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So fühlt es sich an, einen Freund wegen Heroinhandels einzubuchten

Wir haben uns mit einem Ex-Undercover-Ermittler unterhalten, der sich zwei Jahre lang das Vertrauen eines afghanischen Opiumkönigs erarbeitete–und ihn dann hinter Gitter gebracht hat.

von Max Daly
10 März 2015, 5:00am

Edward Follis (links) und Hajji Juma Khan | Foto: bereitgestellt von Edward Follis

Edward Follis (links) und Hajji Juma Khan (Foto: bereitgestellt von Edward Follis)

80 Prozent des weltweit gehandelten Heroins stammt von einer extrem reichen Gruppe afghanischer Opiumhändler. Diese Männer arbeiten quasi ungestört, weil sie die Taliban finanzieren und die Miliz vor allem im Süden Afghanistan immer noch viel Einfluss hat. Dank ihnen ist Schlafmohn also auch weiterhin das Lebenselixier der afghanischen Wirtschaft.

Da ist es auch kein Wunder, dass diese mysteriösen Opiumhändler in den Fokus der amerikanischen Drogenvollzugsbehörde DEA, der Geheimdienste und des Militärs gerückt sind. Von 2006 bis 2008 hat der Undercover-DEA-Agent Edward Follis zwei Jahre mit Hajji Juma Khan verbracht—damals einer der weltweit größten Opiumhändler und milliardenschwerer Taliban-Geldgeber. Follis Aufgabe bestand darin, das Vertrauen von Juma Khan zu gewinnen, von ihm Informationen zu erhalten und ihn dann aus dem Verkehr zu ziehen.

In The Dark Art: My Undercover Life in Global Narco-Terrorism beschreibt Follis seine Erlebnissen während seiner Jagd auf Opiumhändler und seiner Infiltration von Drogen-Gangs auf der ganzen Welt. Obwohl das Buch wirklich spannungsgeladen ist, sticht seine Zeit mit Juma Khan am meisten hervor—denn sein Ziel wurde irgendwann zu einem guten Freund.

Ich habe mit Follis telefoniert, um mir mehr über seine fast brüderliche Beziehung zu dem mächtigen Opiumkönig und den letztendlich unausweichlichen Verrat erzählen zu lassen.

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Eine Anti-Rauschmittel-Einheit zerstört ein afghanisches Heroinlager.

VICE: Juma Khan war ein mächtiger Opiumhändler und offensichtlich nicht dumm. Wie hast du es geschafft, dir sein Vertrauen zu erarbeiten?
Edward Follis: Ein gemeinsame Vertrauensperson hat uns gegenseitig als Männer vorgestellt, die voneinander profitieren könnten. Ich habe von vornherein kein Geheimnis um meine Identität als Chef der DEA in Kabul gemacht—aber gleichzeitig angedeutet, dass ich ein anpassungsfähiger Mann sei, mit dem er arbeiten und sich so Vorteile verschaffen könne. Ich erzählte ihm, dass ich mich schon lange für seine Konkurrenten interessieren würde. Für ihn war ich ein wertvoller Zusatz zu seinem Imperium: Er fütterte mir Informationen zu seinen Konkurrenten. Im Gegenzug ließ ich ihn glauben, dass sich die USA im Gegenzug nur auf sie konzentrieren würden. Tatsächlich war Juma Khan die ganze Zeit das wirkliche Ziel.

Das erste Treffen fand bei seinem Lieblings-Perser statt, ein Restaurant namens Shiraz. Neben ihm erschien ich wie ein Zwerg. Er war um die 50 Jahre alt, 1,95 Meter groß und wog ungefähr 165 Kilogramm. Ich weiß noch, dass er sich durch Türen hindurchzwängen musste. Abgesehen von seiner Größe sah er jedoch aus wie jeder andere afghanische Geschäftsmann. Seine Kleidung war einfach gehalten: ein abgenutztes Nadelstreifen-Jackett über einem Salwar Kamiz. Ständig spielte er mit einer Kette Gebetsperlen herum. Er konnte richtig viel essen: Oftmals verdrückte er 20 Kebab-Spieße, während ich schon nach zwei Stück satt war. Er war ein richtig sympathischer und freundlicher Mensch.

Das war also kein kurzes Treffen?
In Zentralasien gehört es bei Geschäften zum guten Ton, dass man nicht sofort mit der Tür ins Haus fällt. Um es mal so zu sagen: Vor jeder Geschäftsbeziehung ist ein gewisses „Vorspiel" nötig. Es hat schon seine Zeit gebraucht, bis wir uns irgendwie geeinigt hatten. Ich musste ihn zwei Jahre lang umgarnen—viel länger als üblich. Er musste mir jedoch vollstes Vertrauen schenken und wir mussten Beweise für die Anklage bezüglich seiner Verbindungen zu den Taliban sammeln. Wir hatten Glück, denn wegen seiner gut laufenden Geschäftsmaschinerie war er relativ ungebunden, und ich konnte viel Zeit mit ihm verbringen.

Jetzt bin ich aber schon neugierig: Über was unterhalten sich ein DEA-Agent und ein afghanischer Opiumhändler beim Essen?
Am Anfang wollte er noch nicht über das Opiumgeschäft reden. Zu den häufigen Gesprächsthemen gehörten unsere Familien—er hat immerhin 14 Frauen und 29 Kinder—, unsere Leben und unsere Schicksale. Wir haben auch viel über Religion geredet. Er ist ein sehr religiöser Mann, kennt den Koran auswendig und ist schon sieben mal nach Mekka gepilgert. Manchmal nahm er mich auch mit in die Moschee, wo dann jeder zu seinem Gott betete. Wir haben zusammen Die Passion Christi angeschaut. Er hat am Christentum nie verstanden, warum Gott seinen Sohn so hat leiden lassen.

Er ist allerdings definitiv kein Fundamentalist. Im Bezug auf den 11. September ist er auf der Seite der USA. Er meinte zu mir, dass der Anschlag falsch gewesen wäre und Bin Laden—übrigens ein Bekannter—ihn niemals hätte verüben dürfen. Er trauerte um die unschuldigen Menschen, die damals gestorben sind.

Was für ein Mann ist Juma Khan?
Er ist fast genauso alt wie ich: Als ich mich für die Marine Corps verpflichtete, kämpfte er gerade in den Gräben gegen die Russen, die sein Land zerstören wollten. Er ist ein ausgezeichneter Geschäftsmann, der in Armut aufwuchs. Er hat die sowjetische Besatzung, die Bürgerkriege, die Taliban und al-Qaida überlebt und währenddessen ständig profitiert und den Aufbau seines Imperiums vorangetrieben.

Er ist eine Führungspersönlichkeit, aber kein Diktator. Er ist sehr würdevoll und die Leute respektierten ihn für die Art und Weise, wie er mit seinen Konkurrenten, seinen Feinden und seinen Freunden umging. Ich habe nie ein abfälliges Wort aus seinem Mund kommen hören. Er musste keine Gewalt anwenden, um die Kontrolle über sein Gebiet zu behalten.

Er sieht sich selbst als den Herrscher über seinen Stamm. In seiner Gemeinde war er ein mächtiger und stolzer Mann—das war ihm wichtig. Er strahlte richtig, wenn er über seine Leute, seine Familie und seine Untergebenen sprach. Er liebte es, verehrt zu werden. Da ging er immer richtig auf. Außerdem ist er sehr großzügig. Ich musste nie für mein Essen bezahlen und er sorgte immer dafür, dass ich danach noch ein Glas guten Whisky bekam, obwohl es für ihn harām war.

In deinem Buch schreibst du davon, dass ihr wie Brüder wart. Ihr seid ja sogar zusammen zu einem Krebsspezialisten nach Washington D.C. geflogen, von dem er sich dann untersuchen ließ.
Ich muss ehrlich zugeben, dass ich meine Zeit mit Hajji Juma Khan als eine Art Trost empfunden habe. Das war eine Gelegenheit, von den ganzen Botschaftsangestellten und Spionen in Kabul wegzukommen. Ich habe mich bei Hajji Juma Khan wohler gefühlt als bei meinen Kollegen. Ein paar der Spione haben mir auch nicht vertraut: Sie warfen mir vor, von geplanten Raketenangriffen auf die Botschaft zu wissen, aber nichts weiterzuleiten.

Es war schon eine sehr enge Beziehung. Eines Tages bemerkte ich eine Wucherung auf seiner Brust und dachte sofort an Krebs, weil mir zuvor ein Melanom herausgeschnitten wurde. Ich zeigte ihm dann auch meine Narben. Ich schlug ihm die Behandlung in Washington vor und dann sind wir auch dorthin geflogen—letztendlich war es jedoch falscher Alarm. Ich half einem Freund und stärkte gleichzeitig das Vertrauen, das er mir entgegenbrachte. Damals hatten wir noch nicht genügend Beweise für eine Verhaftung gesammelt, und er ist nach Afghanistan zurückgekehrt.

Wie produktiv war eure Freundschaft in Bezug auf deine verdeckte Arbeit für die DEA?
Seine Machtbasis war im afghanischen Balutschistan in der Nähe der iranischen Grenze, doch sein Netzwerk und unfassbarer Reichtum reichten über ganz Zentralasien nach Dubai und Pakistan, wo er Grundbesitz und Firmen hatte.

Er hatte enge Freunde und Verwandte in den höchsten Ebenen der Karzai-Regierung. Sein Geschäft war ein „Komplettunternehmen", das alles abdeckte: die Mohnblumen ab der Plantage; Verarbeitung in Geheimlabors; Großhändler auf Basars; Import von Vorstufen, um die Morphin-Base zu verarbeiten; Transport durch den Iran in die Türkei. Er war einer der wichtigsten Namen im globalen Heroinhandel, und unser Ziel war es, den Geldfluss von Opium-Mogulen an die Taliban und Terroristen wie al-Qaida zu unterbrechen. Am Ende war er inoffizieller Spion. Er gab uns nützliche Informationen, die wir ans Militär weitergaben.

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Ein Anti-Mohn-Propagandaposter in Afghanistan (Foto: Todd Huffman | Flickr | CC BY 2.0)

Und dann musstest du ihn hochnehmen.
2008 bot ich ihm das Zuckerbrot an, das nötig war, um ihn aus Afghanistan herauszubekommen; es war zu gefährlich, ihn dort festzunehmen. Ich erzählte ihm, ich sei zu einer Drogenfahndungsmission im Iran befördert worden und wir würden uns dort drüben gegenseitig helfen—er würde meine Glaubwürdigkeit stärken, wenn ich Neuland betrat, und er würde davon profitieren, Leute in hohen Positionen zu kennen, die ihm für den Herointransport durch den Iran den Weg ebnen konnten.

Wir verabredeten uns in Jakarta in Indonesien, um alles zu besprechen, doch in Wirklichkeit würden wir ihn überstellen und in die USA fliegen. Als er aus dem Flugzeug stieg, hob er mich hoch wie eine Puppe und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Er wurde festgenommen, bevor er in die USA gebracht wurde, wo er seit 2008 unter dem Vorwurf, terroristische Aktivitäten finanziert zu haben, im Gefängnis sitzt. Er wird nie wieder Tageslicht sehen. Seine Anwälte entschieden gegen einen Prozess, weil Hajji Juma Khan sich mehr um das Wohlergehen seiner Familie sorgt als um den Fortbestand seines Imperiums.

Bereitete es dir Schuldgefühle, einen Mann auszuliefern, dem du inzwischen so viel Respekt entgegenbrachtest?
Na ja, es gab eine weitere Absicht dahinter, ihn aus Afghanistan zu bekommen. Ich habe ihm das Leben gerettet. Er stand auf etwas, das wir die „kinetische Liste" nennen; das ist eine Liste von Menschen, die Ziel eines Drohnenangriffs werden sollen. Seine Zeit wäre bald um gewesen, und ich entschied mich dafür, ihm sein bequemes, zufriedenes Leben wegzunehmen, um es zu retten.

Am Flughafen kämpften in mir viele verschiedene Gefühle. Ich sah ihn nach seiner Festnahme und unsere Blicke trafen sich. Er sah mich ungläubig an, und ich schämte mich. Ich rannte hinter eine Säule und versteckte mich dahinter. Ich wollte ihm nicht in die Augen sehen—ich fühlte mich wie ein kleiner Junge. Doch wenn ich einem Ziel gegenüber nicht so empfinden würde, dann wäre ich nicht menschlich, und wenn ich nicht menschlich wäre, dann könnte ich mir nie einen Weg in ihre Seele bahnen und sie überzeugen, das zu tun, was ich möchte.

Ich musste mir immer wieder vor Augen rufen, dass die Taliban und al-Qaida mit Geld, das von Leuten wie Hajji Juma Khan beigesteuert wird, Waffen entwickeln. Das hielt mich am Ball. Das finanzielle Netzwerk hinter den Terroristen aufzulösen, ist das Entscheidende.

Wirst du ihn jemals wiedersehen?
Ich kann ihn nicht besuchen. Wenn ich das täte, würde es nur einen Groll nähren—ich habe ihn aus diesem unglaublichen Leben herausgeholt, in dem er König war, und ihn überzeugt, alles aufzugeben. Meine Frau weiß, dass ich deswegen schon schlaflose Nächte hatte, und ja, es macht mich fertig. Ich hatte nicht die Gelegenheit, ihm die Sache mit dem Drohnenangriff zu erklären. Eines Tages kommt er vor Gericht, und ich werde ihn dort sehen.

Ich habe noch immer das Discounter-Handy, von dem aus ich ihn immer anrief; es liegt hier, direkt neben mir. Er ging immer ran. Obwohl er 20 Telefone hatte, trug er es immer bei sich und hob jedes Mal ab.