Wir waren bei Tori Blacks erstem Ausflug in die Welt des Virtual-Reality-Pornos dabei

In diesem Zug haben wir uns auch mit den ethischen Fragen beschäftigt, die aufkommen, wenn man die Möglichkeit hat, Sex mit den Avataren der größten Porno-Stars unserer Zeit zu haben.

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Jan. 12 2016, 5:00am

Tori Black liegt nackt und mit weit gespreizten Beinen auf einem weichen Sitzkissen. Sie befindet sich in einem augenscheinlichen Ankleidezimmer, ist von einem weißen Vorhang umgeben und 44 Kameras sind direkt auf ihren Intimbereich gerichtet.

„Soll ich meine Vagina irgendwie besonders zeigen?", fragt sie.

„Moment", ruft eine Stimme aus dem Off, „kannst du deine Beine noch ein bisschen weiter spreizen?"

„Meine Schamlippen wollen einfach nicht so, wie ich will!", meint Black hinter dem Vorhang. Eine kleine Männergruppe sitzt auf der anderen Seite des Vorhangs vor eine Reihe an Monitoren und überprüft Blacks Arbeit.

Wir befinden uns in einem Industriegebiet außerhalb Torontos, genauer gesagt im Büro von Holodexxx, einem Unternehmen, das Virtual-Reality-Pornos produziert. Black ist hier, um ihren virtuellen Avatar zu erschaffen, der dann in einem Videospiel für Erwachsene erscheinen wird, in dem man seine sexuellen Fantasien ausleben kann.

„Die Leute fragen mich immer, wie ich mich nackt so wohlfühlen kann", meint sie zu mir. „Nun, ich bin jetzt schon seit gut einem Jahrzehnt nackt unterwegs. Das ist der Grund." Und während sie mir von alledem erzählt, geht Black jede Pose durch, die man sich von seinem Sexpartner nur wünschen kann—sie kniet sich hin, sie streckt ihren Hintern mit einem lüsternen Blick nach oben, sie steckt sich einen Finger verführerisch in den Mund.

Black ist jedoch nicht die erste Porno-Darstellerin, die sich für die virtuelle Welt verewigen lässt, denn die Virtual-Reality-Technologie wird schon länger auch für sexuelle Zwecke eingesetzt. Dieser Umstand lässt jedoch auch einige Fragen aufkommen: Wie steht es um das Thema Einwilligung? Wie werden die Grenzen des echten Lebens auch in der virtuellen Welt eingehalten? Was bedeutet das Ganze für die wirkliche Intimität zwischen zwei Menschen? Was passiert mit einem Avatar, wenn das System gehackt wird?

Das Spiel soll letztendlich folgendermaßen ablaufen: Man setzt sich ein virtuelles Headset auf und nimmt zwei Controller in die Hand, die die Bewegungen der Arme und der Finger ins System übertragen. Mit der Zeit wird die Teledildonic-Technologie also ebenfalls eine tragende Rolle spielen. Die Charaktere des Spiels werden mithilfe eines eigens dafür erbauten VR-Gerüsts gescannt—im Grunde handelt es sich dabei allerdings nur um 112 Kameras, die quasi kreisförmig aneinandergereiht wurden, um jeden Winkel einzufangen. Am Computer entsteht so dann schnell ein 3D-Modell.

FÜR WEN IST DAS SPIEL GEDACHT?

Bis jetzt sind alle eingescannten Darstellerinnen Frauen mit normalem Körperbau. Sie haben zwar alle verschiedene ethnische Hintergründe, sehen aber trotzdem wie klassische Porno-Stars aus. Derzeit kann zwar die Brust- und Hinterngröße der Avatare verändert werden, aber die allgemeine Körperfülle ist nicht variierbar, ohne dabei die eigentliche Qualität der Aufnahme zu schmälern.

Bisher wurde erst ein Mann eingescannt, aber Morgan Young, einer der Mitbegründer des Unternehmens, meint, dass es wichtig ist, bei der weiteren Entwicklung des Spiels alle Geschlechter, Körperformen und sexuellen Orientierungen zu berücksichtigen: „Wir haben hier die Möglichkeit, den zukünftigen Weg der Industrie neu zu bestimmen. Wir sind drei junge Typen und wollen nicht als chauvinistisch rüberkommen. Wir legen uns hier wirklich ins Zeug, um jeden Menschen angemessen zu repräsentieren. Den Leuten wird hier die Möglichkeit geboten, ihre Sexualität auf eine ganz neue Art und Weise zu erforschen."

„Man kann jeden Körper annehmen, der einem gefällt. Gleiches gilt für das Geschlecht und die Ethnie. Man kann sich richtig ausleben und seine Sexualität erforschen. Das ist wunderschön und deswegen sind wir doch auch auf diesem Planeten."

Chris Abell, einer der beiden anderen Holodexxx-Gründer, fügt hinzu, dass einem die virtuelle Landschaft auch Sicherheit bieten kann. Wenn man zum Beispiel Interesse an Gruppensex hegt, aber im echten Leben zu viel Angst davor hat, dann kann man das Ganze zuerst einmal im Spiel ausprobieren. Gleiches gilt für Leute, die schon etwas älter sind und noch nie Sex hatten.

Das Spiel kann aber auch für Pärchen sinnvoll sein, die ihrer Fernbeziehung einen neuen Kick geben wollen, denn die Technologie ermöglicht es, dass man es sich auch über große Entfernungen hinweg besorgen kann.

EIN ANALYSE DER ETHIK DIESES METAVERSUMS

Zwar haben Virtual-Reality-Pornos schon einige Vorteile (die auch eben genannt wurden), aber sie werfen auch mehrere ethische Fragen auf. Wie stellt man zum Beispiel sicher, dass die Grenzen der Darstellerin in der virtuellen Welt nicht überschritten werden? Wie wichtig ist das bei einer virtuellen Figur überhaupt? Was passiert, wenn sich jemand unerlaubterweise Zugriff auf den Avatar eines anderen Users verschafft? Und wie steht es um virtuelle Vergewaltigungen?

Bezüglich der letzten Frage meint Young, dass das etwas ist, über das die Entwickler keine Kontrolle haben. Zwar werden auch Maßnahmen ergriffen, um die User und deren Avatare zu schützen, aber letztendlich bleibt das Ganze trotzdem ein Risiko, das es abzuwägen gilt.

Young erklärt mir, dass genau darauf geachtet wird, dass die von den Darstellerinnen festgelegten Grenzen eingehalten werden: „Es handelt sich hier um ein genaues Ebenbild der Models. Hinter jedem Avatar steckt ein echter Mensch. Deshalb ist es uns wichtig, dass sich hier jeder wohlfühlt. Wenn jemand also im echten Leben eine bestimmte sexuelle Praktik nicht durchführen will, dann wird das auch in der virtuellen Welt nicht möglich sein."

Ich frage Black, ob ihr es wichtig ist, dass ihre Grenzen auch im Spiel respektiert werden. „Es ist mir egal, was mein Avatar macht", antwortet sie mir, „denn das bin ja nicht ich. Also lass mein virtuelles Ich ruhig all die Dinge machen, zu denen ich im echten Leben nicht bereit bin. Ich stecke da ja nicht drin."

Ihrer Meinung nach ist der virtuelle Raum ein Ort des Ausprobierens und die Darstellerinnen, denen die Vorstellung von fehlender Einwilligung widerstrebt, sollten sich davon dann einfach fernhalten. Als sie mir das so sagt, frage ich sie, was diese Frauen machen sollen, wenn VR wirklich die Zukunft der Pornos darstellt. Ihre Antwort? Sie sollen sich einen neuen Beruf suchen.

Eine solche Aussage mag zwar ziemlich schroff daherkommen, aber Black hat damit vielleicht auch in dem Sinne Recht, dass man nur so wirklich die gesamte Kontrolle über sein „Handeln" behält.

Motherboard: Mit Oculus Rift auf dem Kopf in einem echten Auto durch die virtuelle Realität

Um noch eine weitere Meinung zu diesem Thema zu hören, setze ich mich mit Sonya Barnett in Verbindung—eine Sexualpädagogin und feministische Aktivistin, die auch in der Porno-Branche tätig ist. Sie ist sich nicht sicher, ob es wirkliche eine Möglichkeit gibt, die Grenzen des echten Lebens auch in der virtuellen Welt durchzusetzen.

„Ich würde hier zwar gerne sagen, dass man es irgendwie kontrollieren können müsste, wenn jemand einen Avatar von einer anderen Person/einem Porno-Star/einer berühmten Persönlichkeit/einem Nachbarn anfertigt", sagt sie, „aber die Leute machen so etwas Ähnliches ja schon jetzt, wenn sie Fantasievorstellungen von anderen Leuten haben—egal ob das nun beim Anschauen von Pornos oder beim Wichsen zu Zeitschriften, Fotos bzw. Puppen passiert."

Wie kann man aber nun ethisch unkorrektes Verhalten in einem privaten Virtual-Reality-Raum erkennen? Barnett erklärt mir, dass hier bestimmte Algorithmen einem Missbrauch von anderen Avataren vorbeugen könnten. Komplett aus der Welt geschaffen wäre das Problem damit aber trotzdem nicht. Und Barnett hat auch noch weitere Fragen:

„Wie gefährlich ist es für den Menschen hinter einem Avatar, wenn er sich ein virtuelles Abbild seiner selbst erschafft? Könnte die virtuelle Welt eine Art ‚Safe Space' für die Leute darstellen, die ihre schlimmsten Fantasien in die Tat umsetzen wollen? Wie steht es dabei um Pädophile oder um Menschen, die von Vergewaltigungsfantasien erregt werden? Entsteht überhaupt ein ‚Schaden', wenn es sich beim Opfer um keinen echten Menschen handelt?"

Auf diese Fragen hat noch keiner der Beteiligten bisher eine Antwort gefunden.

Ich mache mir zudem auch noch Sorgen darüber, wie diese Technologie die wirklichen Intimitäten zwischen zwei Menschen beeinflussen wird. Wenn man einfach so berühmte Porno-Stars mit perfekten Körpern (zumindest nach den Standards der westlichen Welt) „ficken" kann, macht man sich dann überhaupt noch die Mühe, im echten Leben neue Menschen kennenzulernen?

Barnett glaubt nicht, dass die virtuelle Realität das Bedürfnis nach richtiger körperlicher Nähe komplett ersetzen wird. Und Young ist der Meinung, dass das Spiel seines Unternehmens die Intimität zwischen zwei Personen nicht beeinträchtigen, sonder eher auf ein neues Level heben wird. „Das gleiche Argument wurde doch schon damals gebracht, als Handys und das Internet aufkamen. Für mich ist VR einfach eine Erweiterung der sozialen Netzwerke."

In anderen Worten: Warum sollte man einen passiven 2D-Porno anschauen, wenn man auch eine virtuelle Orgie mit ausgewählten Leuten feiern kann?

WIE SIEHT DIE ZUKUNFT AUS?

Young zufolge ist die VR-Technologie schon zu weit fortgeschritten, um sich jetzt nicht mehr durchsetzen zu können. Er geht davon aus, dass das Ganze um das Jahr 2018 herum in den normalen Haushalten Einzug gefunden haben wird. Headsets werden dann nicht mehr nur im Privaten genutzt, sondern „auch draußen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln, denn die Geräte werden immer kleiner, ergonomischer, raffinierter und leistungsstärker. Das wird dann so sein, als würde man eine Sonnenbrille aufsetzen. Man geht raus in die echte Welt und befindet sich plötzlich in einer virtuellen Welt."

Ich meine daraufhin, dass ich es ziemlich gruselig und auch gefährlich finden würde, wenn jeder Mensch mit einer bizarren Brille herumläuft und auf virtuellem Acid ist, und frage Young deswegen, wie er im Anbetracht der Risiken so gelassen bleiben kann. Das sei doch nur eine weitere Möglichkeit, die zwischenmenschlichen Beziehungen weiterzuentwickeln, lautet seine Antwort.

Diese Aussage beruhigt mich dann doch ein wenig. Als sich der 12-stündige Drehtag schließlich seinem Ende zuneigt und ich mich gerade an den Gedanken gewöhnt habe, dass diese Technologie nicht komplett furchteinflößend ist, murmelt Young allerdings:

„Verabschiede dich von der Realität, so wie du sie kennst."

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