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Melvins Youtube-Favoriten

Manche nutzen Youtube, um den arabischen Frühling auszulösen. Unsere neue Kolumne nutzt Youtube, um dir den letzten Rest Motivation und Anspruch aus dem Gehirn zu spülen.

von MALTE BORGMANN
25 Januar 2012, 12:00am
Youtube ist gefährlicher Stoff, richtig? Du fängst ganz harmlos an, mit einem süßen Kätzchen vielleicht, einem Affen, der sich in den Mund pinkelt oder einer Schlägerei zwischen betrunkenen russischen Hooligans und PENG! Plötzlich ist es 5 Uhr früh, du hast einen exzessiven, stundenlangen Tube-Binge mit deinen co-abhängigen Skypekontakten hinter dir, schließt ungefähr 74 geöffnete Tabs voll zusammenhangsloser, abseitiger Filmschnipsel und kommst dir dabei vor wie ein Junkie, der seine gebrauchten Spritzen wegschmeißt. Wobei Spritzen vielleicht das falsche Bild sind. Ein Youtube-Video ist eher wie Crack. Das Glücksgefühl hält ungefähr dreißig Sekunden an, und danach willst du sofort mehr. Und mehr. Und mehr. Und irgendwann klickst du dich zombiehaft stierend durch dutzende Folgen Herr Tutorial, ohne irgendetwas dabei zu empfinden.

Man sollte sich eigentlich dafür schämen, nicht wahr? Ich meine, manche Menschen nutzen Youtube, um den arabischen Frühling auszulösen. Ich nutze Youtube, um mir den letzten Rest Motivation und Anspruch mit Videos von kotzenden Moderatoren aus dem Gehirn zu spülen.

Dann habe ich das Making-of des grandiosen Theaterstücks The Infernal Comedy mit John Malkovich gesehen. John Malkovich sitzt darin mit dem Regisseur und Autor des Stücks beim Essen und plaudert über Youtube. Folgendes hat er zu sagen: „Auf Youtube kriegt unser Stück vielleicht ein paar Tausend Klicks, vielleicht sogar mehr. Aber die Frau, die am Flughafen in Hongkong einen Anfall bekommt, kriegt ein paar Millionen. Es ist sehr, sehr schwer, damit zu konkurrieren. Früher hätte man so eine Szene genommen und sie in einen Film eingebaut. Aber jetzt ist diese Quelle frei verfügbar. Das ist eine große Veränderung. Die Menschen heute sehen die Ursprungsquelle, sie haben Zugriff darauf, sofort und wann immer sie wollen. (…) Das ist ein kulturelles Erdbeben.“

Seitdem schäme ich mich nicht mehr. Ich mag den Gedanken, dass es sich bei Youtube um eine Art filmische Ursuppe handelt, voll von chaotischem, cineastischem Potential. Lauter kleine, zweiminütige Keimzellen, die im Kopf des Betrachters zu Kino heranreifen können. Dieser Gedanke gibt Tube-Binges einen ganz neuen ästhetischen Gehalt.

Was macht man, wenn einem eine Idee gefällt und man das rational begründen möchte? Richtig, man sucht sich ein paar Argumente aus der Geschichte:

„Eine geneigte Landstraße – in weiter Ferne ein rollendes und springendes Etwas – es kommt näher – eine Tonne, die den Berg hinabrollt – hinterher eine Jagd von Verfolgern. (…) Gespanntes Staunen der Zuhörerschaft, die eingeweiht ist, daß ein Mensch in der Tonne liegt, ein Betrunkener natürlich. Ein Betrunkener ist etwas außerordentlich Heiteres, das Hüpfen der Tonne noch heiterer – Gelächter. (…) Sie rollt über Marktstände mit Eiern und Äpfeln, rollt über ein leeres Feld, rollt über Dächer (…) – zuletzt zerschellt sie, und der Inhalt steigt unversehrt heraus. Das Gelächter darüber hat kaum angefangen, da springt das Bild um. Es kommt die Schwiegermutter, die den Streit der Gatten verursacht hat, die Szene vor Gericht, der Maulkorb. Es kommt der Betrunkene, der eine Flasche Wein nach Hause bringen will, es kommt eine bunte Verwandlungsszene, in der im Laufe weniger Minuten mehr Teufel, Geister, Schmetterlinge, Professoren und Tänzerinnen, Flammen und Kunststücke vorkommen als in sämtlichen Werken Shakespeares. Dazwischen mal ein aufregendes Wettrennen, unerklärte Szenen aus Japan, die, wenn sie ein Mensch unter den Zuschauern verstünde, sehr lehrreich sein könnten. Es kommt … bum-bum das Faß (…).“

Das ist aus dem Aufsatz „Zur Dramaturgie der Bilderspiele“ aus dem Jahr 1907 und beschreibt eine damals typische Lichtspielvorführung. Mit anderen Worten: Anfang des 20. Jahrhunderts ins Kino zu gehen, das war im Grunde so, wie wenn du heute das Publikum gibst für die Handvoll Idioten, die den einzigen PC der Party besetzt halten und sich gegenseitig mit ihren verrücktesten Youtube-Videos übertrumpfen wollen. Das Konzept Kino von damals gleicht dem heutigen Konzept Youtube: Dich mit zahllosen, unzusammenhängenden und absonderlich lustigen Filmchen vollzuballern.

Einer der ersten Filme überhaupt stammt aus dem Jahr 1895: Das boxende Känguruh von den Brüdern Skladanowsky (die sich mit ihrem Bioscop nie gegen den Kinematographen der Gebrüder Lumière durchsetzen konnten):

Jetzt denk dir folgende Überschrift darüber:





Klassisches Youtube-Material, nicht?



Oder hier, L’arroseur arrosé (Der begossene Gießer). Ein legendärer Sketch der Gebrüder Lumière:

Ein bisschen weniger poetisches Feingefühl bei der Betitelung und voilà:





All die kleinen Youtube-Schnipsel, diese Tropfen einer filmischen Ursuppe, die kreativen Keimzellen, die ihr cineastisches Potential im Kopf des Betrachters entfalten—sie gleichen jenen Filmschnipseln, aus denen sich vor 100 Jahren das Kino entwickelte, wie wir es heute kennen. Heißt das, Youtube ist ein evolutionärer Zirkelschluss? Ein moderner Atavismus? Eine Degeneration? Oder der Auftakt zu etwas völlig Neuem—die Embryonalentwicklung eines Mediums, das vorherige Evolutionsstufen im FastForward-Modus durchläuft?

Pff, keine Ahnung … Aber ich habe gehört, wenn man sich dieses Video hier mindestens 60.000 Mal hintereinander anschaut, kennt man die Antwort. Viel Spaß.

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