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Sex

Kinkykitten69 aus deinem Sexchat ist eigentlich ein schwuler Mann

Drei Stunden am Stück ist Daniel jede Nacht der feuchte Traum seiner Kunden, die keine Ahnung haben, dass die Lady mit der sie chatten, ein Mann ist.
7.9.15

Ich habe Daniel auf Grindr kennengelernt. Wir fanden einander interessant und entschieden, uns direkt am nächsten Tag zu treffen. Bevor er schlafen gehen würde, sagte er, müsse er noch drei Stunden arbeiten. Natürlich fragte ich ihn, welche Art Job er um 3 Uhr nachts zu erledigen hätte. Er antwortete, dass er für einen Chatservice arbeitet. Als wir uns dann am nächsten Tag trafen, fragte ich: „Also, was für eine Art ,Dienst' ist das? Eine Kundendiensthotline?" Er antwortete: „Ja, so irgendwie. Man könnte sagen, dass es einigen Leuten hilft." „Ach so, also arbeitest du für einen Sex-Chatroom oder wie soll ich das verstehen?"

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Ich hatte nur einen Witz gemacht. Aber wie sich rausstellte, war der Witz Realität. Das Beste daran war: Daniel gab sich als Frau aus, während er mit seinen arglosen Kunden chattete.

Dieser Job war etwas absolut Neues für mich, also fragte ich ihn erstmal kräftig aus. Tatsächlich wollte ich sogar wissen, ob es eine englischsprachige Abteilung in dieser Firma gäbe, und ob sie noch Leute suchen (JA, das habe ich ernsthaft gefragt!). Leider gibt es die nicht. Aber hier die Arbeitswirklichkeit in deutschsprachigen Sexchats.

VICE: Welche Namen benutzt du bei der Arbeit?
Daniel: Ich benutze verschiedene Nicknames. Für Standardbesucher kann ich den gleichen Namen benutzen, sonst habe ich noch andere. Es muss immer verspielt oder verrucht sein. Kinkykitten69, Prayingmantis, 21_4_u oder MistressSophia.

Wie sieht eine Schicht bei dir aus?
Eine normale Schicht ist drei Stunden lang. Es ist anstrengend, länger zu chatten. Manchmal sind sogar drei Stunden schon auslaugend. Falls jemand krank ist oder ausfällt und jemand einspringen muss, kommt es auch schon mal vor, dass man zwei Schichten am Tag hat.

Chattest du die ganze Zeit mit jemandem?
Nicht wirklich. Manchmal spreche ich nur mit einem oder zwei Typen in weit unter drei Stunden (oder vielleicht sogar für die vollen drei Stunden). An anderen Tagen kommt es vor, dass ich ziemlich ausgelastet bin und mit mehreren Männern gleichzeitig chatten muss. Dass kann ziemlich verwirrend sein, weil ich mir alles merken muss, damit die Gespräche am laufen bleiben.

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Wie bereitest du dich vor?
Ich stelle Gleitgel, Küchenrolle, Kondome und natürlich all meine Sexspielzeuge bereit. Haha, nein, aber ich glaube, alle, die auf mich stehen, hoffen, dass ich all diese Sachen parat habe [lacht]. Ich muss mich manchmal 20 Minuten vor dem tatsächlichen Beginn der Schicht einloggen, damit ich das Gespräch der Schicht vor mir verfolgen und weiterführen kann.

Wie viele Leute arbeiten in deinem Team?
Fünf oder Sechs. Ich glaube, fünf oder sechs reichen auch, solange wir versaut genug sind. Und scheiße, wir sind versauter, als du es dir vorstellen kannst.

Wie schaffst du es, dich ins Denken einer Frau zu versetzen?
Ich habe Pornos angeschaut, noch und nöcher. Dominas, Omis, dicke Titten, amputierte Titten, puritanische Mädchen, festgeschnallte Mädchen mit irren Konstruktionen zwischen den Beinen, Kriegerinnen … du kannst dir nicht ausmalen, was für perverse Filme ich zur Vorbereitung gesehen habe, um für jeden Kunden die richtige Fantasie in meinem Repertoire zu haben. Natürlich ist mir klar, dass all diese Filme fernab der Realität sind, jedoch sind das auch die meisten Fantasien meiner Kunden. Wusstest du, dass jeder professionelle Pornofilm nachvertont wird? Wir hören also nie die wahren Stimmen der Pornodarsteller. Es ist im Grunde genommen dasselbe, was ich mache, nur, dass ich nicht die Stimme, sondern den Text double.

Ich bin mir nicht sicher, ob es hilft, dass ich Schauspiel studiert habe, aber es ist immer noch schwierig. Du musst dich sehr konzentrieren. Du musst diese ganzen sexuellen Sachen sagen, aber aus der Perspektive einer Frau. Du musst einfach verstehen, welche Art von Mann diesen Chatroom besucht. Darin bin ich mittlerweile ziemlich gut.

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Und welche Art Mann ist das?
Das sind meistens Typen, die ihr Leben nicht wollen und/oder nicht mögen. Die meisten sind verheiratet und leben in wirklich kleinen, verschissenen Dörfern und wollen einfach ein anderes Leben leben, neue Eindrücke außerhalb des Gefängnisses, in dem sie in ihrem konservativen Umfeld zu leben gezwungen sind. Manche wollen Nähe, andere wollen extreme sexuelle Ausschweifungen, aber alle finden sie Geborgenheit in den „Dienstleistungen", die ich anbiete, selbst wenn sie nicht real sind. Ich denke, ich biete ihnen eine Art Hilfe und Seelsorge.

Deine Chefs sehen das wahrscheinlich anders. Die wollen doch vermutlich nur Geld mit verzweifelten Männern machen?
Klar, aber mir persönlich geht es nicht nur ums Geld. Ich mache, was immer notwendig ist, um zu helfen, falls nötig. Ich kann natürlich nicht verleugnen, dass es mir auch ein wenig Spaß macht.

Wie weit kannst du gehen, mit dem, was du sagst?
Am Anfang musst du netter sein. Du weißt schon, das Eis brechen. Und natürlich muss ich alles langsam angehen. Wie du schon sagtest, es ist eine bezahlte Dienstleistung. Man bezahlt die Zeit im Chatroom im Voraus und wenn die Zeit ausläuft und ich jemandes Interesse geweckt habe, muss für mehr Zeit gezahlt werden. Ich muss sie solange wie möglich im Chat halten.

Was heißt das?
Das kommt auf die Person an und das kann alles Mögliche heißen. Meistens endet es in superperversem Cybersex. Es geht von den Standardphantasien wie „Ich setzte mich auf dein Gesicht, bis du Pisse trinkst und meine Scheiße isst", „Schieb mir dein Schwert in die Scheide", „Melke meine Titten", „Fülle all meine Löcher" bis hin zu wirklich kranken Sachen, die ich mir ausdenken muss, wie „Ich will beide Fäuste in meiner Fotze spüren", oder auch andersherum „Ich schiebe mein Bein bis zum Knie in deinen wertlosen Arsch". Die lustigsten Sachen, die ich bisher gelesen habe, war Zeug wie „Ich lecke die Schlagsahne von deinen Nippeln, bis sie wund sind", „Steck Nadeln in meine Arschbacken" und einer wollte mal, dass ich seine „Mama" bin. Wenn jemand sowas verlangt, dann bin ich entweder in der Rolle der echten Mutter, oder einer Domina. Wobei der Unterschied fließend sein kann.

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Erinnerst du dich an lustige, abgefahrene oder kranke Ereignisse im Chat? Ich vermute, da gibt es ziemlich viele.
Einmal habe ich mit einem wirklich alten Kerl gechattet und er schickte mir Bilder von sich. Von den Bildern her war klar, dass er wohlhabend war und einen extrem teuren Lebensstil hatte. Ferrari, geiler Job und jeden Luxus, den du dir vorstellen kannst. Nach einiger Zeit, als das Gespräch ins sexuelle abgeschweift war, fing er an, mir Nacktbilder von sich zu schicken. Ich tat so, als würde ich sie mögen, aber danach kamen Bilder von ihm mit Messern und allerlei anderen spitzen Gegenständen, mit denen er sich selbst verletzte—vor allem seinen Penis an mehreren Stellen.

Und was machst du in solchen Situationen?
Wir müssen diese Leute freundlich zurückweisen und den Chat beenden, weil diese Situationen gefährlich sind und wir nicht geschult sind, damit umzugehen.

Ich wette, es gibt einen Haufen Typen, die dich sehr anziehend finden (oder besser die Frau, die du zu sein vorgibst) und versuchen, mehr über dich rauszufinden, dich im echten Leben zu treffen und nach deinem Namen oder deiner Nummer fragen?
Klar gibt's die. Tatsächlich die meisten, aber immer noch nicht so viele, wie du sicher denkst. Ich muss da sehr distanziert sein und die Situation professionell handhaben. Sie werden sicher einiges von mir bekommen, das sie sich wünschen, aber alles haben können sie nicht [lacht].

Hast du mal jemandem aus dem Chat im echten Leben wiedererkannt? Was meinst du, wie er reagieren würde, wenn er „entlarvt" wäre?
Nein, das ist aber auch zu unwahrscheinlich. Ich glaube, dass viele Menschen verborgene Lüste und Verlangen haben. Wenn einer meiner Kunden herausfinden würde, dass er mit einem Mann gechattet hat, dann würde er vermutlich weiterhin einige Dinge mit mir anstellen, im Geheimen natürlich. Vielleicht nicht alle Kunden, aber wie ich meine Männer einschätze, die meisten. Es geht nicht um die Person, mit der man chattet. Im Endeffekt geht es darum, was der Bildschirm einem antwortet und der Bildschirm enttäuscht fast nie.


Foto oben: Flickr | tenthousandcubans | CC BY-SA 2.0