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Dieser Junge läuft als Ninja verkleidet mit Schwert durch Warschau

Als ich hörte, dass in Warschau offizielle Beschwerden über einen Mann in Ninja-Kleidung, der mit einem Schwert auf dem Rücken herumrennt, eingegangen waren, musste ich ihn einfach kennenlernen.

von Melchior Sędzimir
24 September 2015, 4:00am

Als ich hörte, dass in Grochów, einem Bezirk im Westen Warschaus, beim Stadtrat offizielle Beschwerden über einen Mann in Ninja-Kleidung, der mit einem Schwert auf dem Rücken herumrennt, eingegangen waren, beschloss ich, mehr über ihn herauszufinden.

Der Typ hatte tatsächlich seine eigene Facebook-Seite mit einer kleinen lokalen Fangemeinde. Der Blick des Ninjas in seinem Profilbild war durchdringend: Das maskierte Gesicht füllte das Bild aus und nur die Nase und ein rachsüchtiges Auge waren entblößt. Der intensive Blick brannte geradezu. Dieses Auge musste schon mehr als einmal gesehen haben, wie in den Gassen der polnischen Hauptstadt jemandem die Scheiße aus dem Leib geprügelt wurde. Ich schwor, dass ich noch am selben Nachmittag mit dem Ninja von Grochów reden würde. Wir tauschten ein paar Nachrichten aus, doch er sagte, er müsse los, und teilte mir nur mit, wo ich ihn an jenem Tag finden könnte. Nachdem ich ein paar weitere Nachrichten gesendet hatte, die unbeantwortet blieben, schrieb mir der Vater des Ninjas: „Der Sohn ist schon lange weg." Dabei konnte ich es nicht belassen. Noch innerhalb derselben Stunde hatte ich den maskierten Mann an der Ecke Terespolska und Grochowska eingeholt.

VICE: Wie bist du darauf gekommen, ein Ninja-Krieger zu werden?
Ninja von Grochów: Als ich 15 war, wollte ich schneller sein als meine Freunde, also fing ich an zu laufen. Zwei Jahre darauf wurde ich angegriffen. Dann dachte ich mir, da ich in einem Faustkampf keine Chance hätte, sollte ich mir etwas zu meiner Verteidigung kaufen. Für den Anfang wählte ich ein Bokken, ein Übungsschwert aus Holz. Mein Interesse an der japanischen Kultur kam durch meine Mutter. Passanten sahen mich immer komisch an, wenn ich mit dem Schwert auf dem Rücken herumlief. Dann verkaufte mir ein Freund ein Schwert, das aus einer Blattfeder gemacht war, für 15 Zloty (etwa 3,50 Euro). War es wirklich aus einer Blattfeder? Zumindest behauptete er das. Und dann lief ich wieder zwei Jahre lang, bevor ich wieder angegriffen wurde—aber diesmal habe ich dem Bastard in den Arsch getreten. Das neue Schwert wirkte Wunder.

Hast du einen Sensei oder bringst du dir das Kämpfen selbst bei?
Ich übe alleine. Meistens arbeite ich an meinem Durchhaltevermögen und meiner Reaktionszeit. Ich laufe jetzt seit sechs Jahren und will damit so lange wie möglich weitermachen. Zuerst lief ich in einem Trainingsanzug, aber jetzt trage ich ein Ninja-Outfit.

Was machst du sonst im Leben, außer trainieren?
Ich trage normale Kleidung, aber ohne mein Schwert gehe ich nirgends hin. Ich trage es bei mir, wenn ich einkaufen gehe, in die Apotheke, im Grunde einfach überall. Wenn ich es zu meiner Verteidigung einsetzen kann, warum nicht? Der einzige Ort, an dem ich es abnehme, ist die Arbeit. Als Security muss ich eine Uniform tragen. Leider muss man manchmal zwischen Arbeit und Freizeitspaß trennen.

Kriegst du mehr Aufmerksamkeit von Frauen, seit du zum Ninja von Grochów geworden bist?
Ein paar süße Mädels liken meine Seite, aber ich habe nachgesehen und die meisten sind verheiratet oder haben einen Freund. Und ich will nicht der Arsch sein, der anderen die Freundin ausspannt. Ich habe meine Prinzipien!

Wie sehen dich die Leute?
Ich habe gehört, dass bei unserem Stadtrat Damian Paczkowski viele Beschwerden eingegangen sind. Er wollte die Situation entschärfen, also ist er zum Bürgermeister gegangen und hat ihm gesagt, dass ich ein harmloser Mann bin. Ich habe es schriftlich: Ich laufe mit einem nachgemachten Schwert herum und will niemandem etwas antun. Bisher ist alles friedlich. Wenn mir jemand blöd kommt, ignoriere ich ihn und laufe weiter. Warum sollten wir uns in irgendeiner Weise einschränken lassen? Seine Leidenschaft zu zeigen ist doch cool! Lasst uns nicht in einem grauen Einheitsbrei untergehen! Immerhin leben wir in einem freien Land!

Nachdem ich das Aufnahmegerät ausgeschaltet hatte, brauchte ich eine Pause. Wer weiß, vielleicht sind wir Zeugen der Geburtsstunde einer Legende, dem Warschauer Superhelden aus dem Vorort Grochów?

Wird er in die Fußstapfen von Kick-Ass treten? Vielleicht wird er sogar noch zu etwas Größerem als einem einfachen Straßenkämpfer—vielleicht wird er zum Freiheitskämpfer. Selbst wenn die Freiheit, für die er kämpft, einfach nur die ist, genau so herumzurennen, wie man möchte.

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