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Was bedeutet Flüchtlingen ihr Smartphone?

Wir haben Flüchtlinge gebeten, uns ihre Smartphones zu zeigen und ihre Geschichten zu erzählen.

von Grey Hutton; Text von Barbara Dabrowska, Interview
14 September 2015, 10:01am

Foto: Grey Hutton


Dass Smartphones zu einem ganz eigenen Narrativ in der Flüchtlingsdebatte geworden sind, ist schade. Nicht weil das Thema an sich nichts hermacht, sondern weil sich leider die falschen Menschen darauf gestürzt haben: rechte Asylgegner, die nicht einen funken Anstand und Weltgewandtheit besitzen. Diese sich selbst mit dem Euphemismus „Asylkritiker" schimpfenden Zeitgenossen sind verängstigte, ungebildete Menschen, die ignorieren, dass Flüchtlinge manchmal das genaue Gegenteil von ihnen sind. Viele Flüchtlinge sind nämlich durchaus gebildete Menschen, die den Mut haben, sich auf eine gefährliche Reise zu begeben, nachdem ihre Heimat und ihr Leben, in dem es vorher mit ziemlicher Selbstverständlichkeit eben auch Smartphones gab, zerstört wurde.

Dass geschmacklose Facebook-Posts und Memes Verbreitung fanden, in denen der bloße Besitz eines Smartphones als Argument für die vermeintlich nicht existente Schutzbedürftigkeit der Flüchtlinge diente, ist unterste Schublade. Offensichtlich ist es tatsächlich notwendig, Artikel zu verfassen, in denen erst mal erklärt werden muss, warum Flüchtlinge Smartphones besitzen. Das ist sinnvolle Aufklärungsarbeit und die Medien kommen hier ihrem Bildungsauftrag nach, aber eigentlich sollte doch zur guten Allgemeinbildung gehören, dass Europa nicht der einzige Kontinent ist, auf dem es eine Zivilisation gibt. Dabei steckt tatsächlich eine interessante Geschichte in der Smartphone-Thematik. Jedes Smartphone erzählt nämlich eine eigene Geschichte. Die Smartphones, die die beschwerliche und gefährliche Reise nach Europa überstanden haben, haben viele Funktionen. Sie sind Kommunikationsgerät, Draht nach Hause, Erinnerungsstück, Kamera und vor allem ein kleines Stück Unabhängigkeit und Sicherheit in einem Alltag, in dem kaum einer weiß, wie es weitergehen wird.

Motherboard erklärt: Deshalb sind Smartphones für Flüchtlinge so wichtig

Wir haben Flüchtlinge in Berlin gebeten, uns ihre Smartphones und Handys zu zeigen. Einige erzählen ihre persönlichen Geschichten durch die Wahl ihres Hintergrundbilds, für andere steht die Funktionalität des Geräts im Vordergrund. Jeder verbindet mit dem Gerät etwas anderes, aber eines ist sicher: Niemand will seins missen. Und wer das jetzt nicht nachvollziehen kann, der hat noch nie auf sein Smartphone verzichten müssen.

Alle Fotos von Grey Hutton. Mehr von Greys Arbeiten findet ihr hier.

„Ich bin 16 Jahre alt und ich habe dieses Bild gewählt, weil es mich an meine Mutter erinnert. Dieses Telefon ist meine einzige Möglichkeit, mit meiner Familie und Freunden auf der ganzen Welt in Kontakt zu bleiben."

„Meine fünf Kinder sind in Jordanien und ich bin nach Deutschland gekommen, um einen Neuanfang für uns zu finden. Auf der Reise war mir nichts anderes wichtig, nur dieses Telefon."

„Das ist Elissa, der libanesische Popstar. Während der Reise war mir nicht danach, Musik zu hören, aber jetzt bin ich in Deutschland und kann auch wieder Musik hören."

„Dieses Telefon war wichtiger als meine Seele."

„Das ist das Hintergrundbild meines alten Handys, aber ich weiß nicht, wie ich es auf das neue, das mir meine Mutter gerade gegeben hat, übertragen kann. Ich hatte zwei Brüder und jetzt sind beide tot. [Mein Bruder auf diesem Bild] hat mich zu Lebzeiten immer unterstützt. Er wurde vom IS getötet, der andere von Assad."

„Mit Viber, Facebook und Whatsapp kann ich mit allen in Kontakt bleiben"

„Unsere Telefone sind uns wirklich wichtig." (Somalisches Paar)

„Das ist ein Foto von meinen vier kleinen Kindern. Das Smartphone war wirklich nützlich, um ihnen ein paar deutsche Worte beizubringen und sie unterwegs mit Spielen zu beschäftigen."

„Ich habe auf der Reise mein Smartphone im Meer verloren. Ich werde mir ein neues kaufen, sobald ich Geld habe."

„Seit ich mein Visum bekommen habe, habe ich dieses Bild auf meinem Handy. Für mich symbolisiert dieses Foto meine Reise."

„Das ist meine Tochter, die immer noch in Syrien ist. Wir chatten jeden Tag, morgens und abends."

„Ich habe es immer wieder aufgeladen mit diesem portablen Akku."

„Ich habe das GPS genutzt, um das Boot nach Griechenland zu navigieren, aber nur tagsüber. Nachts hätte die Polizei das Licht sehen können."

„Wir haben Ballons und Klebeband genutzt, um unsere Smartphones vor dem Wasser zu schützen."

„Das ist die traditionelle Kleidung der Paschtunen aus Pakistan, wo wir herkommen. Dort trägt niemand Jeans. Das hier erinnert mich an mein Zuhause."

„Dieser Junge ist der Sohn von einem Freund. Das Foto ist in einem Camp in Hamburg entstanden, in dem wir gewohnt haben. Bis zu diesem Zeitpunkt wussten wir nicht, ob wir es schaffen würden. Es ist eine Erinnerung an einen schönen Moment."

„Das ist ein Standardbild, ich weiß nicht, wie ich das ändern kann."

„Wir sind als Gruppe von vier Jesiden aus Sinja für 50 Tage zusammen gereist. Ich denke jetzt nicht mehr daran, wie hart die Reise war, weil ich jetzt hier bin. Wenn ich Skype oder Viber benutzen wollte, konnte ich einfach das Smartphone von einem meiner Freunde benutzen."

„Ich habe kein Foto als Hintergrund, weil ich nicht wirklich Fotos auf meinem Handy habe. Wir sind als Gruppe von ca. 20 Leuten gereist und wir mussten in Serbien mit unseren Fotos sehr vorsichtig sein, um nicht die Polizeihunde auf uns aufmerksam zu machen."

„Ich weiß nicht, ich mag einfach dieses Bild von mir selbst."

„Ich weiß nicht, warum ich dieses Bild habe. Ich mag einfach, wie sie darauf aussieht. In unserer Gruppe waren 25 Leute, alle aus Syrien. Eine Person war für das GPS verantwortlich und eine andere für die Organisation von Zügen und so. Ich hatte keinen Job."

„Das ist ein Foto von mir und einem Freund, der Christ ist. Wir haben in Kurdistan zusammen Fische gefangen. Es ist eine schöne Erinnerung, die ich gerne bei mir trage."

„Das ist meine Tochter Rim auf dem Bild. Ich habe das Bild auf dem Telefon, weil ich sie sehr liebe."

„Ohne das hier, hätte ich die Reise niemals geschafft. Ich habe es die ganze Zeit benutzt, zu Wasser und an Land."

„Ich habe dieses Foto auf diesem Handy gefunden, es ist eigentlich nicht mein Telefon. Einem Freund von mir wurde das Telefon in einem Park hier in der Nähe abgenommen, sie sind einfach angerannt gekommen und haben das Telefon ohne Grund genommen."

„Das ist ein Foto von der Mutter meiner Frau. Sie wurde vom IS in Libyen getötet. Ich habe dieses Telefon seit 10 Jahren. Ich benutze es nur für die wichtigsten Dinge."