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Musik

Die eisernen Zitronen

Unser Zitronen-Interview im Dezember war in zweifacher Hinsicht problembeladen. Zum einen führten die Zitronen nebenher ernsthafte Diskussionen wegen ihrer Gästeliste - sie hatten 120 Personen draufgeschrieben. Der Festsaal Kreuzberg hat eine Kapazität von, naja, 250? - und verloren deshalb ab und an den Faden. Zum anderen waren sie im Rahmen ihres letzten Albums bereits absolut ALLES gefragt worden, was man jemanden fragen kann, einschließlich ihrer Lieblingszucchiniform und ihrer Meinung zu Bananensaft. Zudem vergaß die Interviewerin, die vier Jahre nach Gründung der Band geboren war, gelegentlich zuzuhören, wenn Schorsch Kamerun zu sehr rumeierte. (Im Folgenden mit (________) gekennzeichnet.)

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Schorsch Kamerun: Sollen wir einfach schon anfangen? Vielleicht kommt ja noch jemand dazugetrottet.

VICE: OK.

Warte mal. Du solltest das Diktiergerät ein bisschen mehr zu mir rücken, sonst versteht man das nicht.

Eh, doch.

Achso. Du meinst, das kann alles.

Ja.

OK, wie du meinst. Dann fangen wir an.

Viele früher wichtige deutsche Bands, z.b. Neubauten oder Tocotronic, werden immer betulicher, lyrischer, aufgeblasener und verwandeln sich in Schlagerstars. Die Zitronen machen das Gegenteil und bewegen sich ins Experimentelle.

Hmm… musste den anderen mal sagen, dass sie jetzt Schlagerstars sind. Also, bei den Tocos kann ich das garnicht feststellen…und bei uns…musikalisch … also, das hängt immer davon ab wie man so …. Musik betrachtet. Also wir … empfinden das ja immer … also, experimenteller - das kann man ja selbst immer schwer beurteilen…also, die Reaktionen zeigen, das schon begriffen wird, was wir da wollen. Stefan, magst du mitmachen?

Stefan: Ich mag mitmachen. Nur eine Gästelistenanfrage muss ich noch abmachen. Tut mir waaahnsinnig leid. Grüße dich. Stefan. Du bist für Vice?

Ja.

Stefan: Traumhaft.

Schorsch: Ja, wenn du Mense siehst, dann kannst du den auch noch mitbringen.

Stefan: Genau, ich hol Mense.

Schorsch: …. also das ist ja wirklich immer sehr subjektiv, wie man… die Dinge so hört… hätte sein können, dass die Platte jetzt keiner versteht… und äh …nicht einordnen kann……. aber so isses anscheinend nicht, also …. das wiederum können wir ja als erste Reaktion so feststellen… (_______________) Wie das also im Einzelnen wirkt, müssen wiederum andere beurteilen - manche nennen das Krautrock, also, wir unterhalten uns da nicht mehr so drüber… also, diese Debatten haben wir so ein bisschen verlassen.

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Gibts die denn im Ernst? Dass man sich in der Band nach zehn Jahren hinstellt und sagt "Jetzt machma ma Krautrock."?

Ja nur! Also, das Konzeptionelle liegt ja in der Natur des sogenannten Künstlers … (________________) Also, es gibt uns ja schon 25 Jahre, und darum … haben wir uns intern auch schon über alles unter halten ….. würde ich denken. Also, das klingt immer so ein bisschen langweilig, wenn Musiker das sagen, aber … (________________). Also, wenn du ne Platte rausbringst, dann gibts da ja immer verschiedene Reaktionen … (___________________________________________________) Also, insofern gibt es schon ein insgesamtes Reaktionsgefühl, also, das man sagen kann, diese Platte hört sich eher so und so an und diese eher so. (_____________) Also, natürlich, es gibt Dinge, die wiederholen sich. Wir waren einfach schon sehr oft in Berlin in den 25 Jahren (______________).

Erinnerst du dich, wo damals euer erster Auftritt in Berlin war?

Ja, das ist ja witzig… wir haben … Ted wüsste das, der weiß sowas immer … Exzess war son früher Laden… es gab das Köpp oder Kopp. Das waren eher immer so autonome Zentren…im 36 später erst…  wir haben ja auch schon ÜBERALL hier gespielt. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr. Ich weiß, wo wir aufgenommen haben. Wir haben unsere erste Single in der Oranienstraße aufgenommen. Ich weiß noch, dass es um Weihnachten war, und ich weiß noch, dass ich beim Einsingen des ersten Liedes ohnmächtig geworden bin.

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Warum?

Weil ich derartig auf Drogen und Alkohol war und (______________________________________) Berlin war ja wirklich noch anders. Sehr beeindruckt hat mich, das war 1980, und wir wollten unbedingt die Dead Kennedys in Berlin sehen (_______________________). Man müsste da so weit zurück gehen, das würde David Bowie schon beschreiben, wie faszinierend Berlin war, weil das eben diese merkwürdige Insel war. Ich hab ja alle Phasen mitgemacht: (______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________)

Apropos Gentrifizierung - kann man eigentlich noch links sein, ohne sich dafür schämen zu müssen?

(____________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________) Natürlich ist es einfach, sich hinzustellen und zu sagen, früher war alles besser, und das war radikaler, das werden wir ja auch gefragt.

Wars denn besser, früher?

Das glaube ich sowieso nie. Das sagt jede Generation. Wenn man jetzt sagt, die Studenten haben nichts drauf, bei ihren Protesten, also, ich glaub, dass das Quatsch ist. (__________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________) Was da präzise verändert werden muss, mit dem Bachelor, das kann ich aber nicht nachvollziehen - ich hab nichtmal 'nen Hauptschulabschluss.

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Nicht?

Nein. Ich bin von der Schule geflogen, so nach und nach, und hatte dann immer keinen Abschluss. Dann hab ich 'ne KFZ-Mechaniker-Lehre gemacht, weil mein Vater 'ne Firma hatte - sonst hätte ich halt genau garnichts machen können. Und dann kam eigentlich schon die Band, und das war damals, als diese Welle so los ging, mit Funpunk , und dann …(________________________________________________________________________), und dann habe ich irgendwann angefangen Theater zu machen.  (__________________________________________________) wir haben den Pudel Club gegründet, ich hab Hörspiele gemacht …

Ah, ihr wart das!

Ja. Genau. Genau, und ich hab Hörspiele gemacht (______________________) also ich bin der Meinung, wenn man den vorgezeichneten Weg nicht will, dann kann man das auch schaffen, dann muss man den nicht gehen. Ah, Stefan!

Stefan: Es tut mir wahnsinnig leid. Ich hab mich rumstreiten müssen wegen der Gästeliste.

Schorsch: Ja. Wir haben zuviele.

Stefan: Wir haben 120 Leute auf der Gästeliste. Der Laden platzt aus allen Nähten. die machen einen tierischen Stress da oben.

Schorsch: Das Problem, wenn man so lange unterwegs ist. Man kennt so viele Leute.

Ich hab da heute so eine ewig lange Dikussion gelesen, dass ihr Jan Delay beschimpft hättet.

Ted hat da was gesagt… bei mir wars angeblich Silbermond. Jan… Jan is'n Freund so, wir sind auf dem selben Label und kennen ihn, seit er angefangen hat, und manchmal wundern wir uns ein bisschen - wie er auf der einen Seite so politisch sein kann und auf der anderen Seite für Coca Cola auftreten kann… oder… für so Handylabels … und so weiter. Da wundern wir uns halt. Die Grätsche ist ein bisschen zu groß für meinen Geschmack.

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Es gibt ja diesen Trend, dass diese ganzen großen Firmen irgendwelche Künstler fördern, die dann in bezahlten Interviews ihre Liebe zu denen beteuern, gegen die sie eigentlich sind.

Das nennt sich Mainstream der Minderheiten. Also, da kann man auch… die Finger von lassen. Es geht auch ohne. Ich meine, ich will ja nichtmal 'ne Myspaceseite, wegen der Werbung oben. Aber das ist halt immer, wie man sich entscheidet.  Es gibt auch Leute, die sagen, scheiß auf die Werbung, aber ich bin der Meinung, es geht auch ohne.

Ganz deiner Meinung. Danke.

FOTO: CHRISTOPH VOY

Das aktuelle Album Die Entstehung der Nacht ist bei Buback erschienen.