Wie sich dein Leben verändert, wenn du ungeplant schwanger wirst

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Wie sich dein Leben verändert, wenn du ungeplant schwanger wirst

Du wirst dir Fragen stellen, über die du dir bisher noch nie Gedanken gemacht hast: Was sind die besten Übungen gegen Blasenschwäche oder was zur Hölle will ich eigentlich mit dem Rest meines Lebens anfangen?
12.6.15

Ein Baby verändert alles. Ein positiver Schwangerschaftstest wird alle deine Lebenspläne durcheinanderbringen oder dich auf unangenehme Weise damit konfrontieren, dass du überhaupt keine Pläne hast. Auch wenn du aus Angst vor einer derartigen elementaren Krise immer peinlich genau auf Verhütung geachtet hast, kann es passieren, dass du trotzdem ungewollt schwanger wirst. Weltweit sind jährlich etwa 40 Prozent aller Schwangerschaften ungeplant. Wenn du dich zudem in einem Umfeld von Leuten zwischen 20 und 30 bewegst, von denen jeder nur versucht, sein eigenes Leben mit Mühe und Not auf die Reihe zu bekommen und die Zukunftsplanung sich in den meisten Fällen auf das nächste Wochenende beschränkt, fällt die Entscheidung, sich für ein Kind zu entschließen, besonders schwer. Ich habe mich mit einigen jungen Schwangeren in meinem Bekanntenkreis unterhalten, die sich trotz aller Ängste und ungünstigen Umstände gegen einen Abbruch und für das Kind entschieden haben, und sie gefragt, wie sich ihr Leben durch die ungeplante Schwangerschaft verändert hat.

Du verabschiedest dich von deiner Freiheit

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem dir deine Frauenärztin versichert hat, dass du wirklich und ohne Zweifel und ganz sicher schwanger bist, warst du ein freier Mensch wie alle anderen um dich herum. Du konntest tun und lassen, was du wolltest. Die Nächte durchfeiern, rauchen, trinken und massenhaft rohen Fisch in dich reinstopfen, doch mit einem Mal hat all das ein Ende und du fühlst dich in deiner Freiheit massiv eingeschränkt. Nicht nur weil deine Nieren in der Schwangerschaft mehr Urin produzieren, deine Gebärmutter auf die Blase drückt und du dich zur Sicherheit lieber immer in der Nähe einer funktionstüchtigen Toilette aufhältst, sondern weil du plötzlich nicht mehr nur für dein eigenes Leben verantwortlich bist. Dir wird klar, dass die Entscheidung, das winzige Etwas, das in deinem Bauch heranwächst, tatsächlich auszutragen, dein Leben entscheidend und nachhaltig verändern wird. Dein Körper gehört nicht mehr dir allein, sondern ist von nun ab auch das Zuhause von jemand anderem. Einem ständig hungrigen und schutzlosen Wesen, das zu hundert Prozent von dir und deinen Entscheidungen abhängig ist. Um diesem Wesen nicht zu schaden wirst du dich unfreiwillig dazu entschließen, deinen Lebensstil radikal zu ändern. Du machst Yoga statt jedes Wochenende klettern zu gehen, verkneifst dir das Sushi und beschließt, jetzt wohl oder übel schleunigst mit dem Erwachsenwerden anzufangen. Du wirst dich von verrauchten Bars fernhalten und aufhören zu trinken, auch wenn du den ein oder anderen Schnaps manchmal dringend gebrauchen könntest.

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Deine Party-Freunde melden sich nicht mehr bei dir

Im Laufe der Schwangerschaft sorgt das Progesteron in deinem Körper dafür, dass dein Becken und mit ihm alle anderen Knochen weich werden, damit das Baby am Ende besser aus dir rausflutschen kann. Allerdings sorgt es auch dafür, dass du nach zu langem Sitzen das Gefühl hast, dass dein Hintern gleich unter dir zusammenbrechen wird oder dass deine Beine dich nicht mehr lange tragen. In Verbindung mit der zunehmenden Kurzatmigkeit, die dich wie eine alte Frau mit Gehwagen jede Treppe verfluchen lässt, sind diese körperlichen Veränderungen der Grund dafür, warum du als Partytier nicht mehr zu gebrauchen bist. Was nicht bedeuten soll, dass du zum Teilzeit-Invaliden mutierst und keine Lust mehr hast, etwas zu unternehmen. Du willst ausgehen, Leute sehen und wie ein normaler Mensch behandelt werden und nicht dazu verdammt sein, nur noch mit irgendwelchen Muttis rumzuhängen, die du zufällig bei der Schwangerschaftsgymnastik kennengelernt hast. Trotzdem wirst du als einzige Schwangere in einem kinderlosen, feierfreudigen Freundeskreis schnell feststellen, dass man dich einfach nicht mehr fragt, ob du mitkommen willst, weil du dich nicht mehr so dem Hedonismus hingeben kannst, wie du willst. Umso mehr wirst du dich dafür darüber freuen, dass es ein paar Leute gibt, die immer noch Zeit mit dir verbringen wollen, mit dir ein alkoholfreies Bier trinken oder ins Open Air Kino gehen. Menschen, die Rücksicht auf dich nehmen, ohne dich wie einen Außenseiter zu behandeln: Deine wahren Freunde, und gleichzeitig die Menschen, denen du dein Kind zum Babysitten anvertrauen würdest, wenn du selber wieder irgendwann wieder feiern gehst.

Andere Leute mischen sich in dein Leben ein

Neben dem weitverbreiteten Phänomen, dass alle dir, sobald du eine Kugel vor dir herträgst, zur Begrüßung lieber über den Bauch streicheln wollen als dich in den Arm zu nehmen, wirst du dich daran gewöhnen müssen, dass manche Leute anfangen, sich mehr oder weniger penetrant in dein Leben einzumischen. Deine Eltern haben ständig irgendwelche hilfreichen Tipps parat, deine Freunde glauben besser über deinen Hormonhaushalt Bescheid zu wissen als du selbst und wildfremde Frauen wollen mit dir eine Grundsatzdiskussion über mütterliche Pflichten und die Wichtigkeit des Stillens vom Zaun brechen. Dazu kommen unzählige Mama-Blogs im Internet, die ausschließlich dazu dienen, dass sich werdende Eltern auf ihnen gegenseitig verrückt machen können.

Du fragst dich manchmal, ob deine Entscheidung die richtige war

Die Ansicht, das die primäre Pflicht einer jeden Frau darin besteht, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen, ist 70 Jahre nach dem Mutterkreuz zum Glück aus den Köpfen der meisten Menschen verschwunden. Das Glück, unter größten Schmerzen mindestens ein Kind zu gebären und in den Freuden der Mutterschaft aufzugehen, wird uns allerdings bis heute noch oft genug als weibliches Privileg und größtes Wunder auf Erden verkauft. Aber Mutterschaft ist kein Garant für Glück, 10 bis 15 Prozent der Frauen leiden nach der Entbindung an einer leichten bis schweren Form der postpartalen Depression. Sie betrifft vor allem Frauen, die Probleme damit haben, sich an die neue, ungewohnte Situation anzupassen. Andere Frauen bereuen es, überhaupt jemals Kinder in die Welt gesetzt zu haben – und das nicht weil sie zufällig die Mutter von Anders Breivik oder Beate Zschäpe sind.

Zweifel daran, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, bedeuten nicht, dass man deswegen eine schlechte Mutter wird, sie sind viel mehr ein Indiz für die Angst davor, mit der Situation überfordert zu sein und vielleicht eine schlechte Mutter zu werden. Gerade in den ersten Monaten einer ungeplanten Schwangerschaft kann es schwerfallen, sich mit der Situation zu arrangieren—und sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass etwas, das sich bisher nur hinter einer abstrakten Idee und einem Gefühl von leichten Blähungen verbirgt, auf einmal dein ganzes Leben bestimmen soll.

Du machst dir Sorgen um deine sexuelle Attraktivität

Du hast einen riesigen Bauch, Wassereinlagerungen in den Beinen und mit Pech bist du auch von Schwangerschaftsakne nicht verschont geblieben. All diese Dinge sind natürlich kein Grund dafür, warum du, nur weil du zufällig gerade schwanger bist, plötzlich ein unattraktiver Mensch sein solltest. Trotzdem wirst du dich manchmal fett fühlen, spätestens, wenn dein Bauch sich so weit vor dein Sichtfeld geschoben hat, dass du deine eigene Vagina nicht mehr sehen kannst. Manchmal wirst du neidisch den durchtrainierten Körpern anderer Frauen hinterherschauen, die an dir vorbei joggen, während du gerade mal wieder eine Pause einlegst, weil gehen und atmen zur gleichen Zeit mittlerweile eine Herausforderung darstellt. Das gewohnte Sexleben aufrecht zu erhalten, fällt ebenfalls mit der Zeit immer schwerer, weil einige Stellungen definitiv akrobatisch zu anspruchsvoll werden oder das Kind so doll auf Blase oder Gebärmutter drückt, dass selbst die entspanntesten Standardpraktiken Schmerzen verursachen. Du wirst dich fragen, ob deine Vagina durch die Geburt ausleiert und jeden Tag deinen Beckenboden trainieren, um die Chance zu erhöhen, dir und deinem Partner ein erfülltes Liebesleben zu erhalten—auch nachdem du etwas von der Größe eines mittelgroßen Gänsebratens aus der Röhre gepresst hast. Außerdem wirst du dir Sorgen darüber machen, ob dein Partner dich noch attraktiv finden wird, wenn du nicht mehr nur seine Freundin, sondern die Mutter seines Kindes bist. Und zwar keine Mutter, die ein paar Stunden nach der Geburt schon wieder mit Highheels und perfektem Style aufwarten kann, sondern höchstens mit Jogginghose und Adiletten.

Du musst dich benehmen wie ein Erwachsener

Egal ob du dich durch die Schwangerschaft reifer fühlst oder noch genauso unerfahren wie vorher, es gibt plötzlich alle möglichen Dinge zu erledigen, bei denen du zumindest so tun solltest, als wärst du erwachsen. Du musst mit deinem Arbeitgeber oder deiner Studienberatung sprechen, dir Gedanken um deine berufliche Zukunft machen, einen Behördengang nach dem nächsten absolvieren, Mutterschutz und Kindergeld beantragen. Du wirst mit deinem Partner auf einmal ungewohnte Dinge wie Heirat oder Vaterschaftsanerkennung diskutieren, was deutlich leichter fällt, wenn es sich dabei um deinen festen Freund handelt und nicht um den Typen, den du vor ein paar Monaten betrunken in deiner Stammkneipe aufgelesen hast. Ihr werdet euch über adäquate Erziehungsmethoden und die Farbe des Kinderzimmers unterhalten müssen, über die Rollenverteilung in eurer Beziehung und welche Geldausgaben auf euch zukommen werden. Eure Zukunftsplanung dreht sich plötzlich nicht mehr um die Party am kommenden Wochenende oder den nächsten großen Urlaub, den ihr gemeinsam machen wollt, sondern um den richtigen Kitaplatz und die passende Schule für euer Kind. Dabei seid ihr euch als verantwortungsvolle Menschen, zu denen eure Eltern euch erzogen haben, im Klarem darüber, welche weitreichenden Folgen eure Entscheidungen für euer Leben und das eurer Familie haben werden. Willkommen in der Welt der Erwachsenen.


Illustrationen: Sarah Schmitt