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Lame of Thrones

„Game of Thrones" als Videospiel? Was nach einer Überdosis Awesomeness klingt, spielt sich leider ziemlich enttäuschend.
4.12.14
Telltale Games

Ich bin ein wahnsinniger Game of Thrones-Fan. Ich habe jedes einzelne Buch gelesen, fiebere bereits mit zittrigen Händen auf den Start der 5. Staffel hin und bekomme jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ich die Titelmelodie höre. Ähnlich starke Empfindungen hatte bei mir in der Vergangenheit auch der Spieleentwickler Telltale Games ausgelöst, der mit seiner preisgekrönten Adaption von The Walking Dead oder dem fantastischen Detektiv-Märchen The Wolf Among Us für den einen oder anderen Nervenzusammenbruch vor meinem Laptop gesorgt hat. Als bekannt wurde, dass genau jenes Studio auch eine Adventure-Version von Game of Thrones entwickeln würde, war ich mir sicher, dass Weihnachten für mich in diesem Jahr schon ein bisschen früher stattfinden würde.

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Mit feuchten Händen und rasendem Herzen saß ich also am Abend des 2. Dezembers am Schreibtisch und wartete darauf, meiner Westeros-Sucht endlich auch interaktiv frönen zu können. Vergebens. Die Mac-Version von „Iron from Ice", der ersten der sechs Spiel-Episoden, wurde offensichtlich heimlich, still und leise verschoben. Ein Unding für die Fans, die das Spiel vorbestellt hatten und nicht wissen, wann sie es jetzt tatsächlich spielen können. Ich hingegen war ziemlich froh, meinen Windows-Laptop noch nicht entsorgt zu haben. Direkt nach den Credits kam die zweite, für mich deutlich frustrierendere Erkenntnis: Das Spiel sieht stellenweise wirklich furchtbar aus.

Alle Screenshots: Telltale Games

Dass Telltale mit seiner neuen Reihe optisch etwas andere Wege als zuvor beschreiten möchte, ist verständlich. The Walking Dead und The Wolf Among Us sind klare Comic-Adaptionen und erinnern dementsprechend auch vom Charakter- und Umgebungsdesign her an das Originalmaterial. Bei dem vor Kurzem gestarteten Tales of the Borderlands war der Cellshading-Look durch das Ursprungsspiel ebenfalls klar vorgegeben. Bei GoT hat sich das Team allerdings für eine Art Ölschwämmchen-Optik entschieden, in der vor allem die Hintergründe aussehen, als wäre ein Fingerfarbenexperiment gewaltig schief gelaufen. Um jeden agierenden Charakter befindet sich eine Art rauschiger Rahmen, der offensichtlich den Übergang zwischen beweglichem Element und statischer Umgebung einfacher machen soll und zu guter Letzt gibt es auch noch einige Glitches (der spielbare Charakter hat Zuckungen im Gesicht, als käme er gerade von einem mehrtätigen Drogentrip aus dem Berghain, Hände gleiten durch Waffen, als wären sie ein Hologramm), die es einem zusätzlich schwer machen, nicht von spontanem Augenkrebs dahingerafft zu werden.

Zumindest das Spielprinzip ist gleich geblieben und auch in Game of Thrones muss man vor allem eins tun: zuhören. Unter Zeitdruck gilt es, Dialogoptionen auszuwählen und damit das weitere Schicksal seines Charakters zu bestimmen. In Action-Sequenzen müsst ihr Gegnern ausweichen und Angriffe abwehren, in den explorativeren Situationen durchforstet ihr nach guter, alter Point-and-Click-Adventure-Manier eure Umgebung. Das verspricht insofern ein bisschen abwechslungsreicher als bei den anderen Telltale-Games zu werden, als dass ihr dieses mal in die Haut von fünf verschiedenen Protagonisten schlüpfen könnt. Alle Teile der Familie Forrester, die nach einem tragischen Todesfall nicht nur mit ihrer Trauer, sondern auch den sich ändernden Machtverhältnissen in Westeros und vor allem dem Norden umgehen muss.

Dass das zumindest in der ersten Episode nicht so wahnsinnig spannend ist, liegt vor allem an den auf den ersten Blick ziemlich farblosen Figuren. Immer wieder wird man in Situationen gebracht, in denen man „schwere Entscheidungen" treffen muss oder offensichtlich schockiert sein soll. Das funktioniert für mich aber deshalb absolut nicht, weil ich diese Leute nicht kenne. Nehme ich den kriegserfahrenen Soldaten oder den besonnenen Berater? Keine Ahnung. Alles, was ich weiß ist, dass der eine eine Narbe im Gesicht hat und der andere eine ziemliche Pussy ist.

Doch, hey, gute Nachrichten für alle Unentschlossenen: Eure Entscheidungen haben, zumindest in der ersten Episode, keine sichtbaren Auswirkungen. Egal, wen du um Unterstützung bittest, mit welchen Dialogoptionen du versuchst, das Leben deiner Familie zu schützen oder ob du Cersei Lannister dreist ins Gesicht lügst—„Iron from Ice" endet für alle Spieler gleich. Offen und schockierend zwar, aber gleich. Eine Geschichte braucht zwar gewisse Fixpunkte, um über einen längeren Zeitraum zu funktionieren. Die Illusion der Handlungsfreiheit hatte Telltale in The Walking Dead allerdings deutlich besser aufgebaut.

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Es ist sicherlich unfair, ein Episodenspiel nach seinem ersten Teil zu beurteilen, grundlegend habe ich mittlerweile aber den Verdacht, dass sich die Macher für ihre GoT-Adaption das falsche Setting, zumindest aber die falsche Erzählform ausgesucht haben. Die Handlung setzt unmittelbar bei der „Red Wedding" an, die das ungefähre Ende der dritten TV-Staffel markiert. Das ist insofern spannend, als dass dieses Ereignis einen Wendepunkt in der Mächteverteilung Westeros markiert, insgesamt ist dieses Mittendrin-Anfangen aber auch extrem undankbar. Ihr habt die Serie nie gesehen, habt aber Lust auf das Spiel? Glückwunsch, ihr werdet nichts verstehen. Ihr habt die Serie grob verfolgt, wart aber noch nicht wahnsinnig weit? Glückwunsch, SPOILER! Ihr habt alle Staffeln geguckt und sämtliche Bücher gelesen? Auch an euch: Klatscht in die Hände und freut euch, denn ihr seid der Spielhandlung so weit voraus, dass ihr genau wisst, was um euch als Protagonist herum passieren wird.

Während sich die Handlung von The Walking Dead zwar an einem existierenden Universum bedient hat, dabei eine sehr persönliche und auf eine kleine Gruppe begrenzte Geschichte erzählt, hatte man tatsächlich Einfluss auf die Story und das Schicksal seiner Figuren. Die wirklich großen Ereignisse in Game of Thrones hingegen sind fremdbestimmt. Es bleibt einem nur die Reaktion. Das ist in den Situationen spannend, in denen man mit den Hauptfiguren der Bücher und Serie—darunter Cersei und Tyrion Lannister—konfrontiert ist, die sowohl sehr gut inszeniert, als auch von ihren tatsächlichen TV-Darstellern gesprochen werden. Trotzdem widerspricht das dem grundlegenden Gedanken der Spiele von Telltale Games: Schaffe dir deine eigene Geschichte.

So wie der Herr der Ringe jahrzehntelang als nahezu unverfilmbar galt, ist Game of Thrones vielleicht auch nicht das am einfachsten adaptierbare Material für ein Videospiel. Zumindest nicht in dieser Form. Vielleicht leidet Iron from Ice aber auch am Fluch der ersten Episode, die erst einmal eine Art Einführung liefern muss. Ich bin mehr als bereit, mich positiv überraschen zu lassen und ähnlich verzweifelt auf jede neue Folge zu warten, wie zuletzt bei The Wolf Among Us. Voraussichtlich kommt Episode Zwei irgendwann im Januar oder Februar. Vielleicht hat Telltale bis dahin auch sein Mac-Problem in den Griff bekommen.

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