Ich bin Prostituierte und Daten ist für mich die Hölle

Eine junge Sexarbeiterin aus dem Ruhrgebiet erzählt, warum unsere Generation alles andere als aufgeschlossen und tolerant ist.

von Gabi
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31 März 2016, 1:49pm

"Gabi", 21 | Foto: mit freundlicher Genehmigung von "Gabi"

Titelbild: „Gabi", 21 | Foto: mit freundlicher Genehmigung von „Gabi"

Tinder hat die Liebe zerstört."—Diese Satz fällt immer wieder, wenn ich mit Freunden über Dating im Jahr 2016 spreche. Niemand will sich mehr festlegen, alle daten um des Datens Willen. Matches werden gesammelt wie Magic-Karten und wenn man sich trifft, dann meistens nachts, am Wochenende und betrunken, um nicht alleine zu sein. Bis uns dann irgendwann klar wird, dass wir vielleicht doch denjenigen oder diejenige fürs Leben—oder zumindest für ein paar gemeinsame Monate—treffen wollen. Menschen anzusprechen, ob nun on- oder offline, ist aufregend. Dates sind aufregend. Man zeigt sich und macht sich verletzlich, wenn es persönlich wird. Was ist aber, wenn es vielleicht ein paar Details in deinem Leben gibt, die du nicht direkt preisgeben willst, weil sie gesellschaftlich nicht akzeptiert sind? Wenn du zum Beispiel einen Job hast, den Andere als seltsam oder abstoßend empfinden? Gabi*, 21, ist Sexarbeiterin und bietet ihre Dienste online auf einer Vermittlungsplattform an. Sie hat uns von ihren Dating-Erfahrungen erzählt und musste feststellen: So locker und cool, wie unsere Generation gerne tut, ist sie leider nicht. Für VICE erzählt sie ihre Geschichte ausführlich:

Es ist jetzt ungefähr ein Jahr vergangen, seitdem ich beschlossen habe, den Schritt in die Sexarbeit—Prostitution, um genauer zu sein—zu wagen. Und insgesamt bin ich damit auch ziemlich glücklich. Wäre da nicht dieses eine Problem, über das wohl kaum jemand zu sprechen wagt: Dating.

Bevor ich angefangen habe, als Prostituierte zu arbeiten, war ich mir ziemlich sicher, dass Sexarbeit mittlerweile kein besonderes Tabu mehr ist. Wir sind keine prüde Generation, die meisten nutzen Tinder, gefühlt jeder guckt Pornos, One-Night-Stands sind nichts Verwerfliches mehr. Vor allem in der Hardcoreszene, in der ich musikalisch und politisch beheimatet bin, hatte ich erwartet, dass die Menschen diesem Beruf gegenüber offen und tolerant sind. Dass sie Sexarbeit als Arbeit sehen wie jede andere Arbeit auch. Das zumindest habe ich gedacht. Leider lag ich damit nicht ganz richtig.

Freunde zu finden, ist mit meinem Beruf nicht wirklich schwer. Die Neugierigen und Toleranten bleiben, und die Ignoranten und Idioten sortieren sich von selbst aus. Und ich bin auch wirklich sehr dankbar für meinen sehr offenen Freundeskreis (Props an alle, die mich lieb haben). Ich habe das Gefühl, dass es für meine Freunde kein Problem ist, dass ich die Arbeit mache, die ich mache, ob ich nun Kellnern gehe oder Prostituierte bin—und das ist ein gutes Gefühl.

Aber manchmal sehne ich mich nun mal nach einer richtigen Partnerschaft. Das muss ja auch nicht zwingend eine monogame Beziehung sein oder bloß zwischen zwei Menschen stattfinden. Ich sehne mich nach jemandem, der FreundIn ist, aber auch mehr als nur das. Jemand, mit dem man eine ganz besondere Verbindung hat. Ihr wisst sicher, was ich meine.

Also stürze ich mich immer wieder in die Welt des Dating. Ob Real Life oder Online-Dating sei dabei mal außen vor gelassen, da das meiner Meinung nach eigentlich keinen Unterschied macht. Im Endeffekt kommuniziert man mit Menschen und ob ich das jetzt an meinem Handy in einer App mache oder von Angesicht zu Angesicht in einem Café, ändert für mich nichts.

Nun stellt euch vor, ihr unterhaltet euch gut mit jemandem. Über Musik, über Kunst, über Politik, Gott und die Welt—und dann kommt ihr auf das Thema Arbeit. Oh-oh! Schon stelle ich mir die Frage: „Wie sage ich das jetzt am besten?" Ich will ja schließlich niemanden verschrecken oder vor den Kopf stoßen. Trotzdem ist meine Devise Ehrlichkeit. Und darum antworte ich mit der Wahrheit: „Ich mache Sexarbeit." Oder: „Ich bin Prostituierte."

In 90% der Fälle ist die Antwort darauf ziemlich ähnlich. Nur ganz selten bekomme ich mal sowas zu hören, wie „Ist ja interessant!" oder „Cool, erzähl mir davon". Meistens sind die Reaktionen nicht besonders positiv. Das beruht vor allem auf der Tatsache, dass weibliche Sexualität immer noch ein riesiges Tabuthema ist. Die alte Annahme scheint sich auch 2016 noch nicht geändert zu haben: Männer, die viel Sex haben, sind bewundernswerte Aufreißer. Frauen, die viel Sex haben, sind Schlampen. Das ist sexistisch, aber es ist immer noch Realität.

Hier also die Top-3-Bullshit-Reaktionen, die mir entgegen gebracht werden, wenn ich von meiner Arbeit erzähle.

Reaktion Nr. 1: „Oh ... also ... äh ... erwarte aber BLOSS nicht, dass ich dich bezahle!"

Frage an alle, dessen Reaktion das war, ist oder wäre: Wieso sollte ich das erwarten? Wenn jemand beruflich kellnert und ihr miteinander rumhängt und dein Date bringt dir etwas zu trinken, schlussfolgerst du dann auch sofort „Oh Kacke, die erwartet jetzt bestimmt ein Trinkgeld von mir"? Nein? Dann könnt ihr mir doch sicher erklären, wieso ihr das von SexarbeiterInnen denkt. Könnt ihr nicht? Na sowas aber auch ... Da weiß ich nicht, ob ich das traurig oder lustig finden soll.

Reaktion Nr. 2: „Oh, wirklich? Was nimmst du denn so für (hier Zeitraum einfügen) und was machst du so dafür?"

Diese Reaktion zeigt deutlich, dass Sexarbeiter immer wieder auf ihre Arbeit reduziert werden. Ich bin kein Sexobjekt, ich bin ein Mensch, und das hier ist ein Date. Was soll diese Frage also? Angenommen, ihr lernt jemanden aus anderen Berufen kennen ... Ist da eure erste Frage auch, was die so verdienen? Und was sie für das Geld machen? Nein? Hmmmmm ... Sollte man vielleicht mal generell noch mal drüber nachdenken. Allerdings muss ich sagen: In einem anderen, respektvollen Kontext können wir gerne über meine Arbeit und auch über Geld reden.

Reaktion Nr. 3 - und mein absoluter Favorit (nicht): „Oh nein, du Arme! Keine Sorge, ich hole dich da so bald wie möglich raus!"

Wie bitte? Du willst mich vor dem Job retten, den ich mir ausgesucht habe? Der mir, wenn ich denn schon arbeiten muss, am meisten Spaß macht? In dem ich mich komplett entfalten kann, wo ich mein eigener Chef bin und über alles, was passiert, selbst entscheide? OK. Ja, ich sehe schon, ich bin ein Opfer und muss definitiv gerettet werden. Vor meiner körperlichen und sexuellen Selbstbestimmung. Vor meiner Freiheit. Und selbstverständlich von dir. Meinem Helden in der glänzenden Rüstung auf einem schrecklichen Date. So schnell wie es nur geht.

Mal ganz im Ernst: So witzig sich das hier gerade auch alles liest—als betroffene Person ist das wirklich, wirklich frustrierend. Immer wieder muss ich mir die gleichen blöden Sprüche anhören, immer wieder kommen die gleichen ignoranten Kommentare.

Besonders, wenn ihr euch in linken, feministischen und queeren Kreisen bewegt: bitte denkt doch mal darüber nach, wie ihr über SexarbeiterInnen redet und wie ihr Personen behandelt oder behandeln würdet, die Sexarbeit nachgehen. Wir sind genau so normale Menschen wie ihr auch, die einfach nur mit etwas anderem ihr Geld verdienen als ihr. Mehr nicht. Das ist alles.

Wenn euch das Thema Sexarbeit interessiert, macht euch schlau. Nicht alle von uns stehen unter Drogen oder sind traumatisiert und brauchen Hilfe. Nicht alle von uns sind durch Menschenhandel oder starke finanzielle Not in „diese Situation geraten". Nicht mal ansatzweise alle. Redet doch einfach mit statt nur über uns. Die meisten von uns, zumindest die, die ich kenne, haben kein Problem damit, euch von ihrer Arbeit zu erzählen. Beim ersten Date aber sofort auf die Arbeit reduziert zu werden, ist wahnsinnig nervig. Also erwartet auch nicht, dass ich mir das gefallen lasse. Ich denke, dass es doch wirklich nicht zu viel verlangt sein sollte, mit dem selben Respekt behandelt zu werden wie Menschen, die gesellschaftlich akzeptierten Berufen nachgehen.

Und zu guter Letzt: Hört doch bitte, bitte endlich damit auf, Leute als „Hurensöhne" beleidigen zu wollen! Danke.

*Die Geschichte von Gabi, die nicht wirklich Gabi heißt, ist erstmals auf ihrem Blog myendnote veröffentlicht worden.

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