‚X-Factor‘ – Eine Hommage an die beste und bescheuertste Sendung meiner Kindheit

Um diesen Artikel zu verstehen, müssen Sie über Ihre Vorstellungskraft hinausgehen und Ihren Geist dem Unglaublichen öffnen.

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Nov. 16 2015, 5:00am

Screenshot via Youtube

2012 stellte die deutsche Kommission für Jugendmedienschutz fest, dass X-Factor: Das Unfassbare für Kinder unter 12 Jahren „durch die Vermischung von Fantasie und Wahrheit verstörend wirken kann und gegen den Jugendschutz verstößt." 14 Jahre, nachdem im deutschsprachigen Fernsehen die erste Folge ausgestrahlt wurde, landete X-Factor also auf dem Index. Das ist sehr lieb gemeint, liebe Kommission. Aber leider sind ich und meine Altersgenossen jetzt schon für den Rest unseres Lebens traumatisiert und werden vermutlich nie wieder Fakt und Fiktion auseinanderhalten können.

Wie viele andere Kinder meiner Fernsehgeneration verbindet auch mich eine tiefe Hassliebe zu X-Factor. Einerseits habe ich mir als Grundschüler vor dem Fernseher vor Angst beinahe in die Hose geludelt; andererseits war ich von diesen vermeintlich unerklärlichen Horrorgeschichten zutiefst fasziniert. Jedenfalls hat diese TV-Serie es geschafft, sich besser in mein Gedächtnis einzubrennen als 90 Prozent aller Dinge, die damals so im Fernsehen liefen.

Bekanntlich empfindet man als Kind vieles intensiver und furchtbarer, als es tatsächlich ist. Deshalb habe ich in einer Art von therapeutischem Selbstversuch beschlossen, mir möglichst viele Folgen von X-Factor als erwachsener Mensch noch einmal anzusehen und meinen Schock in Lulu-Tropfen zu messen. Dabei ist mir einiges bewusst geworden.

Jonathan Frakes ist der mysteriöseste Kerl der Welt

Das Prinzip der Serie ist sehr schnell erklärt: In jeder Folge werden fünf Kurzgeschichten präsentiert. In all diesen Erzählungen passiert irgendetwas vermeintlich Übernatürliches: Leute aus dem Jenseits nehmen mit Sterblichen Kontakt auf, das Schicksal rächt sich auf mysteriöse Art an bösen Leuten, die Zukunft wird auf unerklärliche Weise vorweggenommen.

Der eigentliche Haken: Einige dieser Geschichten sind frei erfunden, andere beruhen auf „wahren Begebenheiten". Der Zuschauer soll seinen Geist „dem Unglaublichen öffnen", und so herausfinden, welche Geschichten wahr und welche erfunden sind.


Präsentiert werden diese Kurzgeschichten in fast allen Staffeln von jenem Kerl, den man zuvor hauptsächlich in einer funky weinroten Star Trek-Uniform auf dem Raumschiff Enterprise kannte: Jonathan Frakes. Jonathan spaziert in jeder Folge gemächlich mit einer Hand im Hosensack durchs Studio und schaut mit derart einem eindringlichen Blick und seinem minimalen, lausbübischen Grinsen in die Kamera, dass man schon vorweg immer das Gefühl hat: Dieser Typ weiß doch offensichtlich irgendwas, das ich nicht weiß. Früher war ich deshalb, noch bevor ich überhaupt die erste Geschichte zu hören bekam, so verunsichert, dass ich nicht mehr sicher war, ob ich diesem Mann überhaupt irgendetwas glauben sollte.

Außerdem präsentiert der gute Jonathan bei jeder Gelegenheit eine mehr oder weniger beeindruckende optische Täuschung. Weniger beeindruckend aus der Perspektive meines erwachsenen Ichs—als Kind hat aber jede einzelne von diesen Täuschungen natürlich den totalen Brainfuck bei mir ausgelöst. Meine Reaktion darauf hat meistens ungefähr so ausgesehen.

Das Studio ist das absurdeste Gruselkabinett

Die Sequenzen zwischen den Kurzgeschichten wurden in einem finsteren, bläulich beleuchteten Studio gedreht, das einem das Gefühl gibt, in einer verlassenen, transsilvanischen Horror-Villa zu sein, in der aus irgendeinem Grund sehr viel Nebel hängt. Noch angsteinflößender war aber diese pervers-mysteriöse Klaviermusik, die das Ganze fortwährend untermalte.

Verblüffend sind dabei all die Requisiten, die für jede Episode beiläufig im Studio verteilt wurden: Mumien, riesige Spiegel, Kronleuchter, Sarkophage, wenn nötig auch halbe Autos, Parkbänke, Katzen oder Blindenhunde—es gab in diesem Studio praktisch alles. Die Requisiten-Abteilung muss wohl die Größe einer Lagerhalle gehabt haben. Jedes noch so kleine Detail im Studio schreit dir förmlich "MYSTERY!!!!" ins Gesicht.

Die Kurzgeschichten sind solide Mini-Horrorfilme

Überraschenderweise wirken die Kurzgeschichten auch 15 Jahre später eigentlich ziemlich aufwendig produziert. Jede einzelne Geschichte—und zusammengerechnet sind es immerhin 225—hatte ihren eigenen Drehort, eine Besetzung aus mehreren Schauspielern und eine Szenerie, die vermutlich auch einem Spielfilm der damaligen Zeit Genüge getan hätte.

Was X-Factor trotzdem eher nicht ist, ist ein Quell der schauspielerischen Meisterleistungen. Ich bezweifle, dass jemals einer der zahllosen Darsteller für einen Emmy nominiert war, oder überhaupt zu einer Emmy-Verleihung eingeladen wurde. Das soll nicht heißen, dass die schauspielerischen Leistungen so laienhaft wie in Gerichtsshows sind—es ist ganz einfach die durchschnittlichste TV-Serien-90er-Schauspielerei, die man sich überhaupt nur vorstellen kann.

Die Häuser und Kulissen schauen alle ein bisschen aus wie in Eine himmlische Familie, nur dass man immer schon dieses ungute Bauchgefühl hat, dass in dieser Bude irgendwas faul ist (also eigentlich genau wie bei Eine himmlische Familie). Die Charaktere haben fast immer amerikanische 08/15-Vornamen wie Mike, Johnny, Lucy oder July und sie treffen allesamt sehr gerne leichtfertige Entscheidungen, die ihnen etwas später natürlich zum Verhängnis werden.

Schon Kurzgeschichte Nummer 1 aus der allerersten Folge weckt bei mir übelste Kindheitserinnerungen. Sie heißt „Die Frau im Spiegel" und als 9-Jähriger war für mich das Szenario einer Frau, die einem Nacht für Nacht im Spiegel erscheint, so derartig furchtbar, dass diese Geschichte wirklich so etwas wie einen kleinen Dachschaden bei mir ausgelöst hat. Nachdem ich diese Episode gesehen hatte, hatte ich lange Zeit ganz ernsthaft Angst, nachts in Spiegel zu blicken.

Umso erleichternder war es, diese Folge als erwachsener Mensch wieder anzuschauen. Sie ist zwar immer noch irgendwie gruslig (wenn du Geister von toten Frauen, die dir im Spiegel erscheinen, nicht beängstigend findest, dann ist etwas falsch mit dir). Meine Fantasie hat mir aber offensichtlich Streiche gespielt, denn ich hatte die Geisterfrau als eine Art verdrecktes Zombie-Monster in Erinnerung. So schlimm ist es in Wirklichkeit aber doch nicht.

Das „Unfassbarste" sind die unfassbar schlechten Special Effects

Was X-Factornoch weniger ist als ein Quell der schauspielerischen Glanzleistungen, ist ein Meisterwerk der aufwendigen Special Effects. In der ersten Staffel (der einzigen, die nicht von Jonathan Frakes sondern von James Brolin moderiert wurde) hat man noch auf sehr simple stilistische Mittel gesetzt, um Grusel zu erzeugen. Tatsächlich sind die eigentlichen Geschichten in Staffel 1 rückblickend betrachtet die besten. In den späteren Staffeln wirkt es so, als hätte man das aufgestockte Produktionsbudget für Special Effects auf den Kopf gehauen, die dich 15 Jahre später eher zum Lachen bringen als zum Fürchten. So wie in der ersten Geschichte dieser Episode:

Das Bescheuertste war eigentlich die Auflösung der Geschichten

Am Ende jeder Folge wird einem endlich verraten, welche Geschichten nun „wahr" sind und welche nicht. Das lief immer nach dem gleichen Schema ab. Jonathan sagte irgendetwas wie: „Sie dachten, diese Geschichte wäre frei erfunden? Dann haben wir Sie aufs Eis gelegt—ein solches Ereignis hat sich Ende der 60er an der amerikanischen Ostküste tatsächlich zugetragen." Mein Grundschul-Ich hat dann für gewöhnlich mein Leben nicht mehr gepackt, weil es sehr zutiefst bedrohlich erschien, dass so etwas tatsächlich irgendwann mal irgendwo so passiert sein soll.

Vor 15 Jahren war ich aber natürlich auch nicht besonders quellenkritisch. Heute werde ich bei der Auflösung der Geschichten das Gefühl nicht mehr los, einfach ein bisschen verscheißert worden zu sein. Wirkliche Quellenangaben gibt es nicht, deswegen lassen sich die Ereignisse in vielen Fällen praktisch nicht nachprüfen. Ein guter Teil der „wahren Geschichten" beruht zudem auf Aussagen von Augenzeugen, die womöglich ganz einfach einen an der Klatsche hatten. Ein gutes Beispiel ist die Kurzgeschichte namens „Rote Augen", in der einer Familie in ihrem Haus regelmäßig eine geisterartige Gestalt erscheint. Am Ende stellt sich heraus, dass das Kindermädchen der Familie dieser Geist ist. Glaubt es oder nicht, diese Geschichte soll sich tatsächlich so zugetragen haben. Aber meint die X-Factor-Redaktion damit, dass einer ihrer Autoren die Story so oder so ähnlich schon mal geträumt hat?

Wirklich tiefschürfende Horror-Geschichten sucht man bei X-Factor natürlich vergebens, aber eigentlich ist das auch gar nicht nötig. Letztendlich waren die ganz banalen Grusel-Elemente das Erfolgsgeheimnis der Sendung. X-Factor spricht auf ziemlich simple Weise praktisch jedes Grundverständnis von Angst an.

Urban Legends werden auf einfache, aber ziemlich effektive Weise mit Gruselfilm-Ästhetik vermischt, und egal wie bescheuert das Ganze rational gesehen auch wirken mag: Die Sendung schafft es auch heute noch, einem dieses unterhaltsam-mulmige Gefühl zu vermitteln, wegen dem man sich auch so gerne etwas dämliche Horrorfilme anschaut—und wenn es nur von der Fremdscham kommt.

Folgt Tori auf Twitter: @TorisNest

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