine Freunde schikanierten den Kollegen weiter, bis sich das Ganze nach ein paar Wochen verselbstständigt hatte. Alex wurde innerhalb eines ganzen Schuljahrs nur ein einziges Mal von einem Lehrer, der gerade Gangaufsicht hatte, ermahnt. Laut ihm sagte der Lehrer nur "Lass das" und ging weiter—genauso wie das Mobbing.

Jeden Tag wurde Daniel* mit "Hallo Affe" begrüßt; jedes Mal, wenn er etwas sagen wollte, brüllten alle anderen und schlugen sie dabei wie Gorillas an die Brust. "Ich ging oft mit zig auf Zetteln geschmierten Karikaturen und Beschimpfungen in der Schultasche nach Hause", erzählt Daniel. "Oft waren auch verrottete Bananenschalen dabei." Nach einem Jahr täglicher Schikanen wechselte er an ein anderes Gymnasium.

Für Busch-Frankl ist das ein typisches Muster bei Mobbing: Das Opfer weicht von der Norm ab—in diesem Fall wegen seiner Schüchternheit—und wird, ausgelöst durch einen kleinen Vorfall, Stück für Stück weiter ausgegrenzt. Ebenfalls typisch sei, dass der Täter selbst ein geringes Selbstwertgefühl hat, das er durch die Erniedrigung Schwächerer aufbaue.

"Tatsache ist, dass Mobbing immer ein Prozess ist und nie über Nacht entsteht."

Trotzdem meint Busch-Frankl, dass es kein allgemein gültiges Täter- und Opferprofil gibt. "Beide verbindet ihre Unsicherheit", sagt die Expertin. "Opfer sind im Gegensatz zu Tätern tendenziell passiver, können aber auch durch provozierendes Verhalten auffallen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst, wenn diese Aufmerksamkeit eine negative ist, wird sie manchmal gegenüber Ignoranz bevorzugt."

Da unser Verhalten nicht unwesentlich von unserer Erziehung und dem Umgang mit unseren Eltern geprägt wird, sei es außerdem umso wichtiger, dass Kinder zu Hause ihren Eltern widersprechen und mit ihnen über Probleme reden könnten. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass sie ihre Unterdrückung auf ihre Mitmenschen übertragen und so selbst zu Tätern werden.

"Tatsache ist, dass Mobbing immer ein Prozess ist und nie über Nacht entsteht", sagt Busch-Frankl. "Wenn ein Kind gelernt hat, bei Schwierigkeiten Unterstützung und Hilfe zu suchen, wird es sich bei Mobbing auch an die Eltern oder eine andere Vertrauensperson wenden. Der Prozess [des Mobbings] kann dann durch eine rechtzeitige Intervention unterbrochen werden."

Mobbing findet nicht nur in der Schule statt. Ein homosexueller Häftling erzählt von seinen Erfahrungen.

Die Eltern eines Mitschülers haben ihm beispielsweise geholfen, indem sie ihm zu Hause einen Rückzugsort geschaffen und dafür gesorgt haben, dass er auch in anderen Gruppen, in denen er wertgeschätzt wird, verkehrt. Sie meldeten ihn in der Musikschule an, veranstalteten häufige Familienfeiern und ermutigten ihn, bei der Jungschar einzusteigen. Indem er einen anderen Bezugspunkt als ausschließlich seine Mitschüler hatte, verstärkte das auch sein Gefühl, dass nicht er im Unrecht war, sondern sie.

Generell können Eltern viel Einfluss auf so eine heikle Situation haben. Aber oft fühlen sie sich auch überfordert von den schwierigen Umständen. Besonders schwer haben es Eltern und Familienangehörige, die erst sehr spät merken, dass ihr Kind schikaniert wird.

Als meine Nachbarin wegen eines von Mitschülern zerrissenen Schulbuchs herausgefunden hat, dass diese ihre Tochter in den Pausen täglich zum Weinen brachten, wusste sie nicht, an wen sie sich mit ihrem Problem wenden sollte. "Am liebsten hätte ich diesen Rotznasen ja den Kopf abgerissen", erzählt Karin*. "Als ich nach mehreren Versuchen, etwas zu verändern, festgestellt habe, dass mir niemand helfen will, hat mich ein Gefühl von Ohnmacht überfallen. Wir suchten dann zusammen eine neue Schule für sie aus, hier haben wir es nicht geschafft, etwas an der Situation zu verändern. Diese Hilflosigkeit hat auch an meinem Selbstbewusstsein genagt."

Zur Eskalation führt oft auch die Unaufmerksamkeit von Außenstehenden. "Einerseits ist sicher nicht jeder Streit zwischen Kindern mit Mobbing gleichzusetzen und Außenstehende sollten sich auch nicht bei jeder Kleinigkeit einmischen, damit die Kinder selbst lernen, Konflikte zu bewältigen", sagt Busch-Frankl. "Aber wenn niemand auf eine gute Gruppendynamik achtet, kann Schikane zur Normalität werden. Dieses Verhalten gewinnt im Regelfall immer mehr Anhänger."

Sie betont, dass weitere Mobbing-Fälle nur verhindert werden können, wenn jeder Einzelne eine notwendige Verhaltenseinsicht und -änderung hat. Eine neue Einstellung, respektvoller Umgang und Wertschätzung sind der Unterschied zwischen einer reinen Menschenmenge und einer funktionierenden Klassengemeinschaft.

Das zeigte auch ein Fall in meiner Unterstufe. Damals haben ein paar Klassenkollegen von einem meiner Mitschüler behauptet, er hätte Fotos von seinem Penis veröffentlicht. Nudes waren damals anscheinend weniger akzeptiert als heute—abgesehen davon, dass an der Sache nichts dran war und es sich nur um ein Gerücht handelte.

"Man sollte ihnen mit klaren, direkten Worten zu verstehen geben, dass so ein Verhalten unzumutbar und inakzeptabel ist und zu Konsequenzen führt."

Es endete damit, dass Markus* der Sündenbock des Jahrgangs wurde. Niemand ging an ihm vorbei, ohne seine Aggressionen durch eine verletzende Bemerkung auszulassen. Busch-Frankl erklärt dieses Mitläuferverhalten mit der Angst, bei Widerspruch selber Opfer zu werden, weshalb viele lieber mit dem Strom schwimmen. Mein Mitschüler musste die Schule wechseln, während Freunde und Lehrer mit einem zugedrückten Auge nicht verstanden, warum.

"Das ist eure Sache, ich misch mich bei euch nicht ein. Ihr müsst das intern regeln", sagte der Klassenvorstand zu Claudia*, einer anderen Freundin von mir, die sie um Hilfe bat, als eine Schülergruppe andere regelmäßig verarschte, dabei aufnahm und in die WhatsApp-Klassengruppe reinstellte. Busch-Frankl bestätigt, dass das leider ein häufig vorkommendes Verhalten von Lehrern ist, da sie sich nach dem Unterricht nicht mehr verantwortlich für die Schüler fühlen. Eltern schieben diese Verantwortung wiederum auf die Schule.

Aber auch Lehrer tragen einen Teil der Verantwortung mit. Christian Holzmann, der selbst seit Jahrzehnten an der Uni Wien und mehreren Schulen unterrichtet, meint, dass Lehrer beim Aufdecken eines Mobbing-Falls immer als erste Maßnahme die Angreifenden zur Rede stellen. "Ein Fehler, den die meisten Lehrer machen, ist, den Mobbern gegenüber im ersten Moment Verständnis zu zeigen, was sie in ihrer Position nur verstärkt", so Holzmann. "Man sollte ihnen mit klaren, direkten Worten zu verstehen geben, dass so ein Verhalten unzumutbar und inakzeptabel ist und zu Konsequenzen führt. Danach sollte man mit allen Kindern der Klasse Einzelgespräche führen, schließlich muss beiden Seiten geholfen werden."

Lehrer werden häufig mit den persönlichen Problemen ihrer Schüler konfrontiert. Wir haben mit einer Sonderschullehrerin über ihre Erfahrung mit Kindesmissbrauch geredet.

Holzmann empfiehlt Lehrern, sich unbedingt professionelle Hilfe und Beratung bei Schulpsychologen, Mentoren oder anderen entsprechend ausgebildeten Kollegen zu holen. "Inkompetenz kann die Situation noch verschlechtern. Meine persönliche erste Anlaufstelle ist meine Frau, die ebenfalls Lehrerin ist und eine einjährige Fortbildung dazu absolviert hat", erzählt er.

Frühe Intervention ist jedenfalls wichtig, um schwerwiegende psychische Schäden der Opfer zu vermeiden. Laut Busch-Frankl sind häufig vorkommende Symptome Schulverweigerung, sozialer Rückzug, Ängstlichkeit, Bettnässen, Albträume, Depressionen sowie Minderwertigkeitskomplexe bis hin zu Essstörungen.

Eine meiner Freundinnen, die mit sechs Jahren nach Wien immigriert ist, wurde in der Volksschule für ihr lückenhaftes Deutsch und ausländisches Aussehen gemobbt. So wurde aus Joe*, einem wilden, lebensfrohen Kind, ein sich ritzender Teenager, der kaum noch ein Wort rausbrachte und später auch in der Unterstufe von neuen Mitschülern wieder gemobbt wurde. "Ich kann aus Erfahrung sagen, dass Opfer leider auch im späteren Leben oft die Opferrolle behalten", bestätigt Busch-Frankl. "Potenzielle Täter können eine solche Haltung förmlich riechen—und schon wiederholt sich das Muster."

Manchmal wird der Schulhof zur Arena und die Schwächeren werden niedergemetzelt—früher mit Fäusten, heute mit WhatsApp.

Aber es muss nicht jeder fünfte Junge mit einem Trauma die Schule abschließen. Ich wünschte, dass Eltern ihren Kindern jeden Tag sagen würden, dass sie die besten Kinder der Welt sind. Die Kinder würden ihnen das glauben, mit einem Lächeln auf dem Gesicht einschlafen und sich in der Früh selbstbewusst jedem Problem stellen können. Leider ist es nicht so.

Ich sage meiner kleinen Schwester jeden Morgen, dass sie hübsch ist. Sie nickt, irgendein Mädchen schreibt ihr "Glaubst du wirklich, dass du schön bist?" und sie traut sich nicht mehr in den Spiegel zu schauen. Manchmal wird der Schulhof zur Arena und die Schwächeren werden niedergemetzelt—früher mit Fäusten, heute mit WhatsApp. Aber neue Medien sind nicht nur ein Werkzeug für die Täter, sondern auch für Opfer, um sich Gehör zu verschaffen und Hilfe zu finden. Wenn ihr selbst betroffen seid, kann ich euch nur sagen: Es klingt im Moment vielleicht nicht gerade vielversprechend, aber glaubt mir, sogar die Schule geht irgendwann vorbei—und im Rest eures Lebens könnte nichts egaler sein als alte Klassenhierarchien und frühere Schulhof-Beliebtheit.

*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert