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Des Hamilton

Des Hamilton ist ein Typ aus Glasgow, der total darauf abfährt zu fluchen. Zudem war er für das Casting für einige der besten Filme der vergangenen Dekade verantwortlich und arbeitete mit Regisseuren wie Shane Meadows, Lars von Trier, Gaspar Noe und...
12.1.11

Des Hamilton ist ein Typ aus Glasgow, der total darauf abfährt zu fluchen. Zudem war er für das Casting für einige der besten Filme der vergangenen Dekade verantwortlich und arbeitete mit Regisseuren wie Shane Meadows, Lars von Trier, Gaspar Noe und Lynne Ramsay. Zum ersten Mal nahm er mich wahr, als er mich für den Film Bronson casten wollte—doch wie sich herausstellte, war ich nicht in der Lage, die Rolle auszufüllen. Seitdem habe ich die Schauspielerei an den Nagel gehängt, mich in meinem Schlafzimmer eingeschlossen und wegen dieser vergebenen Chance geweint. Trotzdem habe ich noch einmal Kontakt mit Des aufgenommen, der seine Kollegin Lara Manwaring zu unserem Treffen mitbrachte, damit sie sicherstellt, dass er niemanden durch seine Beleidigungen verstört.

Vice: Was macht eigentlich jemand, der für das Casting zuständig ist? Glaubst du, dass dieser Job ein Produkt der modernen Filmindustrie ist?

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Des Hamilton: Woher zur Hölle soll ich das wissen? Hast du verdammt nochmal von Google gehört? Sechs bis acht Wochen vor Drehbeginn wird ein Regisseur in alle möglichen Richtungen gezerrt. Die Garderobe will etwas von ihm, die Leute, die für die Locations zuständig sind, der Cinematograph, der für das Erscheinungsbild des Films verantwortlich ist, will, dass er für ihn Zeit hat, und dann hat er vielleicht auch noch ein Privatleben. Vielleicht hat er eine Frau, die mit ihm in den Urlaub fahren will, bevor der Film ihre Welt ins Chaos stürzt. Ein Casting-Agent, der die gleiche Idee wie der Regisseur teilt, ist also essentiell. Manchmal siehst du einen Film und kannst nicht wirklich zum Ausdruck bringen, weshalb du ihn nicht magst, deshalb ist es wichtig, dass bei der Produktion des Films nicht zwei Holzköpfe ihre Köpfe aneinander schlagen, ansonsten kommt nur großer Müll raus.

OK. Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit Shane Meadows für This is England?

Mark Herbert, der Chef von Warp Films, schickte mir ein Drehbuch mit dem Titel Bulldog, was auch für lange Zeit der Arbeitstitel war. Ich mochte es sehr, aber war zu dem Zeitpunkt nicht auf der Höhe, ich sagte ihm also, dass ich ziemlich im Arsch sei, aber er antwortete mir nur „dass das schon wieder werden würde“ und das Shane will, dass ich mich mal umsehe.

Wurde dir freie Hand gelassen, die Besetzung zu finden?

Es drehte sich alles um den Jungen. Das war meine Aufgabe und dafür war ich da. Das Herz des Films und mein Job war es, Thomas Turgoose zu finden.

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Da gibt es dieses Video auf Youtube, in dem du mit Thomas Turgoose sprichst…

Über Celtic Glasgow?

Ja. Du stellst ihm einen Haufen Fragen und er scheint sich mehr für ein neues Fahrrad zu interessieren… War das einer der Gründe, weshalb du dachtest, dass er der Richtige für den Film sei?

Shane wollte niemanden, der schauspielern wollte, oder gar Schauspieler werden wollte. Er wollte niemanden, der das alles nur darstellt und aus der Theaterszene kommt. Die Reaktion von Shane und der restlichen Crew, als sie Tomo zum ersten Mal sahen, war unbeschreiblich. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Wir haben viele gute Kinder gesehen, aber als er zum Probelesen kam, mussten sich alle anschnallen.

Bekommt man diese Ehrlichkeit und Naivität nur von Kindern?

Nein, ich hatte das auch mit Kathleen McDermott [Morvern Callar]. Sie habe ich auch von der Straße weg gecastet. Bei Ashley Walters für Bullet Boy lief das auch so ab. Saul Dibb, der Regisseur, war zu Beginn nicht so begeistert, doch dann stellte sie sich uns vor, improvisierte und es war ebenso beeindruckend.

Wie funktioniert das Straßen-Casting?

Für Tomos Charakter in This Is England haben wir uns in Gemeindezentren nach Kindern umgesehen, die keine Schule besuchen. Wir gingen in Einkaufszentren, Spielhallen und hingen bei Fußballspielen herum.

Wie gehst du in so einer Situation auf jemanden zu?

Man bekommt manchmal eine negative Antwort. Die Leute sagen dir, dass du dich verpissen sollst. Vor einigen Wochen hielt ich ein Kind in Camden an und fragte, ob ich mit seinem Bruder sprechen dürfte und er sagte nur „Nah, verpiss dich.“ Ich war vor einiger Zeit auch am Glasgower Hauptbahnhof und suchte nach Leuten für ein Doves Video von Lynne Ramsey. Ich ging also auf vier Mädchen zu und sie alle sagten auch nur, dass ich mich verpissen solle.

Des Hamilton mit einigen japanischen Celtic-Fans.

Wie kommunizieren Regisseure, die sehr exakte Vorstellungen haben, mit dir?

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Für Enter The Void verbrachte ich einen Tag mit Gaspar Noe in Paris. Wir saßen also herum und er zeigte mir auf Youtube ein paar Sachen, die er witzig fand und auf die er sich gerne beziehen würde. Das war eine große Hilfe. Die Zeitbeschränkungen, die einem von der Filmindustrie auferlegt werden, lassen nicht viel Raum für große Kunst, doch jemand wie Gaspar könnte einfach rausgehen und irgendwas drehen. Das Endprodukt wäre brillant, da er ein großartiger Filmemacher ist. Er ist begabt.

Wie sieht sein Arbeitsablauf aus? Es hört sich so an, als würde er sich die Zeit nehmen, die er braucht.

Nun, er dreht nicht nur seine Filme, er schreibt sie auch. Es ist seine Kunstform und ich glaube, er zollt seinen Filmen den Respekt, den sie benötigen. Er ist sehr sorgfältig, was seine Entscheidungen betrifft. Und dann gibt er etwas Punk dazu. Er stellt also alles sehr sorgfältig zusammen, aber dann kann er sich auch irgendwen von der Straße krallen und in letzter Minute einfach in die Szene werfen.

Wie bist du zu diesem Job gekommen? Du warst früher ein Schauspieler, oder?

Ich war ein furchtbarer Schauspieler. Ich betrank mich auf Partys in London, und da ich aus Schottland stamme, begannen mir Leute zu erzählen, dass ich schauspielern sollte. Ich verschwendete damit fünf Jahre meines Lebens. Ich hatte eigentlich kein Interesse daran, noch hatte ich Talent, doch das Geld war ganz gut. Zuvor verdiente ich zehn Pfund in der Stunde auf einer Baustelle, also kam mir die Bezahlung für Werbung und so ziemlich gelegen.

Glaubst du, dass es dir hilft, aus Glasgow zu stammen? Kannst du alle dadurch verschrecken?

Ha, ich glaube, um mit den Leuten zu arbeiten, mit denen wir arbeiten, ist es nicht schlecht, aus der Arbeiterklasse zu stammen. Aber ich glaube nicht, dass ich die Schauspieler erschrecke… Warst du erschrocken?

Nein, ich bin ein ziemlich harter Typ. Eine meiner Lieblingserinnerungen an ein Casting mit dir ist, als du wolltest, dass ich in die Kamera schaue und du nur meintest: „Oscar, wieso zur Hölle benimmst du dich nicht einmal in deinem Leben wie ein normaler Mensch!“ Ich kann mich so gut daran erinnern, weil ich dachte, dass es nicht oft vorkommt, dass einem Casting-Agenten so offen sagen, was sie eigentlich denken.

"Selbstmörderisch" ist ein starkes Wort und nimmt viel Platz in meinem Vokabular ein. Ich benutze es eigentlich nur selten, denn ich kann mich erinnern, dass ich viele Castings, bei denen ich mich selber beworben hatte, sehr niedergeschlagen verlassen habe. Es ist nun einmal so, das ein Schauspieler die Rolle bekommt und der andere nicht, ich will aber nicht, dass sich irgendjemand so fühlt, als würde er sich umbringen wollen.