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Reisen

Ein Zahnarzt, der Patientinnen mit einer Spritze Sperma verabreicht hatte, wollte in Belize eine Praxis eröffnen

Dr. John Hall musste 2005 für seine unkonventionellen Behandlungsmethoden ins Gefängnis. Jetzt hätte er in Belize fast eine neue Praxis eröffnet.
11.1.16

Foto: Zdenko Zivkovic | Flickr | CC BY 2.0

Dr. John Hall gehörte zu dieser unangenehmen Gattung Zahnarzt, die bestes Material für Horrorfilme liefern. Der damals in Cornelius, im US-Bundesstaat North Carolina, praktizierende Arzt war 2004 wegen seiner recht unkonventionellen Behandlungsmethoden in die Schlagzeilen geraten. Eines Tages während einer Routinekontrolle sagte er zu einer Patientin, dass er ihr „etwas in den Mund tut, was komisch schmeckt, aber die Blutung stoppt." Dann nahm er eine Spritze und spritzte damit eine Flüssigkeit in ihren Mund, die sie dann herunterschlucken sollte. Bei dieser Flüssigkeit handelte es sich um Sperma—sein Sperma.

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Und das war nicht das erste und einzige Mal, dass Dr. Hall Patientinnen sein Ejakulat in den Mund gespritzt hatte. Zwei seiner Angestellten hatten damit angefangen, verdächtige Spritzen in der Praxis einzusammeln, nachdem sie misstrauisch geworden waren, dass der Arzt die Patientinnen darum gebeten hatte, etwas herunterzuschlucken. Mindestens eine Frau hatte sich jedoch mit der Begründung geweigert, dass die vorbereitete Injektionslösung nach Sperma riechen würde.

Als Dr. Hall dann endlich vor Gericht gebracht wurde—ihm wurde ein Verstoß gegen die zahnärztlichen Behandlungsmaßstäbe, unsittliches Benehmen und sieben Fälle von sexueller Nötigung vorgeworfen—sagten sechs ehemalige Patientinnen aus, wie der Arzt versucht hatte, ihnen die Spermaspritzen während der Behandlung unterzujubeln. Eine weitere Frau gab an, dass Dr. Hall über sie hergefallen sei, während sie im Behandlungsstuhl saß, und anfing „sich auf sexuelle Art kreisend gegen ihren Unterkörper zu drücken." Die Polizei hatte Spritzen aus Dr. Halls Praxis konfisziert und anschließende DNA-Tests ergaben, dass sie Spuren von Sperma enthielten. Ob sein eigenwilliges Hausmittelchen wirklich Blutungen im Mund stillt oder nicht, konnte nie abschließend geklärt werden—sehr zum Missfallen der internationalen Bro-Gemeinschaft.

Nach der ganzen Geschichte erübrigt sich eigentlich die Anmerkung, dass Zahnärzte wie Dr. Hall niemals mehr auf Patienten losgelassen werden dürften. Nachdem er sich 2005 zu den Anklagepunkten schuldig befunden hatte, verbrachte er vier Monate im Gefängnis von Mecklenburg County und bekam seine Zulassung als Zahnarzt für immer entzogen—eine ziemlich milde Strafe, wenn man bedenkt, was er getan hat.

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„Wie zur Hölle kann man ihn nach der Geschichte denn einfach so laufen lassen? Von Gerechtigkeit ist hier nichts zu sehen", kommentierte Lisa Carpenter, eins seiner Opfer, das Urteil. Ungeachtet der kurzen Haftstrafe würde Dr. Hall aber zumindest nie wieder als Zahnarzt arbeiten dürfen.

Allerdings kam Dr. Hall Anfang Dezember letzten Jahres der Eröffnung einer Zahnarztpraxis auf der Insel San Pedro, Belize, gefährlich nahe, bevor die dortige Polizei auf seine schmutzige Vergangenheit aufmerksam wurde.

San Pedro ist wahrscheinlich am bekanntesten als Inspiration für Madonnas Song „La Isla Bonita"—und für blutige Auseinandersetzungen zwischen Bloods und Crips. Generell ist Belize ein beliebtes Reiseziel für Touristen auf der Suche nach idyllischen Landschaften und türkisem Wasser, es ist aber auch sehr arm und hat eine von Korruption geprägte Geschichte.

Am 18. November 2015 schaltete Dr. Hall eine Anzeige in der Lokalzeitung The San Pedro Sun, um nach einer Zahnarzthelferin zu suchen. Es sollte die erste in einer ganzen Reihe von Annoncen sein—zuerst suchte er nach Praxisräumen und Angestellten, dann warb er für die große Eröffnung seiner neuen Praxis mit dem Namen The Oceanside Dental Clinic.

Selbst ohne über seine weniger rühmliche Vergangenheit Bescheid zu wissen, fand Tamara Sniffin, Redakteurin der San Pedro Sun, die Anzeigen verdächtig. Gegenüber VICE sagte sie: „Wir fragten uns, wie er wohl die Praxislizenz [als Zahnarzt] bekommen hatte, da es sich dabei traditionell um einen komplizierten und langwierigen Prozess handelt, der viele Ausländer davon abhält, ihn überhaupt zu versuchen."

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Selbst wenn man in einem anderen Land als Zahnarzt zugelassen ist, ist die Zulassung im Ausland ein unglaublich bürokratischer und oftmals arbeitsintensiver Prozess. Praktizierende Ärzte müssen sich zuerst eine Arbeitserlaubnis beschaffen und dann die Zulassungsbescheinigung aus ihrem Heimatland zusammen mit anderen Unterlagen wie Uni-Transkripte, Prüfungsnoten und Empfehlungsschreiben einsenden. Mehreren Expat-Blogs zufolge kann dieser Prozess viele Monate Zeit in Anspruch nehmen und generell würde die Regierung „ein Schutzverhalten" an den Tag legen, das gut bezahlte Jobs vor allem den Einheimischen vorbehält. Als Sniffin also die Anzeigen eines amerikanischen Arztes sah, der eine Zahnarztpraxis in San Pedro eröffnete, kam ihr das sehr ungewöhnlich vor.

Wie sich herausstellte, hatte Dr. Hall tatsächlich eine Zulassung in Belize erhalten. Er hatte unter seinem echten Namen eine Arbeitserlaubnis erhalten, aber um sich überhaupt für eine Zulassung als Zahnarzt zu bewerben, musste er irgendetwas wegen seiner wirklich leicht bei Google zu findenden Vergangenheit unternehmen. Anstatt also seinen echten Namen (John Robert Hall) zu verwenden, wählte er ein clever daraus abgeleitetes Pseudonym: Robert Bob Hall (oder in Kurzform: Bob Bob Hall). Nach ein paar Wochen hielt Dr. Robert Bob Hall seine von der belizischen Ärztekammer ausgestellte Zahnarztzulassung in den Händen.

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Wie es überhaupt so weit kommen konnte, ist noch nicht klar. Sniffen machte allerdings darauf aufmerksam, dass es für Ausländer sehr ungewöhnlich sei, so leicht an eine Arbeitserlaubnis und Zulassung zu kommen—und auch wenn Dr. Hall seine Lizenz auf einen falschen Namen ausgestellt bekam, so liefen sein Pass und seine Arbeitserlaubnis auf seinen echten. Es wäre jetzt aber nicht das erste Mal gewesen, dass belizische Regierungsangestellte Dokumente auf falsche Namen ausgestellt hätte: Vor ein paar Jahren wurden ein paar Beamte—inklusive des für das Immigrationsministerium zuständigen Staatsministers—dabei erwischt, wie sie belizische Pässe verkauft hatten.

Als die große Eröffnung von Dr. Halls neuer Praxis immer näher rückte, begann Sniffen E-Mails von besorgten Einwohnern mit Links zu Artikeln über Halls Verurteilung 2005 zu erhalten. Wie sie VICE berichtete, leitete sie die gut dokumentierten Beweise für Dr. Halls Verbrechen an das Gesundheitsministerium weiter, aber erhielt keine Rückmeldung. Daraufhin beschloss sie, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

„Am Morgen des 7. [Dezember], ging ich bewaffnet mit einem Ordner voll ausgedruckter Artikel und Informationen über das abartige und abstoßende Verhalten des Dr. Hall zur Polizei von San Pedro", erzählte Sniffin mir. „Auf keinen Fall wollte ich, dass dieser Perversling auch nur eine Person auf dieser Insel anfasst, und ich danke denjenigen, die uns die Hinweise gaben und dabei halfen, dem Widerling das Handwerk zu legen."

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Nachdem er die Informationen erhalten hatte, verhaftete Assistant Superintendent Henry Jemmot, der Kommandant der Polizei von San Pedro, Dr. Hall für „das Eintragen falscher Angaben"—nur wenige Stunden vor der Eröffnung seiner neuen Zahnarztklinik.

„Die Menschen von San Pedro sind sauer auf die Ärztekammer von Belize, weil sie den Fehler mit dem Namen übersehen hat", sagte Jemmot gegenüber VICE. „Meine Leute sind aber froh, dass die Geschichte ans Tageslicht gekommen ist."

Dr. Hall wurde nach der Zahlung einer Kaution vorübergehend wieder auf freien Fuß gesetzt und verfasste daraufhin ein 1.400 Wörter langes Manifest, in dem er behauptet, nach Belize gekommen zu sein, „um den Einheimischen mit kostenlosen Zahnbehandlungen zu helfen." Was sein Spermaverbrechen von 2004 angeht, beteuert er übrigens seine Unschuld.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich auf der Basis von falschen Anschuldigungen zum Ziel des Spots, von Beleidigungen und Gewaltandrohungen gegen mich und meinen Hund werden würde", schreibt Dr. Hall in seinem Manifest. „Ich wurde der widerlichen und absurden Handlung beschuldigt, Sperma in den Mund meiner Patientinnen getan zu haben. Ich habe die mir vorgeworfenen Handlungen nie getan!"

Momentan wartet Dr. Hall auf den Beginn seiner Verhandlung in San Pedro. Seine Reisepapiere wurden von den Behörden konfisziert und bis zum ersten Gerichtstermin am 12. Februar hält er sich eher bedeckt. Das Schild von seiner Oceanside Dental Clinic ist noch immer an dem Gebäude zu sehen—eine unheimliche Erinnerung an den samenspritzenden Zahnarzt, der hier fast wieder Fuß gefasst hätte.