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Mode

Ich mag die Tasche mit den Ohren

Falls du beim Begriff „Konzeptionelle Mode“ gähnen musst, liegt das daran, dass unfähige Designer und langweilige Menschen den Begriff regelrecht vergewaltigt haben
30.8.10

Falls du beim Begriff „Konzeptionelle Mode“ gähnen musst, liegt das daran, dass unfähige Designer und langweilige Menschen den Begriff regelrecht vergewaltigt haben. Es gibt aber auch schöne Modeerfindungen, die diesem Genre entspringen, wie zum Beispiel Taschen, die wie Armreife aussehen oder Kleider, die auf dem Bügel absurd wirken, aber so bald du sie anhast deinen Arsch toll aussehen lassen. Alles Dinge, die das Französisch-Deutsche Duo Desiree Heiss und Ines Kaag unter dem Namen Bless produzieren.

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Unter anderem haben sie eine Haarbürste gemacht, die Haare statt Borsten hat. Vielleicht gelingt dieser Quatsch den beiden so gut, weil sie auf ihrer schickimicki Design-Schule von Vivienne Westwood und Helmut Lang tatsächlich etwas gelernt haben. Oder vielleicht weil Modeleute gerne behaupten, dass „es so falsch ist, das es schon wieder richtig ist.“ Nachdem Desiree und Ines Bless gründeten, fing ihre Erfolgsgeschichte mit Perücken aus Fell an, die sie für Martin Margiela kreierten. Sonst sind Bless für ihre Zurückhaltung gegenüber den Medien bekannt, denn sie glauben, dass ihre Produkte für sich selbst sprechen.

Vice: Was sind deine frühsten Erinnerungen an Mode?

Desiree: Als ich sechs oder acht Jahre alt war, fand ich eine Jacke toll und wollte sie unbedingt haben. Meine Mutter war über meine Entschlossenheit dermaßen erstaunt, dass sie mir sie gekauft hat. Normalerweise hat sie meine Anziehsachen nach ihrem Geschmack ausgesucht und immer auf den Preis geachtet. Mein Sieg weilte nicht lange, denn als ich elf war, musste ich im Winter Wollstrumpfhosen tragen. Es war das uncoolste Kleidungsstück auf Erden. Währenddessen trugen andere Kinder weiße Socken a lá Michael-Jackson. Als ich zwölf wurde habe ich meine Oma um Geld angebettelt um mir ein typisches ausgefranstes 80er T-Shirt zu kaufen. Es war nicht teuer und im Gegensatz zu meiner Mutter, habe ich es echt gemocht. Eines Tages hat sie damit „versehentlich“ den Fußboden gewischt.

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Ohhh…

Desiree: Als ich dann 13 wurde, konnte ich mich dieser poppigen Modebewegung nicht anschließen, weil ich kein Geld für Esprit Klamotten hatte. Also hat meine beste Freundin von einer Mitschülerin einen Esprit Pullover geklaut. Sie hat es nur für mich getan. Sie wurde erwischt und bestraft, nicht ich. Seit dem weiß ich, was es bedeutet ein Feigling zu sein.

Ines, welche Erinnerungen sind in deinem Kleiderschrank begraben?

Ines: Am Tag vor meiner Einschulung hat mich meine Mutter zum Einkaufen mitgenommen. Es war toll, weil sie das so selten getan hat. Also sollte ich zwischen zwei Kleidern auswählen. Bei einem grauen Kleid aus Wolle war ich mir nicht so sicher. Meine Mutter sagte, dass wir uns beeilen müssen und kaufte mir dieses Kleid, speziell für meinen „großen Tag“. Als wir Zuhause ankamen, war ich so aufgeregt, dass ich die Tüte aufriss und das Kleid sofort anprobieren wollte. Dann sah ich aber, dass vorne an der Brust ein echt schreckliches Muster draufgestickt war. Also habe ich eine Schere genommen und schnitt ein Loch mitten durch diese Applikation. Meiner Mutter habe ich gesagt, dass das versehentlich passiert ist, als ich das Preisschild abschneiden wollte. Am nächsten Morgen stand meine Mutter vor mir und hielt das graue Kleid in Händen. In der Nacht hat sie das Loch mit zwei Aufnähern, die wie fliegende Hallimasch Pilze aussahen, geflickt. Das blöde Muster sah wie eine Medaille aus. Und ich musste es tragen.

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Kind zu sein ist nicht einfach. Denkst du, solche Erfahrungen haben dich geprägt?

Desiree: Ich habe irgendwann versucht Klamotten weniger Bedeutung beizumessen.

Ines: Klar. Ich habe mir geschworen, dass ich nie wieder etwas anziehen werde, was mir andere Menschen vorschreiben. Ich habe mich den ganzen Tag beschissen gefüllt, als alle Augen die Pilze auf meiner Brust anstarrten.

Ich weiß, dass ihr auf verschiedene Schulen gegangen seid und euch erst später bei einem Fashion Contest kennen gelernt habt. Wie würdet ihr eure zufällige Begegnung beschreiben?

Ines: Unser erstes Treffen war nicht besonders spektakulär. Wir trafen uns, tauschten Adressen aus und wurden Brieffreunde. Alles andere passierte später. Wir hatten damals keine Ahnung, dass wir miteinander arbeiten würden. Nach dem wir uns ein paar Postkarten hin und her schickten, wussten wir, dass wir den gleichen Humor und ästhetische Vorstellungen hatten.

Ihr habt angefangen Perücken und Helme aus Pelz zu kreieren. Gibt es irgendeine Verbindung zu Ines Vater, der Kürschner war?

Desiree: Da gibt es keine direkte Verbindung. Außer der Produktion unserer Produkte und vielleicht des nicht-fragen-müssen-wie-ich-mit-Fell-umgehe, was Ines betrifft. Ich hätte mich wahrscheinlich nicht für Fell entschieden, aber ich kann damit gut leben. Vor allem weil unsere Idee von Mode das Gegenteil der herkömmlichen Einwegmode ist. Wir wollen langlebige Werte innerhalb der Mode schaffen, oder auch Lieblingsstücke. Unter diesen Umständen kann der Pelz ohne Zweifel als Material genutzt werden.

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Ich habe mich in eure Tapete verliebt, die ich im Tensta Konstball in Stockholm gesehen habe.

Ines: Es war ein original Leopardenmuster, das Tensta Konstall Kuratoren entwarfen, als Gegenteil der typischen weißen Box, der Galerien. Das Ergebnis war, dass jeder ausstellende Künstler mit diesem Leopardenraum arbeiten musste. Uns gefiel diese Idee so sehr, dass wir sie in unsere n°29 wallscapes integrierten, eine Tapetenserie, die Bless Produkte im privaten Ambiente zeigt.

Also würdet ihr die Tapete bei euch Zuhause nicht anbringen?

Ines: Unser Zuhause ist eher nüchtern. Manche unsere Produkte sind hier und da verteilt, aber es sind größtenteils Basics, grundlegende und unbelastete Dinge, die einen Platz zum Atmen lassen. Das soll ermöglichen die Absesenheit jener Dinge im Alltag zu fühlen, die noch gar nicht existieren und die wir noch schaffen müssen.

Rührt euer Erfolg aus der Freiheit oder mögt ihr Regeln und Grenzen?

Desiree: Wir mögen wir es Probleme zu lösen. Deshalb sind zeitlich knapp bemessene Projekte ganz gut. Aber die generelle Regel lautet: je mehr Freiheit du hast, um so schwieriger ist es.

Spielt Musik in eurem kreativen Schaffensprozess eine Rolle?

Ines: Nicht wirklich. Im Moment hören wir viel klassische Musik und Deutschlandradio Kultur.

Was ist das?

Ines: Das ist ein großartiger deutscher Radiosender mit vielen Hörspielen. Es ist wie Fernsehen, nur ohne Bild.

Ich wurde richtig nostalgisch, als ich mir das Video eurer letzten Kollektion Heart Ringers ansah . Es erinnerte mich an Übungen, die ich in der Schule machen musste. Sie sehen schwer aus, aber wenn du deinem Körper vertraust, dann wird es einfach und sogar lustig.

Desiree: Wir hatten die Idee, haben sie unseren Freunden erzählt, teilten sie in Gruppen auf und haben sie machen lassen, was immer sie auch wollten. Dann haben sie das eine Stunde lang einstudiert und uns damit überrascht. Das Ergebnis war sehr beeindruckend. Ganz besonders, weil wir wussten, dass manche von ihnen überhaupt nicht sportlich waren. Normalerweise sind wir Kontrollfreaks, aber in diesem Fall haben wir alles geschehen lassen um zu sehen was passiert. Mit dem Ergebnis sind wir sehr zufrieden.

Ich liebe die Ohren-Tasche und die Armreifentasche. Die Stücke sind so einfallsreich.

Ines: Danke für die Blumen, aber wir verdienen sie nicht. Wir hatten zwar die Idee, aber ein Freund brachte uns mit einem alten Mann aus Schweden zusammen, der tatsächlich dieselbe Idee und eine bessere technische Lösung dafür hatte. Also haben wir sein Produkt in unsere Bless advanced line integriet und von seiner fabelhafte Technik und Handwekskunst Gebrauch gemacht.