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Wie die mittellosen Roma Serbiens von billigem Heroin kaputtgemacht werden

„Pajdo" ist günstig und in rauen Mengen vorhanden, aber für den Gesundheitszustand der Konsumenten, die sowieso schon unter Armut und Rassismus zu leiden haben, ist das Ganze extrem gefährlich.

von Max Daly
18 November 2015, 5:00am

Dževrija, eine Sexarbeiterin und Pajdo-Abhängige aus Klein-Leskovac. Der Name ihres Ex-Freundes aus der Zeit, als sie noch clean war, ziert ihren Arm | Alle Fotos: Aleskandrija Ajdukovic

Tarzan lebt in einer Wellblechhütte im Ghetto vor der serbischen Hauptstadt Belgrad. Dieser Ort wird von den Einheimischen auch „Klein-Leskovac" genannt—in Anlehnung an eine berüchtigt heruntergekommene Stadt im Süden Serbiens. Klein-Leskovac ist dabei eine von rund 100 inoffiziellen Roma-Siedlungen in und um Belgrad herum. Übelriechende Müllhaufen zieren dabei die Szenerie und die dreckigen Feldwege werden von heruntergekommenen Häusern gesäumt. Als ich mich dort umsehe, kann ich eine Ziege dabei beobachten, wie sie unter einer Wäscheleine Schatten sucht. Leerstehende Hütten sind mit Spritzen zugemüllt—Überbleibsel der Pajdo-Konsumenten. Bei Pajdo handelt es sich um die bevorzugte Billigdroge vieler Suchtkranker der Gemeinde.

Als lokales Slang-Wort für „Stoff" ist Pajdo eigentlich Heroin—aber nicht das Heroin, das man so kennt. Dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) zufolge ist Heroin in Serbien hochgradig verunreinigt: 2011 hatten von den Behörden beschlagnahmte Proben eine durchschnittliche Reinheit von einem bis acht Prozent.

Obwohl Pajdo schlechter Stoff ist und nur für ein 15 Minuten andauerndes High sorgt, ist es kein Zufall, dass die Droge vor allem von den armen Roma Serbiens konsumiert wird, denn Alkohol, Marihuana und Kokain sind im Vergleich dazu teurer Luxus, an den man dort nur schwer kommt. Bei Pajdo bekommt man eben mehr für sein Geld.

„Alle hier lieben Pajdo. Es ist günstig und einfach zu besorgen. Selbst die kleinen Kinder wissen schon Bescheid", meint Tarzan und zeigt dabei auf einen Jungen, der nicht älter als sechs Jahre ist. „Ihre Väter nehmen sie jetzt schon mit zum Drogenkauf."

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Tarzan hat sich seinen Namen auf den Rücken tätowieren lassen. Nach zehn Jahren Pajdo-Sucht befindet er sich jetzt auf dem Weg der Besserung.

Mit 40 hat es der serbische Rom Tarzan geschafft, eine zehn Jahre andauernde Pajdo-Sucht zu überstehen. Kurz vor meinem Besuch ist sein jüngerer Bruder aufgrund einer Überdosis gerade erst ins Krankenhaus gebracht worden. Er überlebte, aber drei andere Brüder von Tarzan hatten bei ihrer Erfahrung mit der Droge nicht so viel Glück.

Laut Thomas Pietschmann von UNODCs Forschungs- und Trendanalyse-Abteilung besitzt Pajdo eine unglaublich niedrige Reinheit und ist typisch für das Heroin dieser Region. Es handelt sich um eine extrem gestreckte Mischung aus billigen Mitteln wie Paracetamol, Koffein, Maisstärke-Pulver, 3-in-1-Kaffeepulver (also Zucker, Kaffeeweißer und Instant-Kaffeepulver) oder diversen Chemikalien (zum Beispiel Anilin) zur Herstellung von Pflanzenvernichtungsmitteln.

In den 80er Jahren, also vor dem Bosnienkrieg, besaß Heroin in Serbien noch gute Qualität und wurde vor allem in der Mittelschicht konsumiert. Damals war Serbien noch ein wichtiger Punkt auf der Route des Heroins, das von der Türkei aus nach Europa kam. Seit den 90er Jahren geht die Zahl der Heroin-Beschlagnahmungen jedoch immer weiter zurück, da sich die Schmuggelrouten inzwischen geändert haben. Jetzt bekommt der serbische Markt nur noch die Krümel ab—in Form von stark gestrecktem Stoff.

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Eines der wenigen Autos im Ghetto

Zwar sind Überdosen durch Pajdos Verunreinigungen unwahrscheinlicher, aber die giftige Mischung kann bei langfristigem Konsum trotzdem zu Leber- und Nierenschäden, Magenblutungen sowie Schlaganfällen führen. Aufgrund der niedrigen Qualität zeigt das Heroin der Armen keine Wirkung, wenn man es inhaliert. Die einzige Möglichkeit, zu seinem High zu kommen, ist das wiederholte Injizieren.

Genau deswegen verursacht Pajdo trotz des niedrigen Heroin-Gehalts so schwere körperliche Schäden. Bei vielen Roma ist es schon normal, ein bauchnabelgroßes Loch in der Leistengegend zu haben, um nicht immer neue Einstichstellen finden zu müssen. Mehrfache Injizierungen sowie das Teilen von Nadeln haben im Zusammenspiel mit den unhygienischen, slum-ähnlichen Zuständen dazu geführt, dass zwischen 60 und 90 Prozent der abhängigen Roma mit Hepatitis C infiziert werden—eine Krankheit, die zu tödlichem Leberversagen führen kann.

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So etwas wie eine Einstiegsdroge gibt es in den Roma-Siedlungen nicht. „Hier wird kein Cannabis konsumiert, weil so etwas einfach nicht verfügbar ist. Es wird sofort mit dem Spritzen von Pajdo angefangen", erklärt Bojan Arsenijevic von ReGeneration, einer NGO aus Belgrad, die sich für eine Besserung der Lage in Serbien einsetzt. „Die Roma sind hier so stark an den gesellschaftlichen Rand gedrängt, dass sie nicht mal Drogen verkaufen dürfen. Auch wenn es sich hier um eine beschissene Droge handelt, löst sie für diese Leute doch ein Problem, weil sie es wirklich nicht einfach haben. Der serbischen Regierung und der Bevölkerung fällt es jedoch einfach, das Ganze unter den Teppich zu kehren."

Im Juli musste Veza, die letzte serbische Drogen-Informations- und Hilfsstelle, bei der auch frische Nadeln besorgt werden konnten, dicht machen, weil man die Finanzierung nicht mehr stemmen konnte. Als ich mit einem ehemaligen Veza-Kontaktarbeiter namens Lucky spreche, erzählt er mir, dass die Pajdo-Konsumenten nicht so sehr von der Droge selbst, sondern eher vom Spritzen abhängig sind.

Vezas Verschwinden macht sich schon jetzt bemerkbar. Die Drogenkonsumenten müssen sich jetzt auf eine Handvoll Apotheken verlassen, die dazu bereit sind, ihnen saubere Spritzen zu verkaufen. Das führt jedoch wieder dazu, dass mehr Nadeln geteilt werden. Veza war auch die einzige Organisation, die gesellschaftlich ausgeschlossenen Drogenkonsumenten (zum Beispiel die aus Klein-Leskovic) direkt half.

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Die Sexarbeiterin Nina nimmt Pajdo schon seit ihrem 13. Lebensjahr.

Zu diesen Konsumenten gehört auch Nina. Die 26-Jährige lebt zusammen mit ihrem Partner und ihrem Baby in Klein-Leskovic und ist schon die Hälfte ihres Lebens von Pajdo abhängig. Seit ihrem 18. Lebensjahr ist sie als Sexarbeiterin auf den Straßen Belgrads unterwegs. Zusammen mir drei ihrer Schwestern hat sie eine Mädchen-Gang gegründet und ist so schon zu zweifelhaftem Ruhm gekommen, denn sie verbringen den ganzen Tag damit, an Ampeln Windschutzscheiben zu putzen, zu klauen, verhaftet zu werden und sich mit Männern zu prügeln. Eine von Ninas Schwestern ist an einer Überdosis gestorben und der Rest ist—genau wie sie—in der Sexarbeit tätig und von Pajdo abhängig.

Zwar meint Nina, dass ihr Baby das Wertvollste in ihrem Leben ist, aber Pajdo macht sie auch glücklich. Ihre Tätigkeit als Sexarbeiterin ermöglicht es ihr, Drogen zu kaufen und ihrem Baby ein gutes Leben zu ermöglichen. „Morgens wache ich mit Entzugserscheinungen auf. Dann besorge und nehme ich etwas Pajdo. Anschließend beschäftige ich mich mit meinem Kind. Zwischen 20.00 und 23.30 Uhr arbeite ich", erzählt sie mir. Nina kauft täglich zwei Gramm Pajdo und teilt das Ganze mit ihrem Freund, den sie manchmal auch als ihren Zuhälter bezeichnet. „Durch meine Arbeit fühle ich mich richtig beschissen. Emotional gesehen habe ich mich auch nach sieben Jahren immer noch nicht dran gewöhnt. Sexarbeit ist ein knallhartes Geschäft. Ich mag meinen zwar Job nicht, aber mich zwingt auch niemand dazu."

Für Dr. Mira Kovacevic, die Chefärztin von Belgrads Spezialklinik für Suchterkrankungen, gehören junge Roma mit Drogenproblemen wie Nina zum Alltag. „Viele der Mädchen, die hierher kommen, sind zwischen 14 und 17 Jahre alt. Sie fangen schon sehr früh mit dem Spritzen an", sagt Kovacevic. „Viele von ihnen sind bereits seit ihrem 12. Lebensjahr verheiratet, haben nur eine schlechte Schulbildung genossen und fallen häuslicher Gewalt zum Opfer. Außerdem arbeiten die meisten Romnija, die wir behandeln, als Prostituierte."

Ich frage Nina, warum so viele junge Romnija Heroin nehmen. „Junge Romnija werden oft von älteren Familienangehörigen oder von ihren Partnern manipuliert", antwortet sie mir. „Häufig heißt es, dass sie Heroin nehmen, nachdem ihnen das Ganze von ihren Familien gezeigt wurde. Das ist einfach Gedankenkontrolle. Wenn sie gefragt werden, welche Drogen sie nehmen—und dabei handelt es sich im Heroin—, haben sie keine Ahnung. Dann ist immer von ‚braunem Stoff', von ‚gelbem Zeug' oder einfach nur von Pajdo die Rede."

Marijana Luković von der Menschenrechts-NGO Praxis zufolge sind die meisten der Roma, die in Belgrads inoffiziellen Siedlungen leben, keine registrierten Bürger und haben deswegen auch nur im Notfall Anspruch auf medizinische Behandlung. Das bedeutet, dass ihnen bei ihrer Drogensucht nicht geholfen wird. Sie werden vom System einfach nicht erfasst.

Roma werden hier nur als zwielichtige, kranke, süchtige, arme und ungebildete Menschen angesehen.

Um in Serbien Sozialleistungen, eine Krankenversicherung, eine Arbeit und Schulbildung zu bekommen, braucht man einen gültigen Ausweis. So etwas besitzen viele Roma jedoch nicht, da ihre Eltern ebenfalls keinen besitzen und es dementsprechend auch keine Geburtsurkunde gibt. So wurden einem Roma-Jungen mit schweren Verbrennungen am Arm Anfang des Jahres zum Beispiel jegliche zusätzliche Operationen verweigert, weil seine Mutter nicht krankenversichert war. Und Romnija mussten auch schon dafür bezahlen, ihre Kinder in einem Krankenhaus zur Welt bringen zu dürfen.

Belgrad hat sich immer noch nicht ganz vom Krieg der 90er Jahre erholt und ist dementsprechend voller kleiner verlassener Gebäude. Das heißt allerdings nicht, dass diese Gebäude nicht genutzt werden. Oft finden Pajdo-Süchtige dort Unterschlupf und konsumieren dort Drogen. Der Fußboden eines dieser Gebäude ist übersät mit Nadeln, blutbespritzten Matratzen, Müll sowie menschlichen Exkrementen. Überall schwirren Fliegen umher und der Geruch ist unerträglich.

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In den Straßengräben von Klein-Leskovac stapelt sich der Abfall, denn die Müllabfuhr kommt hier nicht her.

In Bezug auf die Behandlung von Drogensüchtigen hat Serbien nicht gerade eine positive Vorgeschichte—vor allem dann, wenn die orthodoxe Kirche involviert ist. 2009 wurde zum Beispiel ein Video veröffentlicht, in dem zu sehen ist, wie ein Drogenkonsument im Zuge seiner „Behandlung" mit einer Schaufel geschlagen und ins Gesicht geboxt wird. Das Ganze wurde in der Crna-Reka-Entzugsklinik aufgezeichnet, die mit der orthodoxen Kirche Serbiens zusammenhängt. Drei Jahre später prügelte Branislav Peranovic, ein Priester und der Leiter von Crna Reka, einen Patienten mit einem Knüppel zu Tode. Später wurde er wegen Mordes zu 20 Jahren Haft verurteilt.

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Genauso wie die Vernachlässigung von Drogenkonsumenten in anderen Teilen des Balkans (zum Beispiel die Roma in Rumänien) wird diese gesundheitliche Notlage von den serbischen Behörden weitestgehend ignoriert. Das Land will im Jahr 2020 der EU beitreten und der Status der Roma-Unterschicht ist bei den Gesprächen mit den Beamten in Brüssel schon lange ein heiß diskutiertes Thema. So hat die Europäische Union auch schon Gelder bereitgestellt, um die Lebensumstände der Roma zu verbessern. Kritiker argumentieren jedoch damit, dass die Vorurteile gegenüber den Roma zu tief verwurzelt sind.

„Nach außen hin soll Serbien nett und einladend wirken und die Regierung schert sich nicht um die Leute, die dieses Image zerstören", sagt Viktorija Cucić, eine ehemalige Professorin für öffentliche Gesundheit an der Universität von Belgrad. „Das Problem liegt auch nicht bei der Finanzierung, sondern bei den Werten. Roma werden hier nur als zwielichtige, kranke, süchtige, arme und ungebildete Menschen angesehen. Die Botschaft lautet: Seid froh darüber, dass ihr überhaupt noch lebt, also verzieht euch in eine Ecke und haltet den Mund."

Cucić ist auch der Ansicht, dass mit der jetzt fehlenden finanziellen Unterstützung der Drogenkonsumenten und dem nicht vorhandenen Interesse der serbischen Regierung, Drogenentzugseinrichtungen zu unterhalten, die Sucht- und Krankheitslage nur noch weiter eskalieren wird.

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Sofijas Baby kam vor zwei Monaten auf die Welt, aber sie kann es aufgrund ihres fehlenden Ausweises nicht registrieren lassen.

Kurz bevor ich Klein-Leskovac wieder verlasse, führt mich Tarzan noch in eine Hütte, um mir zu zeigen, wie ein zwei Monate alter Junge namens Salmedi von seiner Mutter Sofija umsorgt wird.

Erst ein paar Stunden vorher hat sie versucht, ihrem Sohn eine Geburtsurkunde ausstellen zu lassen. Die Behörden schickten sie jedoch mit leeren Händen wieder nach Hause. Der Junge macht einen gesunden Eindruck. Rom-Babys wird bis zum vierten Lebensjahr die Brust gegeben, denn das ist die günstigste Art der Fütterung.

Auf dem Tisch daneben steht Brot und Wasser für den Rest der Familie. Etwas anderes können sie sich nicht leisten. Und wenn die Leute, die für diese erhebliche Ungleichheit verantwortlich sind, nichts dafür tun, dass sich bald etwas ändert, dann muss sich Salmedi wohl ebenfalls an diese Ernährung gewöhnen, wenn er für die Muttermilch zu alt wird.

Der Autor bedankt sich bei Jovana Arsenijevicand von der ungarischen Bürgerrechtsvereinigung (HCLU) für die Unterstützung beim Schreiben dieses Artikels. HCLU hat eine neue Kampagne ins Leben gerufen, die auf den Drogenmissbrauch in den Balkanstaaten aufmerksam machen soll. Mehr Information zu „Room for Change" findest du hier.

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