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Rätselraten mit der Sphinx

Rachel hat wieder Internet und konnte uns neben den besorgten Kurznachrichten, nun einen etwas detaillierteren Einblick auf das Chaos und die gekippte Situation in Ägypten zukommen lassen.
3.2.11

Rachel hat wieder Internet und konnte uns neben den besorgten Kurznachrichten, nun einen etwas detaillierteren Einblick auf das Chaos und die gekippte Situation in Ägypten zukommen lassen.

Heute Morgen bin ich sehr früh aufgewacht und habe mich noch immer wie
Scheiße gefühlt. Dann klopfte es plötzlich an der Tür. Es war Oliver. Er
brachte mir Zigaretten und machte uns Kaffe, den wir mit auf die
Terrasse tranken.

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„Die ägyptische Regierung sagt, dass die Ausländer versuchen würden die Proteste zu infiltrieren?“, fragte er.

„Was?“, sagte ich. „Wissen die denn wie wenige von uns noch hier sind?“

In dem Moment rief ihn jemand auf seinem internationalen Telefon an.

„Ja, ich war gestern bei den Protesten. Das ging gegen meine Prinzipien. Ich werde versuchen nicht mehr hinzugehen. Dem ägyptischen Volk wird keine Wahl gelassen," sagte er während er versuchte Augenkontakt zu vermeiden.

Als er aufgelegt hatte sagte ich: „Wusstest du, dass ich angefangen hab Die Verdammten dieser Erde zu lesen? Es ist wirklich gut“.

Er sagte nichts und wechselte dann das Thema. „Heute starten britische Flugzeuge. Meine Mitbewohner fliegen morgen zurück in die Schweiz.“

„Ernsthaft, bleib hier“, sagte ich. „Oder geh, wenn du willst. Es ist für uns auch schwierig. Wir haben die gleichen Gedanken aber wir haben auch immer noch einander. Schließ dich nicht in deinem Apartment ein, während du Nachrichten siehst- das ist nicht gesund.“

Ein paar Minuten später kam T mit uns nach draußen und ich erzählte, was Oliver mir über die angebliche Ilnfiltierung von aufstachelnden Ausländern bei den Protesten erzählt hatte.

„Was? Aber das wird doch niemand glauben“, sagte er. „Die Ägypter wissen das“. " Wenn mich gestern ein einziger Ägypter gebeten hätte zu gehen, hätte ich das respektiert und wäre abgereist“, sagte ich. „Aber niemand hat das gesagt“.

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Wir diskutierten eine Weile – die Parallelen zum Iran und deren symbolische Bedeutung. Oliver war offensichtlich von unserem Gespräch nicht so begeistert und verschwand. Wir sahen uns ratlos an und gingen zu unserem Kaffe zurück. Als alle aufgewacht waren entdeckten wir, dass das Internet wieder funktionierte, genau wie unsere Dusche.

„Wir sollten losgehen und uns was zu essen besorgen“, sagte L. Ich spürte einen inneren Konflikt. Natürlich, Essen eine grundlegende Notwendigkeit- aber gestern fing ich an mich zu fragen ob das Internet in der heutigen Zeit auch zu einem Grundbedürfnis geworden ist.

„Nein, ich denke das Internet hat vielleicht den selben Status wie eine Dusche“, sagte T. Das leuchtete mir ein.

Wir verbrachten den Vormittag damit, Essen einzukaufen. Irgendwann fing ich an mich krank zu fühlen – vielleicht weil mein Zuckerspiegel sehr niedrig war. Als wir zurückkamen, musste ich mich zwischen der sofortigen Nutzung des Internets und einer Dusche entscheiden. Ich nahm die Dusche, machte mir was zu essen und fühlte mich schon besser.

T zeigte ein Video von Al Jazeera auf ihrem Computer. Es war geschnitten aber wir konnten ausmachen, dass in Tahrir gerade heftige Straßenkämpfe im Gange waren.

„Ich werde nicht hingehen“, sagte Merc sofort.

„Ich gehe“, erwiderte L.

T und ich sahen einander nervös an. „Ok, wer kämpft gegen wen?“, frage ich. "Was könnten wir möglicherweise tun? Vielleicht brauchen wir mehr Informationen."

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„Ich habe keine medizinisch Qualifikation!“, sagte T.

„Gestern hatten wir auch keine Informationen“, meinte L. „Wir wussten nur, dass sich die Leute in Tahrir versammeln aber wir wussten nicht, auf was wir uns da einlassen.“, sagte er und sah mich an.

„Aber was können wir machen?“, fragte ich. „Wenn ich kämpfen muss, will ich genau wissen gegen wen ich kämpfen muss. Wir wollen die Sache nicht noch schlimmer machen.“

„Was denkst du, kleiner L?", fragte ich. „Du bist hier der Ägypter.“

„Ich habe Angst“, sagte er.

„Ich denke nur, wenn wir hingehen um die Menschen zu unterstützen, müssen wir ihnen sowohl während der friedlichen Proteste, als auch während der gewaltsamen Auseinandersetzungen beistehen.“, begann L.

„Du sagst es“, erwiderte ich.

Der nahe Osten, insbesondere die Situation, erinnert mich an eine Szene aus Die unendliche Geschichte, wo Atreyu die Beratung der Sphinx sucht, doch dieser alte Kerl ohne Zähne will ihn davon überzeugen, dass die Sphinx viel zu gefährlich ist. „Ehrliche Männer können wirkliche Lügner sein. Tapfere Männer können wirklich feige sein.“ Von all dem lässt sich Atreyu nicht zurückhalten, er rennt gerade durch die Sphinxen durch und schreit dem alten Mann noch zu „Nur wer seine wahren Werte kennt, kann hindurchgehen!“

Wir verließen den Tahrir Platz bereits wieder nach 20 Minuten, da waren schon alle Straßen komplett gesperrt. Die wenigen verliebenden Menschen starrten uns ungläubig an, wahrscheinlich fragten sie sich, was zum Teufel diese Ausländer hier machen. Beim Überqueren der Brücke erzählte mir Mohammad das er heute Geburtstag hat. Happy Birthday.

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„Du weist, dass du uns jederzeit verlassen kannst. Wir alle verstehen das,“ sagte ich zu ihm.

„Oh ich weiß. Aber ich werde mitgehen,“ antwortete er.

Wir gingen und hatten absolut keine Idee was uns erwarten wird. Wir wussten das die Mubarak-Anhänger überall waren, aber in den Massen haben sie sich mit den Mubarak-Gegnern vermischt. Wir hatten keine Chance sie auseinander zu halten. Ein Mädchen kam zu uns mit einem arabischen Schild. Instinktiv gab ich ihr einen Daumen nach oben, wie ich es die letzten Tage auch schon gemacht habe. Als sie weiter lief hörte ich „Go Mubarak“. Oh scheiße, ich lag vollkommen falsch.

Als wir näher an die Innenstadt kamen, sahen wir schon von weiten die Jungs von der Armee, wie sie Ausweise kontrollierten. Augenblicklich trennte sich Muhammad von uns. Ich drückte mich durch die Massen zurück zur Brücke. Ich konnte sehen wie L sich vordrängelte. Überall hörte man laute Aufschreie.

„Geh nach hause! Wir wollen dich hier nicht!“ sagten sie immer wieder.

Ich schrie L zu: „Wir müssen gehen!“ Die Jungs schoben mich von der Brücke und bildeten ein menschliches Schutzschild.

„Meine Freunde sind da hinten!“ protestierte ich laut.

„Keine Sorge, wir werden sie holen“ wollten sie mich beruhigen.

T rief an und sagte, sie würde auf der Brücke warten. Sie wurde ein paar mal geschlagen und L wurde an den Haaren gezogen. Dem ägyptische Typ von gestern wurde fast in den Arsch getreten, nur weil er sich in unserer Gegenwart aufhielt.

„Keine Panik, ich stehe hinter euch,“ sagte er.

Muhammad fand uns später irgendwie bei der Brücke. „Fucking Ausländer“ sagte er grinsend. „Keine Sorge, ich werde sie nicht an euch heran lassen.“

Auf dem Nachhauseweg fühlten wir uns wie große Arschlöcher. Die Aussage war mehr als klar. Sie wollten uns nicht hier haben. Die Situation war noch viel komplizierter, als wir es erwartet hätten. Es ist wichtig, das man registriert was hier ab geht und unser Konflikt auf der Brücke ist etwa eine Milliarde mal weniger schlimm, als das, was mit den Mubarak-Gegnern in Kairo passiert. Es ist richtig mies. Es ist wirklich übel. Ich habe gehört das die ägyptische Regierung mehr Geld in die Mubarak-Anhänger investieren will, damit sie Chaos und Verwüstung anrichten können. Der Terrorismus wird staatlich gefördert und geht gegen die eigenen Bürger. Die Situation auf den Straßen wird immer angespannter und die Tatsache, dass man jetzt Ausländer ins Visier nimmt, macht uns echt Sorgen.