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Popkultur

The Meme Awakens: Was uns der neue Star Wars-Trailer verrät

Die Einführung des ersten schwarzen Stormtroopers wirft ein Rassismus-Problem auf und das neue Lichtschwert ist viel praktischer, als ihr vielleicht glaubt.
1.12.14
Alle Screenshots via YouTube, von VICE Media

​Die Filme spielen vielleicht vor langer Zeit, in einer weit, weit entfernten Galaxie, aber die Reaktionen auf den ersten Trailer zu Star Wars Episode VII: The Force Awakens waren an diesem Wochenende spürbar nah.

Twitter ging förmlich über vor Aufregung und keine 24 Stunden nach der Veröffentlichung hatten die Jedis unter den Fans das Ganze a​uch schon mit Lego-Bausteinen nachgedreht; auch eine George Lucas Special Edition mit extraviel Hintergrund-Gewimmel und​ Cameos gibt es schon.

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Einige Kritiker versuchten zwar auch, uns mit ihrem Vorschuss-Pessimismus auf die dunklen Seite zu holen (weil Disney und Abrams und überhaupt), aber insgesamt war die Antwort genauso überwältigend positiv, wie sie auf Midichloriane und Jar-Jar Binks damals einheitlich negativ war. Hier ist er noch mal:

Was uns Abrams mit der Länge von genau 88 Sekunden ​sagen wollte, weiß ich immer noch nicht, dafür habe ich aber zu einigen anderen Dingen eine Antwort (oder, wo gar keine Frage war, zumindest eine Meinung).

Hat Star Wars ein Rassismus-Problem?

Vielleicht bin ich der einzige im großen Pool der Trailer-Euphoriker, denen es mit dem Teaser so geht, aber für mich war die Art, wie der (soweit wir wissen) erste schwarze Sturmtrupp eingeführt wird, ein bisschen unangenehm. Im Gegensatz zum Universum von Star Trek, dem immer​ wieder unters​chwelliger Rassismus vorgeworfe​n wurde und das die Menschen als einzige facettenreiche Spezies zeigte, von denen die vernünftigen Vulkanier Gefühle lernen und kriegerische Klingonen sich Kultur abschauen können, hatte Star Wars bisher nie ein Rassismus-Problem.

Von Tatooine bis Coruscant wurde uns die weit, weit entfernte Galaxie von Star Wars immer als ein Ort des Pluralismus und der Multikulturalität vorgestellt, in dem Menschen nicht überall, wo sie auftauchen, die Herrscher sind und FPÖ-Politiker vermutlich nach ihrem Tod aufwachen, wenn sie böse waren. Auch die Besetzung war von Anfang an von starken schwarzen Charakteren geprägt—von Lando Calrissian (Billy Dee Williams) über Mace Windu (Samuel L. Jackson) bis hin zu, ja, Jar Jar Binks (Ahmed Best). Umso weniger verstehe ich die Eröffnungseinstellung des neuen Star Wars-Trailers. Nach ein paar Sekunden leerer Wüste kommt der schwarze Trooper von unten ins Bild gepoppt—mit dramatischer Musikbegleitung, die den Schock-Effekt noch verdeutlicht—und macht damit die Büchse der Political-Correctness-Pandora auf. Das lässt Star Wars auf gewisse Art bei Null beginnen.

Die neue, runde R2-Einheit ist noch geeigneter für Slapstick

Sphärische Fortbewegungsmittel sind offenbar das Ding im Jahr 2015. Jurassic World hat sie anstelle der automatischen, selbstfahrenden Autos für die Gäste des Dino-Themenparks und Star Wars Episode VII hat sie als Körperstück für seine R2-Roboter.

Das ist vielleicht nicht ganz so innovativ wie das für viele Jahre unschlagbare Roboter-Design in Interstellar (warum zur Hölle sollten Maschinen auch ausgerechnet so gebaut werden, dass sie die unpraktischste aller Fortbewegungsarten—nämlich die von uns Menschen—nachahmen?), aber doch auch um ziemlich vieles realistischer als der Look so mancher älterer Star Wars-Geräte, die einzig den Regeln des Designs gehorchten.

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Außerdem ist die Kombination aus einem ständig vor sich hin rotierenden, bauchartigen Körper und einem verwundert hin und her schauenden, aufgepfropften Kopf das ideale Setup für mindestens drei gute Komikeinlagen in ansonsten sehr ernsten Kampfszenen (ihr könnt mich beim Wort nehmen).

Es gibt Krieg wie in Kriegsfilmen

Bisher war Star Wars ein Märchen, jetzt wird es durch J. J. Abrams erwachsen. Beides ist für sich genommen gut und hat wahrscheinlich auch ein bisschen damit zu tun, dass die Nerd-Kultur selbst erwachsener geworden ist. Am deutlichsten sieht man das an den kurzen Prä-Gemetzel-Aufnahmen, die uns der Teaser aus dem Inneren eines Stormtrooper-Lande(raum)schiffs zeigt. Diese Strumtruppen sind nicht die langsam vor sich hin joggenden, ewig danebenschießenden Weichis aus den Vorfilmen—sie sind Soldaten wie in Saving Private Ryan oder Zero Dark Thirty. Oh, und sie haben aufgemotzte Blaster, nur um doch auch noch was Nerdiges zu sagen.

Die Charaktere weichen vom Kanon ab

Dieses Bild zeigt Daisy Ridley, die wie jeder neue Star Wars-Darsteller bisher weitestgehend unbekannt ist und vermutlich die Tochter von Han Solo und Leia spielt. Gerüchte besagen, dass ihr Charakter Kira heißen soll, obwohl, wie eingefleischte Fans bestimmt schon in die Kommentarsektion tippen, Han Solo und Leia in den Geschichten aus dem Erweiterten Universum nach Return of the Jedi eigentlich bereits eine Tochter mit Namen Jaina haben. Das stimmt.

Aber wie die offizielle Star Wars-Seite schon im A​pril verkündet hat, wird ab sofort auf Continuity geschissen, um dem Filmteam maximale Bewegungsfreiheit und Kreativität zu erlauben. Was nicht heißen soll, dass gleich alles, was im Star Wars-Universum nach den Filmen passiert ist, aus dem Kanon gestrichen wird—aber sehr wohl, dass manche Dinge sich dynamisch ändern werden, so wie die Zeitungs-Headline in Back to the Future II. Das bedeutet zwei Dinge: 1. wird Star Wars das erste Franchise, das ein Zeitebenen-Problem bekommt, obwohl Zeitreisen innerhalb seines Universums keine Rolle spielen. Und 2. sollte irgendwer auf Leland Chee und das restliche Star Wars-Komitee achtgeben, deren Job es bisher war, für die Einhaltung des Kanons zu sorgen. Wenn dein Lebenswerk so plötzlich futsch ist, brauchst du auf jeden Fall extra Streicheleinheiten.

J. J. Abrams lässt auch Alte Raumschiffe modern aussehen

Nicht ganz überraschend packt der erste Teaser-Trailer keine unbekannten Raumschiffe aus—immerhin ist noch ein volles Jahr und mindestens drei weitere Trailer Zeit, bis der Film zu Apple-ähnlichen Warteschlangen in den heimischen Kinos führen wird und im Moment reicht die bloße Existenz von neuem Star Wars-Bildmaterial, damit eine ganze Generation von Nerds eine Erschütterung der Macht in ihren Hosen spürt. Stattdessen bekommen wir X-Wings, Tie-Fighter und den Millennium Falcon (Continuity-technisch korrekt ohne Satellitenschüssel, nachdem er diese im Anflug auf den Todesstern-Kern verloren hat) zu sehen, was für 88 Sekunden mehr als reicht.

Vor allem, weil wir den Rebellen-Raumschiffen trotzdem auf innovative Art bei ihren Flugmanövern folgen und sowohl die X-Wings als auch der Falcon in adrenalinausschüttender Höhe den Boden streifen (die Tie-Fighter sind währenddessen die Stormtrooper der Lüfte und einfach nur da, was uns damals nicht gestört hat und auch heute nicht stört). Der realistische Stil von Abrams kommt auch hier zum Vorschein. Während Episode II und Episode III mit dem damals zeitgemäßen Stilmittel des dokumentarischen Zooms bei Kampfszenen gespielt haben, setzt J. J. Abrams auf unmittelbare Nähe zu Wasser und Sand sowie dynamische entfesselte Kameraperspektiven, was weniger an Found-Footage und mehr an Videospiele erinnert und damit eindeutig näher am heutigen Zeitgeist ist.

Das neue Lichtschwert ist praktischer, als ihr glaubt

Regisseure tendieren dazu, ihre eigenen größten Fanboys zu sein. Das ist auch gut so, weil man nichts Geringeres als den größten Fanboy braucht, um ein Franchise aus dem Boden zu heben oder neu zu beleben, während einem Produzenten in die Arbeit reden und langwieriges bürokratisches Hickhack die Vision vor den eigenen Augen zermürben. Trotzdem birgt es auch eine Gefahr—nämlich die, sich selbst am stärksten in jedes neue Gimmick oder Gerät zu verlieben und dieses deshalb so überschwänglich ins Bild zu setzen, dass es bereits ein halbes Jahr nach der Filmpremiere peinlich wirkt.

Ich bin mir fast sicher, dass die ersten Bilder, die wir von dem neuen, dreiklingigen Lichtschwert zu sehen bekommen, auch gleichzeitig die ersten Bilder sind, die davon im Bild vorkommen werden. Mich erinnert das Ganze ein bisschen an Matrix, wo die absolut unfassbare Klappfunktion von Neos Nokia-Handy in Großaufnahme gezeigt wurde. Es gibt wenige Handy-in-Film-Aufnahmen, die im Nachhinein peinlicher wirken. Da das neue Lichtschwert zum Glück aber nicht so schnell von der Realität eingeholt werden wird (obwohl Wissenschaft​ler eine Art von Materie geschaffen haben, die Lichtschwertern ziemlich ähnlich ist), will ich darüber jetzt mal noch nicht nachdenken. Falls ihr zu denen gehört, die auch Fehler in Gravity suchen und ihr euch fragt, was bitte die beiden kleinen Nebenklingen für einen Sinn erfüllen sollen, hab ich aber zumindest ein Gegenargument: Denkt daran, wie Luke Skywalker ausgerechnet seine Lichtschwert-Hand im Kampf verloren hat. Mit diesen beiden Schutzklingen wäre ihm das vielleicht nicht passiert.

Was man nicht sieht

Bei einem 88-Sekunden-Trailer ist das, was man nicht sieht, natürlich mehr als das, was man sieht. Das gilt erst recht, wenn der Trailer wie im Fall von Star Wars eigentlich nur aus 40 Sekunden tatsächlichem Bildmaterial besteht (wenn man meiner iPhone-Stoppuhr trauen darf). Andererseits ist das aber auch völlig OK, weil während den Schwarzblenden zumindest mit eindrucksvoll sonorer Stimme über beeindruckend Star Wars-konforme Sachen geredet wird (dunkle Seite, helle Seite, Macht und so).

Aber trotzdem ist das wirklich Erstaunlichste am Teaser-Trailer zu Star Wars Episode VII: The Force Awakens meiner Meinung nach, dass wir darin kein einziges Mal irgendwas von einem Sternenkrieg zu sehen bekommen. Noch nicht mal Weltraum kommt darin vor. Und auch kein einziger Stern. Wenn das kein gutes Teasern ist, weiß ich auch nicht.

Fazit

Bild von ​Dustin Sandoval, via Twitter

J. J. Abrams hat bereits mit Star Trek bewiesen, dass er Star Wars kann und die besten Filme der gesamten Serie hinlegen wird. Aus heutiger Sicht könnte man seine Regiearbeit an Star Trek sogar als Fingerübung für die neue Star Wars-Trilogie sehen. Der Grundstock an dynamischen Kampfszenen und neuinterpretierten klassischen Charakteren ist jedenfalls vorhanden.

Und obwohl Studien sagen, dass man als Kritiker eindeutig intelligenter wirkt, wenn man etwas Negative​s zu sagen hat, muss ich mich hier einfach der Mehrheit anschließen. Selbst, wenn der Trailer schlecht wäre (was er nicht ist), müsste man ihn allein für seine kulturelle Bedeutung wieder gut finden.

In Zeiten, wo Memes denselben Stellenwert haben wie die Macht in der Star Wars-Saga, sagt nichts so sehr Relevanz wie ​das Aufkommen von Lichtschwert-Memes innerhalb weniger Stunden. Ich kann mich jedenfalls an nichts anderes erinnern, das bei nur 88 Sekunden Länge jemals so schnell so dermaßen großen popkulturellen Einschlag gehabt hätte (was auch daran liegt, dass ich nicht weiß, wie lange Monica Lewinskys Blowjob bei Bill Clinton damals gedauert hat). Ob Episode VII den Hype halten kann? Schwer vorherzusehen die Zukunft ist. Aber solange Abrams die viel proklamierte kreative Freiheit behält und einen Film anstatt einer neuen Reihe Merchandise macht, wird ziemlich sicher alles gut.

​Noob-Fehler und Nerdgasmen könnt ihr Markus gern auf Twitter mitteilen: @wurstzombie