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Wird mit dem ‚Fifty Shades of Grey‘-Nachfolger endlich alles Sinn ergeben?

E. L. James hat angekündigt, ein Sequel zu ihrer erfolgreichen Sadomaso-Fanfiction zu schreiben—aus der Perspektive von Christian Grey.

von Lisa Ludwig
02 Juni 2015, 1:54pm

Titelbild via Flickr

Es sind diese Nachrichten, bei denen man sich nicht ganz sicher ist, was man fühlen sollte. Amusement, Betroffenheit, Todessehnsucht? Fakt ist: Das Zeitalter der seichten Sadomaso-Fanfiction ist noch nicht vorbei. E. L. James, die es mit der Fifty Shades of Grey-Reihe zu einer der erfolgreichsten (und verhasstesten) Autorinnen der Literaturgeschichte gebracht hat, kündigte am 1. Juni an, noch in diesem Monat (am 18. Juni) einen Nachfolgeroman auf den Markt bringen zu wollen. Grey soll die fragwürdige Liebesgeschichte zwischen einer Studentin und einem crazysexycoolen Multimillionär aus einer anderen Perspektive beleuchten. Wir bekommen also den exakt selben Schund—Kennenlernen, Dildoverträge, Entjungferung, ganz große Liebe—vorgesetzt, dieses Mal allerdings nicht aus der Perspektive der unbedarften Damsel in Distress, Anastasia Steele, sondern aus der des gefährlichen Badboys Christian Grey.

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Das klingt erst einmal vor allem nach einem ziemlich frechen Weg, aus ein und derselben Geschichte noch mehr Geld herauszuschlagen. Je länger man darüber nachdenkt, umso mehr Sinn ergibt das Ganze aber tatsächlich. Seien wir ehrlich (und gehen wir davon aus, dass jeder, der das hier gerade liest, zumindest den unseligen Film gesehen hat): War es nicht gerade das Verhalten des männlichen Hauptcharakters und seine komplette Backstory, die die wirklichen Fragen aufgeworfen hat? Die Sexszenen im Sadomaso-Keller gestalteten sich schließlich überaus zahm.

Die komplette Geschichte vom gewollt klischeemäßigen Kennenlernen über ganz große Gesten bis hin zu den Abgründen, die nach dem fünften Verweis auf den noch nicht unterzeichneten Sexvertrag gar nicht so überraschend hätten kommen sollen, ist eigentlich nichts anderes als die verzerrte Kleinmädchen-Prinzenfantasie einer sexuell experimentierfreudigen Hausfrau mittleren Alters. Anastasia Steele ist eine krude Mischung aus stetig kicherndem Schulmädchen, das zum ersten Mal einen Penis gesehen hat, und pseudo-selbstbestimmtem Mauerblümchen mit Anspruch—und selbst damit ungleich vielschichtiger und menschlicher als Christian Grey, der Alleskönner mit der Sexualität eines Raubtiers, der als Kind missbraucht wurde und dieses Traumata nun dadurch aufarbeitet, dass er den Frauen seiner Begierde ungefragt Sommerkleider kauft und sie ihn seinem Sexkeller mal ein bisschen an den Haaren zieht.

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Wie unverantwortlich Greys Kindheits-Traumata als Sexsklave der besten Freundin seiner Mutter (ja, wirklich) im ersten Film aufgearbeitet wurde, haben wir bereits an anderer Stelle besprochen. Auch deswegen könnte es tatsächlich interessant sein, einen Blick in das Innenleben eines popkulturell omnipräsenten Antihelden zu bekommen, der von der breiten Masse wahlweise als Sexgott verehrt oder als frauenfeindliches Abziehbild eines Mannes, der die BDSM-Szene in den Dreck zieht, verachtet wird. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir so gut wie nichts über diese Person.

Das Elend hat einen Künstlernamen: E. L. James. Foto: imago/UPI Photo

Was genau treibt ihn dazu, sich ausgerechnet haltlos in dieses Mauerblümchen zu verlieben, das in sein Büro stolpert, um mit ihm das schlechteste Interview aller Zeiten zu führen? Wenn wir schon bei seiner Arbeit sind: WAS GENAU tut er eigentlich? Wie schafft man es, CEO eines Milliardenkonzerns zu sein—wobei ungeklärt ist, um was für eine Art von Konzern es sich eigentlich handelt—, wenn man seine Zeit damit verbringt, ehemalige Literatur-Studentinnen zu stalken? Woher weiß er immer ganz genau, wo Anastasia sich gerade befindet, hat ihn schon mal eine seiner ehemaligen Sexsklavinnen wegen Vertragsbruches verklagt („Ich sagte kein Analfisting, Christian!") und kann man Sextoys als Großunternehmer eigentlich von der Steuer absetzen?

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Fifty Shades of Grey ist als Buch vor allem unfassbar schlecht geschriebener Softporno mit gelegentlichem Peitschenknallen und als Film eine dramatisch inszenierte RomCom, für deren eklatante Inhaltslosigkeit sich selbst Adam Sandler schämen würde. Auch ich schäme mich, allerdings eher wegen der Tatsache, dass es mich wirklich interessiert, welche tiefere Ebene, welche alternative Sichtweise Grey auf dieses Machwerk eröffnen soll. Vielleicht ist es aber auch falsch, der Autorin einen solchen Anspruch zu unterstellen, schließlich haben wir es mit einer Buchreihe zu tun, die sich auf dem literarischen Niveau einer Küchenrolle bewegt. Die Art von Küchenrolle, die bei einsamen Männern in irritierender Nähe zum Rechner steht. Neben der Handcreme.

Sollte Lisa sich irgendwann einen Sadomaso-Keller einrichten, werdet ihr es als erstes auf Twitter erfahren.


Titelfoto: imago/ZUMA Press

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