FYI.

This story is over 5 years old.

News

Warum wir uns wegen Atomkraft in die Hose machen

Der japanischen Regierung und Tepco wird zurzeit nachgesagt, eine „Tschernobyl Lösung“ zu erwägen—die Perversion schwingt in dieser abgedroschenen Metapher also buchstäblich schon mit—die apokalyptischste aller „nuklearen Optionen“.
22 März 2011, 7:08pm

Der japanischen Regierung und Tepco wird zurzeit nachgesagt, eine „Tschernobyl Lösung“ zu erwägen—die Perversion schwingt in dieser abgedroschenen Metapher also buchstäblich schon mit—die apokalyptischste aller „nuklearen Optionen“. Am Ende war auch Tschernobyl menschenleer und von oben zu betoniert (alle Piloten starben kurz danach an Krebs). Zurück blieb ein riesiges Sperrgebiet, das wie ein Denkmal für das gebeutelte 20. Jahrhundert des kalten Krieges, der gespaltenen Atome und der menschlichen Hybris wirkt.

Oder ist das Versagen unserer gesamten Spezies in Wirklichkeit einfach nur Hysterie? Solange die Kernspaltung noch im Inneren vor sich geht, ist Fukushima eine permanente und akute Krise für jeden von uns. Genau wie in Tschernobyl werden sicherlich ein paar Kraftwerksmitarbeiter an der Strahlenbelastung sterben und sich darüber auch bereits im Klaren sein. Aber wird der vermeintliche Super-GAU im Inneren Fukushimas zwangsläufig zu einer verstrahlten Einöde rings herum führen?

Zum zwanzigsten Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe kehrte die BBC zusammen mit einer Mutter und ihrer Tochter, die dauerhaft aus der Stadt (3:40 im Film unten) evakuiert wurden, in das Sperrgebiet zurück. 1986 war die Tochter gerade mal ein Fötus, das war zu der Zeit, als sowjetische Ärzte Massenabtreibungen an der Bevölkerung vornahmen und das als Teil ihrer „Wiedergutmachungsarbeit“ verkauften. Diese Mutter war eine der wenigen Frauen, die sich dem widersetzen, und ihre Tochter ist heute ein psychisch und körperlich gesunder Mensch.

Es gibt viele Beweise, dass der Zustand der beiden die Regel ist und nicht die Ausnahme (Sieh dir “Nuclear Nightmares” der BBC hier mal komplett an). Zwei Jahrzehnte lang wurden Diagnosen über Leukämie und andere Krebsarten gestellt, aber nur wenige der Zigtausend, die vorhergesagt wurden, traten tatsächlich ein. In dem menschenleeren Sperrgebiet um den Reaktor herum hat sich Wildnis breit gemacht, aber von den vielen untersuchten Rehen und Bäumen wiesen nur einige sehr wenige überhaupt genetische Veränderungen auf.

Experten sagen, dass die Überreaktion der Medien und von uns allen eine Folge fehlerhafter Hochrechnungen war—denn es wurde zuerst von einer so extremen radioaktiven Strahlung ausgegangen, und alle ähnlichen Katastrophen, auch mit viel geringeren Strahlenmesswerten (wie zum Beispiel auch Fukushima) werden nun an diesem einst gemessenen Grad abgeschätzt. Zudem wird nun davon ausgegangen, dass radioaktive Strahlung ähnlich wie die nukleare Kettenreaktion erst eine "kritische Masse" erreichen muss, bevor sie schädlich wirkt.

Unsere Hauptangst in Bezug auf Strahlung ist natürlich durch die Geschichte, insbesondere Hiroshima, aber auch durch Sci-Fi-Horrorfilme begründet. (Fakt ist, dass das Uranium in einer Bombe zu 97 % angereichert ist, in Kraftwerken nur zu 3%.). Wir haben Angst, weil wir eine so komplexe und außergewöhnliche Technologie einfach nicht verstehen können—nicht bloß in Bezug darauf, sie zu reparieren. Wir verbinden damit einfach eine unbestimmte Furcht.

Ein ähnlicher Mythos der Gefahr umgibt die Concorde: weil eine abgestürzt ist, wurde gleich die ganze Flotte vernichtet. Tonnenweise 747‘s von Boeing sind seit ihrer Einführung abgestürzt und niemand hat nach einem Verbot der gesamten Flotte verlangt. Mit Öl ist es ähnlich. Wir sehen, wie Öl uns töten wird: Wir haben die Enten und Robben im Schmutz verenden sehen und wir riechen die Abgase unserer Autos und Jets. Und selbst nach der Deepwater Horizon Katastrophe, die eine größere Umweltverschmutzung ausgelöst hat, als Fukushima es jemals tun wird, wäre ein sofortiger Erdölstopp zu dieser Zeit politisch und gesellschaftlich absolut lächerlich gewesen.

Das Furchterregende an Radioaktivität ist nicht, dass sie tötet—sondern in welcher Weise sie das tut. Wir Menschen sind evolutionär einfach nicht in der Lage, das wirklich zu erfassen. Unsere Affengehirne sind nicht dafür gebaut, zu verstehen, dass eine leblose leuchtende Stange vielleicht (vielleicht aber auch nicht) innerhalb von 20 Jahren dein Gehirn zerstört. Oder dass dein Kind, das du in 20 Monaten bekommen wirst, deformiert zur Welt kommen könnte. Das erinnert an ein bekanntes Rattenexperiment: Einer Gruppe Ratten wurde nach einem Lichtsignal ein Stromschlag gegeben. Eine andere Gruppe wurde mit Röntgenstrahlen beschossen, wodurch sie nach dem Trinken einer süßen Flüssigkeit Bauchschmerzen bekamen. Beide Gruppen lernten fast gleichzeitig, das Licht, beziehungsweise im zweiten Fall das Getränk zu meiden. Aber wenn du einer Ratte einen Stromschlag verpasst, nachdem sie trinkt, oder ihren Bauch bestrahlst, wenn das Licht angeht, wird sie es niemals lernen—weil diese Assoziationen in der natürlichen Umgebung, die das Rattengehirn geprägt hat, keinen Sinn ergeben würde. Die Verbindungen Licht/Übelkeit und Geschmack/Elektroschock sind komplett unlogisch.

Smog, durch Erdbeben zerstörte Städte, Saddam, der die Ölfelder abbrennt und schmelzende Eisberge, das alles macht für unser Gehirn Sinn—wir wollen das Licht anmachen und bekommen einen Schlag. Aber wir haben keine Ahnung, wann das nukleare Licht unsere Bäuche trifft, also was sollten wir anderes tun, als wild und verrückt im Käfig herum zu rennen?