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Drogen

Warum das Bob Marley-Gras Bullshit ist

Die Marke „Marley Natural" behauptet, die wahre Mission des Künstlers an die Leute bringen zu wollen. Tatsächlich macht sie Bob Marley endgültig zum reinen Kommerz-Kiff-Symbol.
25.11.14

​ Vergangene Woche wurde von Bob Marleys Familie in Zusammenarbeit mit dem Konzern Privateer der Vertrieb von Premium-Cannabisprodukten und Kiff-Zubehör unter dem Namen „Marley Natural" für 2015 angekündigt. Bob Marley, der in seinem Leben vermutlich alleine mehr Gras geraucht hat, als in allen Alterlaa-Bauten zusammen konsumiert wurde, hat sich stets für die Legalisierung von Marihuana eingesetzt, und diesen lebenslangen Kampf auch in seine Musik einfließen lassen hat. Privateer will laut eigener Aussage Marley jetzt „dabei helfen, diese Legalisierung zu verwirklichen".

Für den Rasta mit Geschmack, Stir it Up. Screenshot von ​marleycoffee.com 

Hinter dem großherzigen Vorhaben, einem Musiker, der nicht mehr am Leben ist, einen Lebenstraum zu erfüllen, steckt aber viel wahrscheinlicher die weitere, kontinuierliche Ausschlachtung eines Menschen, der sowieso schon viel zu oft als Symbol fürs Kiffen auf der ganzen Welt herhalten musste. Natürlich gab es auch davor bereits Marken, die den Erfolg und die globale Reichweite von Bob Marley ausnutzen wollten, und ihn als Künstler, der sich oft vom westlichen, kapitalistisch-imperialistischen System (auch Babylon genannt) distanziert hat, zu kommerzialisieren versucht haben. So kann man im  ​House of Marley Kopfhörer und Audiozubehör kaufen und ​Marley Coffee versorgt einen mit der nötigen Portion Koffein. Alles schön verpackt und versehen mit einschlägigen, leicht rezipierbaren, allgemeingültigen Songschnipseln wie „get together" oder „stir it up".

Damit ist Bob Marleys Schicksal, als Kommerz-Kiff-Symbol in den Erinnerungen unserer Jugend zu enden, besiegelt.

Auf marleynatura​l.com findet man eine reduzierte Fassung von Bob Marleys „Mission": Das Kraut (oder Herb) zu konsumieren, mit ihm Kreativität und ein höheres Bewusstsein zu erwecken und die Ungerechtheit und das Leid, das durch das weltweite Cannabisverbot verursacht wurde, zu bekämpfen. Wer von der Heilkraft der Natur überzeugt ist, möge sich doch bitte dieser revolutionären Bewegung anschließen—und Marley Natural-Produkte kaufen. Damit ist Bob Marleys Schicksal, als Kommerz-Kiff-Symbol in den Erinnerungen unserer Jugend zu enden, besiegelt. Aber hey, immerhin wissen auch die meisten nicht, ​wer Che Guevara überhaupt war. Hauptsache, sein Gesicht macht sich gut auf dem 20 Euro-Shirt aus dem Scherzartikel-Versand deines Vertrauens.

Bob Marley hat nicht nur über 20 Jahre Musik gemacht, sondern auch eine große Masse an Menschen religiös beeinflusst: Er war Anhänger der  ​Rastafari-Bewegung, die Ganja zum Meditieren und Nachdenken oder Debattieren konsumieren. Dabei verzichten die Rastafari auf Alkohol oder Tabak und lehnen auch prinzipiell die unreflektierte Übernahme ihrer Traditionen und Bräuche ab. Mit Bezug auf die ​Offenbarung des Johannes wird der Konsum von Cannabis als Heilung der Völker bezeichnet, was auch auf marleynatural.com unter „Healing of a Nation" zu finden ist. Texte findet man unter diesem Punkt allerdings keine, nur ein „Coming Soon" vertröstet darauf, dass die große Heilung bevorsteht. Andere Konzepte und Glaubensrichtungen der Rastafari, oder dass Rastafarianismus der christlichen Bibel entspringt und nicht nur eine Ausrede ist, zu kiffen und einen lustigen Dialekt anzunehmen, gehen dabei unter.

​Der Löwe Judas, ein oft benutztes Symbol. Foto: A.D​avey | p​hotopin | c​c

Ebenso scheint es heute—33 Jahre nach seinem Tod—nur noch wenige zu interessieren, dass Bob Marley einer der größten und erfolgreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts war, der zusammen mit den Wailers Reggae-Musik aus Jamaika auf der ganzen Welt beliebt machte, für viele ein musikalisches, politisches und religiöses Vorbild war und zwischen 20 und 40 Kindern hatte, von denen einige auch heute noch Musik machen. Dabei wissen viele außerdem nicht, dass es um Bob Marley einige Kontroversen gibt. Bob war der Sohn eines weißen Kolonialisten, der Sklaventöchter schwängerte und die Familien dann zurückließ. Besonders zu Marleys Anfängen soll er homophobische Tendenzen in seine Lieder eingearbeitet haben, bevor er von Produzenten Chris Blackwell eines besseren belehrt wurde. Der Manager Don Taylor wurde von Marley fast totgeschlagen, als er herausfand, dass er ​ihn betrogen haben soll und sich an Marleys Musikeinnahmen bereicherte. Auch zu seiner Familie war er streng und kalt, wärend er Beziehungen mit anderen Frauen pflegte. Aber immerhin ist es auch einfacher, sich als Teenager einen Bob Marley-Aufnäher auf den Jansport- oder Eastpak-Rucksack zu nähen und allen mit einfach konsumierbaren Symbolen zu zeigen, dass man gerne kifft, als sich wirklich mit einem Künstler auseinanderzusetzen. Willkommen im Social Media-Zeitalter, Bob.

Damit teilt sich Herr Marley ein Schicksal mit Musikern und Künstlern wie Freddy Mercury, Michael Jackson und Tupac Shakur, die Jahre nach ihrem Tod teilweise sogar mehr Geld verdienen als zu Lebzeiten und uns auch noch viele Jahre mehr mit irgendeiner aufgedrückten Kommerzialisierung ihres Wesens—für das sie wohl nur wenig verantwortlich sind—belästigen werden.

Rechts oben: Bob. Ein Denkmal ausgeschlachteter Künstler.  B​Miz | ph​otopin | c​c

Ich wage jedenfalls zu bezweifeln, dass die Produkte von Marley Natural helfen werden, Bob Marleys Ideale an den Mensch zu bringen. Viel mehr versucht man hier, auf den Marihuana-Legalisierungszug aufzuspringen und dabei ein bewährtes Symbol zur Verkaufssteigerung zu verwenden, was natürlich auf der einen Seite aus wirtschaftlicher Sicht auch vollkommen verständlich und legitim ist. Dass das Ganze nicht mehr viel mit Bob Marley zu tun hat, ist die andere Seite. Ich warte jedenfalls auf den Tag, wenn uns Bob Marley-Hologramme im Stil von Joe Camel oder dem Marlboro-Mann im Einkaufszentrum zuwinken, und es Amy Winehouse-Spritzbesteck im Zubehörshop unseres Vertrauens zu kaufen gibt.

​One Love, mit Adrian auf Twitter: @doktorSanchez


Titelbild: ​Luke McKernan | ​flickr | ​cc