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Der Typ hinter der Selbstmord-Doku

Die BBC-Dokumentation Terry Pratchett: Choosing to Die, die am Montag ausgestrahlt wurde, macht so ziemlich alle wütend: christliche Gruppen, die Presse und Anti-Sterbehilfe-Organisationen reden über den Film, als hätte Pratchett ihrer Oma ein One-Way...
16.6.11

Die BBC-Dokumentation Terry Pratchett: Choosing to Die, die am Montag ausgestrahlt wurde, macht so ziemlich alle wütend: christliche Gruppen, die Presse und Anti-Sterbehilfe-Organisationen reden über den Film, als hätte Pratchett ihrer Oma ein One-Way-Ticket zu Dignitas in die Schweiz gebucht.

In dem Schwall von pro Sterbehilfe-Zitaten von Sir Terry auf der einen, und einer Lastwagenladung Lebensbejahern auf der anderen Seite, scheint niemand wirklich mit Charlie Russel gesprochen zu haben, dem großartigen Filmemacher, der bei dem Film über den 71-jährigen, an Amyotropher Lateralsklerose leidenden Peter Smedley Regie geführt hat. Ich habe Charlie in England ausfindig gemacht.

VICE: Hallo Charlie. Hast du beabsichtigt, dass dein Film so politisch wird?

Charlie Russel: Nein, ich denke nicht. Ich habe vor ein paar Jahren einen Film über Terry Pratchett und seine Alzheimerkrankheit gemacht und als das vorbei war, haben wir uns gut verstanden, auch wenn er mich bei einer Fragestunde auf dem Dokumentationsfilmfestival in Sheffield als „Bastard“ beschimpft hat. Er hat die 2010er Dimbleby Lecture über Sterbehilfe gemacht und die Idee zu einen Film darüber hat sich ergeben. Anfangs habe ich gezögert, weil ich nicht der „Terry Pratchett Typ“ sein wollte. Aber Terry hatte sich verändert und wirkte interessierter. Er nahm immer mehr die Seite von Sterbehilfebefürwortern ein und ich dachte, wenn er sieht, wie es wirklich abläuft, dann würde er gezwungen sein, anders darüber nachzudenken und fände es moralisch und philosophisch vielschichtiger.

Wie schätzt du den Film ein?

Manche Leute haben gesagt, dass der Film wie Werbung für Sterbehilfe wirkt, aber ich denke wirklich nicht, dass wir voreingenommen an die Sache herangetreten sind. Du kuckst dir nicht die zwei Menschen an, die sich entschlossen haben, zu sterben und denkst „Hey, das sieht toll aus, ich will das auch“. Es ist eine unglaublich schmerzhafte und schwierige Angelegenheit. Außerdem ist es moralisch äußerst umstritten. Ich finde aber, dass das Gesetz geändert werden sollte. Wenn du es nämlich wirklich durchziehen willst, solltest du das auch tun können. Wessen Angelegenheit ist es, ausser deine eigene? Eine der traurigsten Sachen ist, dass sie in die Schweiz reisen mussten, um es zu tun.

Welche Veränderung konntest du bei Terry Pratchett erkennen, seit du ihn kennengelernt hast?

Als ich ihn das erste Mal getroffen habe, um den Film über Alzheimer zu drehen, hat er sich sehr verletzlich gefühlt. Er war in den frühen Phasen der Erkrankung und meine Kamera war eine ständige Erinnerung daran. Vertrauen war ein großer Aspekt, wie es bei allen Dokumentarfilmen ist. Aber am Ende hat er den Film geliebt. Ich wusste nicht genau, was ich tat, als ich ihn gedreht habe, also wurde er ziemlich ungewöhnlich und ich glaube, darum mochte er ihn. Seither hatten wir sein Vertrauen, was es viel leichter gemacht hat, wiederzukommen und den Film über Dignitas zu drehen.

Hast du gedacht, er ändert seine Meinung über Sterbehilfe, während ihr den neuen Film gedreht habt?

Ja, und ich glaube das hat er auch ein bisschen. Er war mit der Menschlichkeit von Sterbehilfe konfrontiert und weil es moralisch sehr komplex ist, überlegt er hin und her, obwohl er noch immer stark dafür ist. Die ganze Sache an sich ist sehr emotional - sie ist menschlich, nicht politisch. Ich mache Filme, keine Politik. Ich will lieber menschliche Geschichten filmen, als ewig die Argumente zu ergründen.

Hat es dich überrascht, wie viel Wirbel der Film verursacht hat?

Wir waren uns immer im Klaren, dass das Thema schiwerig ist und wir mussten aufpassen, dass wir es richtig angehen. Es ist ein großes Thema für die BBC und sie haben sich entschlossen, sich darauf einzulassen, also wussten wir, dass wir sehr sensibel damit umgehen mussten. Der Film dauert nur eine Stunde, also kannst du nicht jeden Winkel dieser komplexen Thematik ausleuchten. Wir wollten aber die Leute dazu bewegen, darüber zu reden. Wir wollten sie informieren.

Bei Dokumentationen hast du immer die Momente, in denen du dich fragst, was in den Köpfen der Filmemacher vorgeht - und das war vor allem bei diesem Film so. Wie hast du dich gefühlt, als du bei Peter Smedley warst, als er gestorben ist?

Ich habe mich unwohl gefühlt - also, das ist untertrieben. Ich habe eine tiefe Traurigkeit gefühlt… Wir haben drei Tage in der Schweiz verbracht und das war im Großen und Ganzen die zweite Hälfte des Films. Alles, was wir hatten, wollten wir irgendwie verwenden. Bei einem normalen Dreh ist das nie so. Peter wollte, dass sein Tod etwas bedeutet. Er hat an Sterbehilfe geglaubt und wollte Aufmerksamkeit auf das Thema lenken.

Hast du dich ihnm an dem Punkt nahe gefühlt?

Wir haben ihn und seine Frau Christine kennen gelernt und sie waren offen, dass Peters Tod gefilmt wird. Gleichzeitig haben wir ihnen klar gemacht, dass es für uns auch in Ordnung wäre, sie alleine zu lassen. Wir haben ihnen gesagt, dass sie uns jederzeit ein Zeichen geben können, wenn sie nicht mit unserer Gegenwart klar kommen und dass wir dann gehen. Manche Dinge sind privat. Manche Dinge sollten nicht gefilmt werden, wenn sich die Leute dabei unwohl fühlen. Aber das Geschehen im Film ist sehr natürlich geworden. Man muss natürlich Dinge kürzen, aber wir mussten keine Ereignisse verschieben; es ist einfach in der Reihenfolge passiert und wir haben es gefilmt. Am letzten Tag hatte ich ganz schön viel Adrenalin im Blut und wusste nicht, was passieren wird. Wir wussten, dass uns jederzeit Peter oder Christine auffordern könnten, zu gehen. Wenn das geschehen wäre, dann wäre das die Geschichte gewesen.

Wie sehr warst du auf das, was geschehen ist, mental vorbereitet?

Ich habe den ganzen Tag große Angst verspürt und meine Traurigkeit vermischte sich damit, dass Peter und Christine so offen und gefühlvoll gewesen sind. Aber Peter meinte, es wäre wichtig, dass sein Tod aufgezeichnet wird. Ich habe auch Erfahrung damit, meine Familie zu filmen, also dachte ich „Lieber filme ich das, als irgend ein anderer“, weil für mich der Sender nicht vorrangig war. Ich will mich lieber im Spiegel ankucken können. Es war aber definitiv das Schwierigste, das ich je gefilmt habe. Auf eine komische Art war es aber auch ein fröhlicher Anlass, weil Peter das gekriegt hat, was er wollte. Nachdem er gestorben war, tranken wir ein Glas Brandy und trösteten Christine.

Was hältst du von der negativen Publicity, die der Film bekommen hat?

Das ist schwer zu sagen. Es ist nicht alles schwarz und weiß. Ich verstehe, warum einige Leute aufgebracht sind. Ich glaube, es gibt eine Komponente der Medien, die sehr darauf aus ist, die BBC schlecht zu machen. The Mail hatte letztens einen Artikel, der den Film attackiert hat und die meisten Leser der Webseite haben eigentlich sehr verständnisvoll reagiert. Generell haben sie gesagt: „Schau mal, Terry Pratchett ist ein interessanter Typ, warum schauen wir uns den Film nicht erst einmal an“? Die Leute, die das lesen, sind nicht die Leute, die es auch generieren. Die BBC sagt nicht, dass Sterbehilfe in Großbritannien eingeführt werden soll. Peter und Andy wirken jedoch noch sehr vital, deshalb ist es sehr schwer, zu entscheiden, was man davon halten soll, dass sie sich dazu entschließen, zu sterben. Du fühlst wegen beiden einen Verlust. Ich denke, das ist sehr provokant.

Die Idee eines „würdevollen Todes“ ist sehr wichtig und interessant. Es scheint ein besonderes Anliegen für Terry Pratchett zu sein. Glaubst du, dass wir alle das Recht auf einen würdevollen Tod haben? Sollen wir alles kontrollieren können, auch unser eigenes Ende?

Bevor ich den Film gemacht habe, ist meine Großmutter an Krebs gestorben. Sie hat zwei Wochen auf Morphium verbracht, konnte sich von jedem verabschieden und war gut behütet. Sofern man das beurteilen kann, war es ein ziemlich guter Tod. Er war natürlich, aber auch kontrolliert, und auch deshalb wollte ich, dass Terry diesen Film macht. Wenn er das nicht getan hätte, hätte er sich nicht mit den Gefühlen beschäftigt, die damit einhergehen. Nichtsdestotrotz gibt es auch den Einspruch: meiner Großmutter erging es gut, aber manche Menschen haben schreckliche Krankheiten, die sich über Jahre hinziehen. Sie werden nicht mehr gesund werden, warum also sollen sie so leiden? Momentan ist mein parkinsonkranker Großvater in Neuseeland - ohne Hoffnung, dass es ihm je wieder besser gehen wird. Er wird weiter kämpfen, aber es geht ihm dabei schlecht. Die Wahrheit ist, dass wir alle sterben werden und das macht den Leuten Angst. Deswegen wollen sie nicht über die Möglichkeit nachdenken, tatsächlich einmal entscheiden zu müssen, ob sie sterben wollen.