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Popkultur

Eine der größten Verschwörungstheorien der Musikgeschichte: Orion, der maskierte Elvis

Orion trug einen Koffer voll Polaroid-Fotos mit sich herum, auf denen die Genitalien von Frauen zu sehen waren, die er auf Tournee kennengelernt hatte und die er als „Lucys" bezeichnete.
29 September 2015, 4:00am

Entweder ist die Geschichte von Jimmy „Orion" Ellis eine der größten Verarschen in der Geschichte der amerikanischen Musik, oder sie ist eines ihrer größten ungelösten Rätsel. Es ist die Geschichte eines maskierten Mannes mit einer Stimme, die so sehr der Stimme von Elvis ähnelt, dass selbst die fanatischsten Fans des Kings die beiden nicht auseinanderhalten könnten.

Es gibt starke Ähnlichkeiten: Ellis war der Sohn einer Frau namens Gladys, genau wie Elvis, doch Ellis wurde bald nach seiner Geburt adoptiert, weshalb seine wahre Identität niemals bekannt oder entdeckt wurde. Beide veröffentlichten auf dem Label Sun Records Musik (Ellis' Debutalbum hieß sogar Reborn). Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass Ellis unter dem Pseudonym Orion, ob nun mutwillig oder versehentlich, Tausende davon überzeugte, dass er der King in einer Glitzermaske sei.

Doch hinter Orions aufwändigen Overalls, seinen Masken, seiner Samtstimme und hinter seiner Rätselhaftigkeit steckte ein echter Mensch, der nicht Elvis war, ein verwirrter Mann, der versuchte, sein Leben zu begreifen, während er vertraglich dazu verpflichtet war, die Fassade eines völlig anderen Lebens aufrechtzuerhalten.

Ellis war in vieler Hinsicht ein einfacher Südstaatler, doch er hatte auch seine Eigenheiten. Er trug zum Beispiel einen Koffer voll Polaroid-Fotos mit sich herum, auf denen die Genitalien von Frauen zu sehen waren, die er auf Tournee kennengelernt hatte und die er als „Lucys" bezeichnete.

All dies behandelt eine neue Doku namens Orion:

Die Doku wurde von Jeanie Finlay gedreht, einem aufsteigenden Stern am britischen Doku-Himmel. Sie hat bereits Sound It Out, eine Doku über den letzten Plattenladen in der nordostenglichen Stadt Stockton-on-Tees, gedreht sowie The Great Hip Hop Hoax, einen Film über ein paar Schotten, die sich für kalifornische Rapper ausgeben. Nachdem sie eine von Orions Platten erstanden hatte, entschloss sie sich, seine Geschichte zu erzählen. Ich habe mich beim diesjährigen Sheffield Doc/Fest mit Finlay unterhalten, wo der Film seine britische Premiere feierte. Ich habe versucht, Spoiler zu vermeiden, doch das ist ziemlich schwierig.

VICE: War es Orions Geschichte und sein Image, die dich zu dem Film inspirierten, oder hat dich auch seine Musik gepackt?
Jeanie Finlay: Es war mehr die Geschichte. Ich fand die Musik auch interessant. Manche Songs, wie „Honey"—den ich für die Titelsequenz verwendet habe—sind wundervoll. Er könnte aus einem David-Lynch-Film stammen. Er geht unter die Haut, und die Produktion ist wirklich gut. Aber dann gibt es auch total kitschige Songs wie „Washing Machine". Es war also definitiv die Story.

Orions Sohn, Jim Junior, der im Film viel vorkommt, hat anfangs nicht mit dir reden wollen. Wie hast du ihn überzeugt?
Er hat, wenn auch ein wenig widerwillig, einem persönlichen Interview zugestimmt. Er hat angenommen, wir seien reich, aber ich habe ihm erklärt, dass wir das Ganze auf gut Glück machen und kaum etwas haben. Unser Kameramann in Nashville hatte ein Auto und Verbindungen, wir hatten ein bisschen Werbebudget und haben Billigflüge gebucht, und eine der Personen, die den Film gedreht haben, war mein Ehemann, also konnten wir uns die Kosten teilen. Ich glaube, er hat nicht ganz durchgeblickt, aber am Ende mochte er uns, und als ich wieder auf seinem Land auftauchte, um zu filmen, hat er uns willkommen geheißen.

Wie war es, in Orrville, Alabama, zu drehen und zu übernachten?
Orrville ist ein Dorf mit 230 Einwohnern, und die Leute dort sind ziemlich isoliert. Der nächste Nachbar kann drei Kilometer entfernt wohnen. Die Stimmung dort ist ganz anders und letztendlich war es wahrscheinlich ein Vorteil, dass wir eine zusammengewürfelte Crew aus Großbritannien waren, denn so kamen wir damit davon, dumme Fragen zu stellen. Orrville ist so klein, dass wir dort nirgends unterkommen konnten und uns in [der County-Hauptstadt] Selma eine Übernachtungsmöglichkeit suchen mussten.

Es ist dort in vielerlei Hinsicht sehr schön. Das Dorf war früher sehr reich, aber in den 50 Jahren seit dem Ende der Rassentrennung hat es viel Geld verloren—früher wurde dort Baumwolle angebaut. Es ist seltsam, denn ich finde, der Film ist in gewisser Hinsicht ein Film über den Untergang der Südstaaten. Es ist nicht sehr offensichtlich, doch wenn man sich einen Ort wie Orrville ansieht, dann kann man nachvollziehen, warum Jimmy ausbrechen und Orion sein wollte. Es gibt dort all diese Häuser, die von der Natur zurückerobert werden, oder für deren Instandhaltung kein Geld da ist. Und Gebäude wie die Schule nur für Weiße wurden abgerissen. Das hat sehr interessante Szenen ergeben, viele überwucherte Baumwollfelder, Gebäude und Toilettenhäuschen. Das war irgendwie ein integraler Bestandteil des Films ... dieser Ort, der nicht mehr so ist, wie er einmal war.

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Deine Filme haben etwas sehr Menschliches und du arbeitest mit Menschen, die man als Opfer statt als Helden bezeichnen könnte. Ist das ein wichtiger Aspekt deiner Arbeit?
Das ist mir extrem wichtig. Ich will Filme machen, die von Herzen kommen. Ich will, dass die Leute sich selbst wiedererkennen, wenn sie einen Film sehen, ob im Guten oder im Schlechten. Ich denke, es ist auch gut, die Erwartungen der Zuschauer auf die Probe zu stellen. Oft schneiden wir das Ganze so, dass du anfangs einen Eindruck kriegst, aber bis zum Ende einen ganz anderen Eindruck hast, und damit werden Vorurteile aufgebrochen.

Weil ich Indiefilme drehe, muss ich niemandem gegenüber Rechenschaft ablegen, und wenn ein Sender mir Druck machen würde oder etwas in die Richtung, dann wäre es viel schwieriger, das zu tun. Durch diese Freiheit bin ich inzwischen in einer Position, wo ich sagen kann: „So und nicht anders arbeite ich."

Wenn du möchtest, dass die Leute sich in deinen Filmen wiedererkennen, gibt es dann auch eine Figur in diesem Film, oder in deinen anderen Filmen, in der du dich selbst am meisten wiedererkennst?
Sound It Out ist definitiv mein persönlichster Film, also fühle ich mich wie eine Figur aus diesem Film. Er fing als ein Liebes- und Hassbrief an den Nordosten [Englands] an, doch durch die Arbeit an dem Film lernte ich die Region wieder lieben. Ich wurde in Stockton verprügelt, ich meine wirklich böse verprügelt. Ich war abends aus und fünf Frauen haben mir ins Gesicht getreten und mich geschlagen, also war ich recht angespannt, als ich dort war. Aber ich habe viel Zeit zu Hause verbracht, weil meine Mutter Brustkrebs hatte, und Sound It Out Records war der einzig vernünftige Ort, den es dort zu besuchen gab, also habe ich einfach das Bedürfnis gehabt, diesen Film zu drehen.

Dann gibt es da ja noch deinen letzten Film, The Great Hip Hop Hoax. Du hast also schon ziemlich viel mit verschiedenen Ecken der Musikindustrie zu tun gehabt. Wie siehst du basierend auf deinen eigenen Erfahrungen die Musik- und Filmindustrie?
Darüber habe ich viel nachgedacht, seit diese ganzen Casting- und Talentshows aufgekommen sind. Ich hasse sie, ich kann sie mir nicht ansehen. Sie brechen mir das Herz, denn ich habe das Gefühl, ich kann sehen, wie es den Leuten das Herz zerreißt. Es geht um die Industrie und hat rein gar nichts damit zu tun, ob du gut singen kannst oder nicht.

Ich habe nicht absichtlich Filme über die Musikindustrie gedreht, aber ich habe mich zu den Storys hingezogen gefühlt, weil es in diesen Filmen um vielschichtige Persönlichkeiten geht, und darum, man selbst zu bleiben, während man seinen Traum verfolgt. Das spricht mich als Filmemacherin sehr an—wie kriegst du deine Story an die Menschen, ohne dass sie um des Geldes willen leidet?

Orion war in gewisser Hinsicht ein Opfer der Art und Weise, wie die Musikindustrie fungiert. Mochtest du ihn am Ende deiner Arbeit an dem Film?
Im Laufe der Arbeit kam und ging die Sympathie irgendwie. Er stand sehr auf Frauen und das sagten mir alle immer und immer wieder. Oft sagte mir jemand: „Oh, er hätte dein Haar geliebt." Ich dachte mir: „Soll ich das jetzt als Kompliment auffassen?" Er hat definitiv nicht die besten Entscheidungen getroffen, aber ich fand seine Geschichte fesselnd.

Es gibt in dem Film insgesamt sehr viele unbeantwortete Fragen. War es schon immer deine Absicht, die Fragen offen zu lassen, oder hast du selbst einfach keine Antworten gefunden?
Der Film dreht sich um Gerüchte und Geschichtenerzählung, nicht um Glauben an Legenden. Ich habe diesen Aspekt nicht so in den Vordergrund gestellt und zum Beispiel versucht, an seine Geburtsurkunde ranzukommen. Als der Film in den USA vorgeführt wurde, haben die amerikanischen Zuschauer alle gefragt: „Warum hast du keinen Gentest durchführen lassen?", aber das wäre ein ganz anderer Film geworden als der, den ich drehen wollte.

Zum Schluss muss ich noch fragen: Weißt du, was mit dem bizarren Koffer voller Polaroids passiert ist?
Er wurde anscheinend verbrannt. Er existiert nicht mehr.