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Was in Wels passiert, ist keine Überraschung

Wo der Horizont bereits die Stadtgrenze nicht überschreitet, steht es schlecht um den sprichwörtlichen Blick über den Tellerrand.
13.10.15
Foto: Montag, Wikimedia

„Wels ist spitze, Wels ist klasse, Wels ist international": Immer dann, wenn der allseits bekannte Stadt-Strawanza Monaco Franze in Wels auftauchte, sorgte er für gute Laune und Heiterkeit. Wäre dieses Stadt-Original letzten Sonntag über den Welser Stadtplatz gezogen, hättesein Sing-Sang wie ein zynischer Kommentar auf die Tagespolitik gewirkt.

Seit letztem Sonntag hat Wels als achtgrößte Stadt Österreichs seinen ersten FPÖ-Bürgermeister. Immer dann, wenn die freiheitliche Partei massiv gewinnt, muss die Meteorologie Pate stehen. So ganz erfüllen Lehnworte wie „Polit-Erdbeben" ihre Funktion aber nicht. Der Wahlsieg in Wels kam nämlich nicht ganz überraschend oder unangekündigt—zumindest nicht für all jene, die in Wels leben oder die Stadt auch nur aus dem Augenwinkel beobachteten.

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Bereits 2009 musste sich die jahrelang regierende SPÖ mit ihrem damaligen Bürgermeisterkandidaten Peter Koits einer Stichwahl mit der FPÖ und deren damaligen Kandidaten Bernhard Wieser stellen. 2009 ging es sich noch einmal aus—knapp aber doch.

Daran anknüpfend ist es weniger eine kühne Behauptung als ein zwischen Marktplatz-Idylle und Vorstadtdisco, Wirtshausstammtisch und Service-Club von vielen empfundener Common Sense, dass sich seither kaum etwas zum Besseren gewandelt hat.

Dem Eindruck vom Weitermachen-wie-bisher stand die Hoffnung einer Vielzahl der WelserInnen in einen neuen Bürgermeisterkandidaten der FPÖ gegenüber, der—die Rhetorik ist bekannt—nun aber wirklich „aufräumen werde". Man braucht nicht groß auszuführen, was sich hinter dieser vagen, ideologischen Formulierung alles subsumieren lässt; sogenannte „Einzelfälle" inklusive. Der nunmehrige Wahlsieg von Andreas Rabl war also für alle voraussehbar, die nicht die Hände vors Gesicht hielten, in dem Glauben, so die tatsächlichen und die konstruierten Probleme der Stadt aus der Welt schaffen zu können.

Abgesehen davon, dass die große Empörung und das einstudierte Kopfschütteln vieler, die sich mit einem Sieg der FPÖ nicht anfreunden können, diesmal ausblieb und von einem resignierenden Achselzucken abgelöst wurde, stellt sich natürlich zumindest Außenstehenden eine Frage, nämlich: Wie konnte es gerade in Wels passieren, dass die FPÖ ihren Wähleranteil, der zuletzt bei mehr oder weniger einem Drittel der Stimmen seinen Zenit erreichte, doch massiv überschreiten konnte?

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Mögliche Antworten fallen wie sooft komplexer aus. Und wie sooft beginnt auch hier der ganze Übel mit schlechten Vergleichen: Wels laufe Gefahr, Istanbul zu werden, behaupten die einen (und meinen das nicht positiv, sondern rassistisch). Wels sei von seinem kulturellen Angebot her eigentlich eine Art Mini-New-York, meinen die anderen.

Beides ist natürlich falsch. Dazwischen liegt eine große schweigende Mehrheit, der beide Vergleiche reichlich egal sind, die sich jedoch von einer Politik der Emotionalisierung beeinflussen lässt. Es ist dringlicher denn je, Genaueres darüber zu erfahren, was Wels im Empfinden vieler—nicht nur jener, die sonntags und vor zwei Wochen FPÖ wählten—so ruiniert hat; oder ob es zum Teil auch mit einem ruinierten Empfinden zu tun hat.

Dass die noch brennenderen Fragen bereits 2009 nicht gestellt wurden, hängt mit einer Eigenheit zusammen, die in Wels womöglich stärker ausgeprägt ist als anderswo. Das wäre vielleicht ein erster Ansatzpunkt für jetzt notwendige Fragen.

Wels an der Traun, das darf man sich ein wenig so vorstellen als würde David Schalko eine seiner Serien in einem suburbanen Raum ansiedeln, deren BewohnerInnen sich an die Welt von gestern klammern. Die Rollen hier sind klar verteilt und jede/r weiß, welchen Posten es zu bekleiden gilt. Da bleibt wenig Zeit für Zweifel und (Selbst-)Kritik. Selbstkritik ist in dieser Stadt generell eine Kulturtechnik, um die es nicht allzu gut steht—weder in der Politik oder der Gesellschaft, noch in der kaum vorhandenen Medienlandschaft und leider auch nicht in der Kunst- und Kultur-Szene, die zwar sehr ambitioniert ist und genau diese Kritik stets für sich beansprucht, aber sich am Ende des Tages doch lieber im gewohnten Zitate-Kartell wiederfindet.

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Der Horizont der Stadt reicht oft nicht über die Stadtgrenze hinaus. Das äußert sich auch darin, dass in Wels so ziemlich immer (auch um den Preis der völligen Sprachverhunzung) der Stadtname aufgegriffen wird oder zumindest das Kürzel der Stadt WE für einen Wortwitz muss:

Das Hallenbad (zuletzt wegen eines Finanzskandals in den Medien und, so absurd es klingen mag, auch ein Grund für viele, nun Blau zu wählen) heißt hier „ WElldorado", das Science-Center (ein grundsätzlich interessanter, in der Umsetzung jedoch verunglückter Museumsbau, der weit hinter den Erwartungen zurückblieb) nennt sich „ Welios" und auch ein „Filmfestival wels" hat die Stadt alljährlich im Sommer.

Wo der Horizont bereits bei der Namensfindung von Einrichtungen die Stadtgrenze nicht überschreitet, steht es schlecht um den sprichwörtlichen Blick über den Tellerrand.

Wo der Horizont bereits bei der Namensfindung von Einrichtungen die Stadtgrenze nicht überschreitet, steht es schlecht um den sprichwörtlichen Blick über den Tellerrand. Die Idylle aber—und das lehrt uns nicht nur das Genrekino—ist trügerisch. Immer dort, wo Populismus und Polarisierung auf dem Vormarsch sind, taucht das Paradoxon auf, gleichzeitig die eigene Heimat scheiße zu finden und trotzdem andauernd in patriotischen Orgasmen aufzugehen.

Heimatliebe aus Heimathass, quasi. Dieses ambivalente und etwas paradoxe Verhältnis der WelserIinnen zu ihrer Stadt hat auch die Kleinstadt-Popkultur aufgegriffen: Unter dem Hashtag #Wös wird seit geraumer Zeit satirisch Wels gefeiert und eine eigene Partyschiene nennt sich in ironischer Anlehnung an das übersteigerte Selbstverständnis der Stadt Wösweid.

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Es ist ein Spiel mit Codes und die Montage einer neuen Identität aus den Versatzstücken einer ideologisierten Wels-Beschönigung (die auch von links passiert). Gleichzeitig ist es aber auch Kritik am bierernsten, teils rassistisch-geformten Wir-Gefühl vieler WelserInnen.

MOTHERBOARD: Mit den Geldern aus der Hypo-Krise könnte man eine ganze Stadt bauen

Junge Kunstprojekte wie Wösweid erreichen naturgemäß (leider) keine allzu große Breitenwirksamkeit. Allerdings benennen sie einen vernachlässigten Aspekt: Erst, wenn in Wels wieder ohne Häme über Wels gelacht wird und der Empörungs-Jargon doch endlich zur Selbstkritik findet, kann mit dem Bonjour-Tristesse-Gefühl der Stadt umgegangen werden. Dann auch unabhängig von der Stadtregierung und dem Bürgermeister—und gerade weil die nun regierende Partei nicht gerade dafür bekannt ist, das soziale Klima ihres Einflussbereiches zu verbessern.

Der Welser Monacco Franze zieht schon lange nicht mehr seine Runden in der Stadt. Gäbe es ihn noch, würde er womöglich in Anlehnung an den Namensfetisch der Stadt anstimmen: „That's the end oft the Wels as we know it …"

Peter Schernhuber ist einer von zwei Festivalleitern der Diagonale.


Titelbild: Montag | Wikimedia | CC by 2.5