DIE WALL STREET ISSUE

Ratten können deine Aktien managen

Rat Trader ist ein Experiment, bei dem ich Laborratten so abrichte, dass sie auf dem Devisen- und Warenterminmarkt handeln können.

von Michael Marcovici
26 Dezember 2014, 5:00am

Rat Trader ist ein Experiment, bei dem ich Laborratten so abrichte, dass sie auf dem Devisen- und Warenterminmarkt Handel treiben können. Mithilfe dieser Nagetiere ist es mir gelungen, ein paar der besten Fondsmanager zu übertrumpfen. Meine Motivation war, herauszufinden, welche Art hochbezahlter Jobs in Zukunft von Maschinen übernommen werden könnten—oder in diesem Fall von Ratten. Meine Forschungen bestätigten die Ergebnisse vergleichbarer Recherchen auf dem Gebiet, dass alle Jobs, die nicht direkt auf eine Interaktion von Mensch zu Mensch angewiesen sind, ersetzbar sind. Ich habe mich auf Broker konzentriert, weil sie hohe Einkommen erzielen und der Job stark auf der Fähigkeit basiert, Muster zu erkennen und Ablenkungen auszuschließen. Meine Annahme war, dass Ratten einer solchen Aufgabe durchaus gewachsen sein könnten.

SCHRITT 1: BÖRSENTICKER-TONSIGNALE AUFNEHMEN
Der erste Teil des Experiments bestand da­rin, die Börsenticker einzurichten. Ich zog ein paar Daten verschiedener Termin- und Devisenbörsen heran, um Preisdaten in Echtzeit in unterschiedliche Tonsignale zu verwandeln. Untersuchungen zufolge reagieren Ratten gut auf Klaviertöne, also wählte ich für die Audioclips dieses Instrument. Ich komponierte sie mit der Sonification Sandbox, einem Programm, das die School of Psychology am Georgia Institute of Technology entwickelt hat.

Der Sound veränderte sich entsprechend der Preisentwicklung: Wenn der Preis nach oben ging, ging auch der Ton nach oben, fiel der Preis, wurde auch der Ton tiefer. Für die Zeitintervalle zwischen einem Handel und dem nächsten (es können Abstände von einer Sekunde bis zu einer Minute sein) verwendete ich unterschiedliche Klaviermodulationen.

SCHRITT 2: GRUNDKENNtNISSE DES BÖRSENHANDELS VERMITTELN
Ich begann zunächst mit 80 Laborratten, 40 Männchen und 40 Weibchen, und hatte vor, die besten von ihnen miteinander zu kreuzen, um die genetisch fittesten Trader heranzuziehen. In sogenannten Skinner-Boxen, die oft bei Tierversuchen verwendet werden, trainierten die Ratten jede für sich fünf Stunden am Tag. Alles in allem nahm dieser Prozess circa drei Monate in Anspruch.

Um die Nager zu trainieren, produzierte ich Ticker für ungefähr 800 Marktsituationen. Wir spielten den Ratten täglich Hunderte Geräusche vor und hofften, dass sie irgendwann für den Menschen nicht erkennbare Muster heraushören und auf deren Grundlage die nächste Marktbewegung vorhersagen können würden.

Wann immer sie ein Geräusch hörten, mussten die Ratten entweder einen roten oder einen grünen Knopf drücken—grün, wenn sie erwarteten, dass der Preis steigen würde, und rot, wenn sie dachten, dass der Preis fällt. Wenn sie richtig lagen, bekamen sie eine kleine Menge Futter; lagen sie falsch, bekamen sie einen kleinen Elektroschock. Wir wollten, dass sie irgendwann auf Echtzeitdaten reagieren konnten und dafür mussten wir die talentiertesten Händler herausfiltern.

Nach zwölf Wochen hatten wir die vier zuverlässigsten Ratten ausgemacht. Die Treffsicherheit ihrer Voraussagen stimmte in ungefähr mit der der besten Fondsmanager der Welt überein.

SCHRITT 3: ENTWICKLUNG EINER BESONDEREN RASSE
Nach dem umfangreichen Trainings­programm wollten wir herausfinden, ob Talent genetisch bedingt ist, und kreuzten die besten vier Trader untereinander. Nach 20 Tagen hatten wir 15 neue Männchen und 13 neue Weibchen und fingen schon bald mit dem Training an. Die zweite Generation war noch viel besser als ihre Eltern.

Ich arbeite an einer Software, die Börsenticker in Echtzeit umwandelt, sodass ich alles unter realen Marktbedingungen testen kann. Wenn alles gut geht, werde ich entweder meinen eigenen, von Ratten gemanagten Hedgefonds gründen oder sie Banken als Manager anbieten.

Diese Untersuchung wurde ursprünglich in Art and Economy, einem von der Landia Art and Economy Foundation herausgegebenen Journal veröffentlicht und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung.