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Vice Blog

Die Meta-Täuschungen Joan Fontcubertas

1.9.10

Hier in Spanien gibt es die so genannten "Siestas". Die sind fantastisch. Wir machen am frühen Nachmittag eine Arbeitspause um ein Nickerchen zu machen, zu masturbieren oder in eine Bar zu gehen. Deshalb verpassen wir auch ab und zu unsere Deadlines gegenüber dem Vice-US-Büro, weil wir einfach sagen können "Oh, tut uns Leid, wir haben richtig hart Siesta gemacht. Wir haben wohl unser Zeitgefühl verloren." Daraufhin sind sie sprachlos, weil es eine unserer kulturellen Traditionen ist oder sowas, und wenn ihnen das scheißegal wäre, würden wir sie wegen ihren rassistischen Verbrechen ins Gefängnis bringen.

Dieser Fall trat heute morgen ein, als uns auffiel, dass wir vergessen hatten ihnen das Interview mit Joan Fontcuberta zu schicken, dessen Foto letzten Monat in der spanischen Ausgabe der Still lifes Issue auftauchte. Fontcuberta ist einer der Fotografen, die so renommiert sind, dass man denkt man hätte schon genug von Fontcuberta, doch dann sieht man seine Arbeiten und man erinnert sich daran, warum die Welt ihn so bewundert.

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Seine Arbeit liegt in einem Graubereich zwischen Wirklichkeit und Fiktion. 1997 machte er eine Geschichte über einen russischen Kosmonauten namens Ivan Istochnikov, der im All verloren gegangen und von der russischen Regierung im Stich gelassen wurde. Die Ausstellung mit dem Titel Sputnik hat für viel Aufregung gesorgt, bis die Leute realisierten, dass alles ein genialer, großer, fetter Fake war. Er will, dass die Menschen skeptisch sind, jedoch unvoreingenommen, aber vor allem will er der Masse die Augen aufreißen.

Phyllocactus chumba . 1984–Diese Serie stellt die Erhabenheit der natürlichen Welt neben die Kunstfertigkeit eines naturalistischen Gemäldes und die Idee der Entschlüsselung der Natur der Fotografie durch das Fotografieren der Natur. Was wie ein Kaktus aussieht, ist tatsächlich Plastik, das mit einem Schwamm aus Glasfasern bekränzt wurde.

Vice: Was hältst du von der Weise, wie Bilder in der Mainstream-Gesellschaft benutzt werden? Denkst du, die Menschen schenken dem Wahrheitsgehalt eines Bilds zu viel Glauben?
Joan Fontcuberta: Ich sehe ein Bild als visuelles Gut. Wir befinden uns an einem Punkt in der Geschichte, den Vicente Verdú den "Kapitalismus der Fiktion" genannt hat, an dem wir das Marketing von körperlichen Objekten überschritten und in einem Markt angekommen sind, in dem Fiktionen, Illusionen und die meisten Bilder gehandelt werden. Heute leben wir in einem Bild - aus diesem Bild setzt sich unsere Welt zusammen, unser Universum, die Welt der Symbole. Das Bild formt unseren Geist, trifft politische Entscheidungen und rechtfertigt die Wirtschaft. Es ist die Achse unserer gegenwärtigen Existenz.

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Was ist mit dem alten Sprichwort "Man sieht, was man glaubt"?
Da kommen die Trugbilder ins Spiel. Wir sehen Illusionen, die für uns die vollkommene Wahrheit repräsentieren. Aber wenn man das mit Vernunft betrachtet, kann man sagen, dass das, was wir sehen, eine falsche Interpretation ist. Eine Simulation.

Ich halte das Internet für unsere Revolution. Nicht nur kulturell gesehen, sondern auch wirtschaftlich und politisch. Das Netz hat die Welt auf viele Arten verändert und hat einen unfassbaren Einfluss auf unser Leben. Ich sehe das Internet als eine Kopie des Weltalls - die "Noosphäre", die Vernadsky und Teilhard de Chardin vorhergesagt haben. Viele Vektoren sind daran beteiligt, der, der mir am nächsten steht, ist die Verdrängung von Papier und Bibliotheken. Wenn Cervantes heute Don Quixote schreiben würde, würde sein Protagonist nicht bei der Lektüre von Romanen über Ritter verrückt werden, sondern im Internet. Es entstellt auch die Realität anhand einer schieren Menge von Narrativen, Fakten und Informationen, von denen es nur so wimmelt. Ich meine, seine willkürliche Natur ist das grundlegende Charaktermerkmal des Internets. Und das ist für mich ungemein befreiend. Es ist ein neuer Raum, in dem man arbeiten kann.

Ein Raum, der auch Misstrauen, Paranoia und blinden Glauben erzeugt, oder wie du bei anderer Gelegenheit erklärt hast, der den didaktisch-autoritären Diskurs davonbläst, der von den überholten Mächten wie der Presse oder dem Fernsehen zementiert sind. Du sagst auch, dass es die Technik demonopolisiert. Wie siehst du die demokratisierende Auswirkungen des Ganzen auf die Fotografie?
Den ersten Eindruck, den wir von digitaler Fotografie wegen ihrer Verbindung zum Internet haben, ist, dass sie dem Foto als Dokument die historische Glaubwürdigkeit nimmt. Chemische, analoge Fotografie konnte man nicht hinterfragen. Sie wurde als unwiderlegbarer Beweis gesehen. Im Gegensatz dazu wissen wir heute, dass Digtalfotos leicht manipuliert werden können - jedes Kind kann mit Photoshop ihr Aussehen verändern, Gesichter deformieren usw.  So ist mit der zunehmenden Beliebtheit von digitaler Technologie und des Internets die Aussagekraft der Fotografie gesunken. Auf der anderen Seite konnten Ereignisse wie die Gräueltaten von Abu Ghraib nur dank digitaler Fotografie und des Internets entdeckt werden. Der metaphysische Zustand des Fotos wurde abgewertet, doch jetzt gibt es ein größeres Potential dafür, dass mehr Bilder ans Licht kommen - neue Wirklichkeiten, die sonst unbemerkt an uns vorbeigehen würden.

Centaurus Neardentalensis . 1988–Professor Ameisenhaufen genoss den Ruf eines eingefleischten Neo-Darwinisten: die Evolutionstheorie stimmte, doch wie bei allen Theorien ist es die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Biologische Monströsitäten, Mutationen, Zwitter… Wie dieses prachtvolle Zentaur-Alpha-Männchen, welches durch seine augenscheinliche Existenz die absurde Metaphysik von Intelligent Design und Kreationismus widerlegt.

Toni L. Querol [Vice Spanien-Redakteur, der beim Interview auch anwesend war]: Vor Jahren arbeitete ich für den Playboy. Ich dachte immer, dass der Typ von der Photoshop-Nachbearbeitung der echte Star war. Ich habe mitbekommen, wie es immer schlechter wurde, bis es 2005 oder 2006 eine Ausgabe gab, in der die Frauen im Wesentlichen Mutanten waren. An den Orten, wo anatomisch gesprochen, etwas hätte sein sollen, war ein pinker Fleck. Das Schlimmste war, dass das wohl niemandem etwas ausmachte. Sie waren an dem Punkt angekommen, an dem sie Leute geil machen konnten, indem sie ihnen Mädchen ohne Vaginas zeigen!
Haha. Das stimmt wohl. Mehr als die Technik hat uns die "digitale Chirurgie" ermöglicht, Monster zu erschaffen. Damit haben schon viele Menschen aus dem künstlerischen Bereich gearbeitet. In meinem letzten Buch La Cámara de Pandora gibt es ein Kapitel mit dem Titel "Das Rätsel des verschwundenen Nippels", da geht es darum, wie die Leute um der Ästhetik willen die Brüste füllen, die Taille verkleinern und diese Mutantenkörper erschaffen, nach Schönheitsidealen, die weiß Gott woher stammen… Man erhält eine Überführung des Körpers - eine Aufzwingung von Idealen sowie eine Idee, die ich pervers und verfehlt finde, nämlich die Besessenheit von Perfektion. Es gibt eine Art Paranoia des Perfektseins, welche das Ergebnis unwirklich, kalt und distanziert aussehen lässt. Ich bin deiner Meinung. Echte Körper mit Pickeln und ein wenig Individualität.

Oberfläche des Asteroiden Kadoc und seines Monds Hexar. Auf der Selbstmord-Mission, aufgenommen und weitergeleitet von Soyuz 2. 1997– Eine Ebene getrockneter Brotkrümel und eine aufgeschwemmte Kartoffel täuschen eine typische Raumlandschaft vor. Sobald man einen glaubwürdigen Kontext hat, glauben einem die Leute alles.

Um jeden Preis vollständig…
Die digitale Technik hat uns, was das Bild angeht, in eine Maßlosigkeit der Kontrolle und Perfektion gebracht, und für mich ist das ein Verlust. Ich bin gerade in Mexiko und bereite mich auf eine Konferenz zum Thema "Der Weg zu einer unperfekten Fotografie" vor.  Ich finde das, was die Fotografen jetzt gerade machen, ekelhaft. Was Künstler daraus machen ist jämmerlich, und die einzige Hoffnung für eine Fotografie ohne Anmaßung kann nur in der Spontaneität, in der Authentizität liegen, darin, dass wir Werte finden, die Ästhetiken und Konzepte der Fotogafie vor der Vernichtung bewahren.

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Es sollte Platz für Fehler und für Glück geben.
Genau, weil die Kunstgeschichte eben auch als Geschichte des Fehlermachens gesehen werden kann. Zumindest, was die Fotografie angeht. Die Avantgarde hat die Fehler als Werkzeug betrachtet. Was gerade noch ein Fehler oder Unfall war, wurde ein Teil ihres Repertoires für ihren Ausdruck und bereicherte es. Damit ist die Fotografie erwachsen geworden, und ich nehme an, dass in anderen Medien das Gleiche passiert ist. Um auf den Playboy zurückzukommen, kennt ihr den Typen, der sich selbst den Fake Detective nennt?

(Links) Ivan und Kloka während ihres geschichtsschreibenden Weltraumspaziergangs. 1996–Dieses Bild wurd von Tim und Struppi auf dem Mond inspiriert, und sein bewusst fantastischer Stil sollte die Alarmglocken klingeln lassen und eine Reaktion provozieren. Technisch gesehen war dieses Foto richtig kompliziert. Es ist eine Fotomontage aus zwölf verschiedenen Fotos. Ein richtig großes Puzzle.
(Rechts) Orografische Erkundung der Ostseite des Asteroiden Kadok, aufgenommen mit einer elektro-optischen Kamera. 1997–Dieses Foto war Teil des pseudowissenschaftlichen Aspekts des Projekts. Neben dem undurchschaubaren starren Blick eines spezialisierten Labors, dessen Spezialisierung ich vergessen habe, bringt es die zufällige Verwendung von Texten in kyrillischer Schrift und erfundene Grafiken ans Licht. Die Oberfläche des Asteroids ist ein Pfannkuchen, wie er in meiner Küche von einem fluoriszierenden Licht beleuchtet wird.

Nein, wer ist er?
Er durchforstet das Internet auf der Suche nach gefaketen Fotos von Prominenten auf Pornoseiten, dann untersucht er, wo die Einzelteile herstammen. Er katalogisiert also die Kombinationen von Gesichtern und Körpern, sagen wir mal das Gesicht von Farah Fawcett auf dem Körper Jenna Jamesons. Auf seiner Seite gibt es hunderte davon. Er ist dieser totale Zwangsneurosen-Streber, der diese ganzen erotischen Frankensteins findet.

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Du hast gesagt, dass "die gesamte Fotografie eine Konstruktion ist." Was hältst du von Metafiktion oder passender, Meta-Täuschung?
Mit dieser Idee der Meta-Täuschung spiele ich gerne, hauptsächlich, weil es ein wirklich brauchbares Werkzeug ist. In Miracles and Co. reden wir von einer erkennbar lächerlichen Situation: Dass es in einem entfernt gelegenen Teil von Finnland ein geheimes Kloster gibt, wo eine Kultbewegung Unterricht—etwa wie Seminare—gibt, um den Mönchen beizubringen, wie man Wunder vollbringt. Es war ein so doofer Einfall, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, dass das irgendwer glauben würde. Ich wollte die Geschichte so erzählen, dass ich als Journalist das Kloster besucht hatte um den ganzen Mythos zu entlarven, und nebenbei mache ich die Ausstellung. Es verschlägt mir die Sprache, wenn Journalisten kommen und fragen: "Wie viele Monate hast du denn in diesem Kloster verbracht?"

Unglaublich…
Die Leute wollen es unbedingt glauben, hab ich Recht?

Wie bei Akte X, “I want to believe.”
Das ist auch der Aufhänger der Disney-Filme. Wir wollen glauben, dass es wahr ist, deshalb können wir im Mythos, in der Geschichte leben. Sogar Bambi wird real und wir lieben das.

Ein Teil der Sputnik-Installation in der Ausstellung “De Facto, La Virreina” - Centre de la Imatge, Barcelona, November 2008 - Februar 2009.

Deine Märchen sind schon in die echte Welt vorgedrungen. Viele deiner Bücher tauchen in den Büchereien von Zeit zu Zeit in den falschen Regalen auf.
Ich liebe es, wenn ich meine Bücher in den falschen Abteilungen der Bibliotheken wiederfinde. Ob es Sputnik in der Abteilung für russische Geschichte ist, oder was auch immer, wirklich. Wenn man sie durchblättert, das stimmt, sehen sie aus, als wären sie über Russen oder Pflanzen oder Tiere… Der Schock, dass jemand auf diese Bücher stößt und denkt, dass sie echt sind, ist unbezahlbar. Heute natürlich hält sich die Überraschung nicht so lange, da es mit Google viel leichter ist, die Fakten zu überprüfen.

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Nun, 2006 lief im spanischen Fernsehen die Sendung  Cuarto Milenio, die sich um Verschwörungen drehte. Eines Sonntags brachten sie die Sensationsnachricht über Sputnik, mit der Behauptung, dass während dem Kalten Krieg ein Kosmonaut im Weltraum verschwand. Danach haben sie sich bei dir für für diese Scheiße entschuldigt, aber es ist doch unglaublich, dass sie diese Geschichte nicht mal auf Google recherchiert haben.
Ich kann immer noch nicht glauben, dass es so weit gekommen ist. Ich meine, wie viele Leute arbeiten an so einer Sendung? Es muss da 50 Leute geben, neben denen, die die Geschichte schließlich "reinbrachten", und keiner von ihnen hob die Hand um zu sagen "Äh, ich glaube, das stimmt nicht…" Es war ein gewaltiger Eigentor für sie. Es muss einfach gesagt werden: Man kann niemanden besser austricksen als Leute, die ausgetrickst werden wollen.

Erzähl uns mal, was du unter "prophylaktischer Fiktion" verstehst.
Die Fiktion nimmt viele Formen an. Aber man kann sicher sagen, dass es Fiktion mit politischen oder wirtschaftlichen Zielen gibt, genauso wie künstlerische Fiktion, die nach Schnönheit strebt. Ich schlage eine dritte Art vor. Eine künstlerische Fiktion, deren Ziel es ist, die Fiktion abzubauen und bloßzustellen, die uns belügt. Ich habe nichts gegen künstlerische Fiktionen, obwohl sie meines Erachtens sozusagen nur die bitteren Pillen versüßen. Sie betäuben uns bezüglich unserer Reaktionen und unserer Fähigkeit, die Fiktionen abzubauen, die uns aktiv zu einem bestimmten Zweck fehlleiten. Deswegen ist mein Vorschlag eine "prophylaktische Fiktion", die uns ermöglicht uns über die Fiktionen mit Agenda bewusst zu werden und uns zu schützen.

Joan Fontcubertas letztes Buch La Cámara De Pandora wurde von Gustavo Gili Press veröffentlicht.

www.fontcuberta.com

TEXT VON MIKE IBÁÑEZ
FOTOS UND BILDUNTERSCHRIFTEN MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON JOAN FONTCUBERTA
KOORDINATION VON TONI L. QUEROL