Anzeige
News

Brauchen wir „Verhaltensregeln“ für Männer, um Vergewaltigungen zu verhindern?

Nach den Übergriffen in Köln diskutiert Deutschland über Sicherheitsabstände für Frauen. Wirklich sinnvoll wäre etwas anderes.

von Lisa Ludwig
07 Januar 2016, 5:00am

Foto: Richard Potts | Flickr | CC BY 2.0

Gerade noch versucht man, möglichst viele Details zu den Übergriffen, die sich in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof ereigneten, zu bekommen—da kündigte die Stadt Köln an, ihren Verhaltensregelkatalog gegen sexuelle Belästigung auf Partys zu aktualisieren. Der hatte bisher unter anderem dazu angeraten, als Frau eine Armlänge Abstand zu möglichen Tätern zu halten. Als die neue Oberbürgermeisterin Henriette Reker diesen Ratschlag auf Nachfrage einer Journalistin hin wiedergab, löste sie einen Shitstorm aus, der sich im Netz unter dem Hashtag #EineArmlaenge entlud.

Während viele die Gunst der Stunde nutzten, schlechte Witze über die Politikerin zu machen, die im vergangenen Jahr nach einer Messerattacke im Krankenhaus gelandet war, stellten andere vollkommen zu Recht klar: Die Verantwortung dafür, nicht vergewaltigt zu werden, sollte niemals beim Opfer liegen. So wohlgemeint Tipps à la „Nehme keine Getränke von jemandem an, den du nicht kennst" auch sein mögen—viel mehr als „Sorge selbst dafür, dass du gar nicht erst in eine Situation kommst, in der man dich vergewaltigen kann" sagt man damit eben auch nicht.

Wenn wir also schon dabei sind, „Verhaltensregeln" aufzustellen, warum dann nicht für die Bevölkerungsgruppe, aus der der Großteil der Täter stammt? Dass sexuelle Gewalt und sexuelle Übergriffe vor allem von Männern ausgehen und sich gegen Frauen richten, ist nämlich keine Propagandalüge der Gender-Mafia, um das Patriarchat zu unterdrücken. So sehr sich das mancher Männerrechtler und Feminismusgegner auch wünschen mag.

Laut der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes gehen 99 Prozent aller sexuellen Übergriffe von Männern aus. Jedes Jahr werden in Deutschland 8.000 Vergewaltigungen angezeigt. Glauben wir einer Studie des Bundesministeriums aus dem Jahr 2004 sprechen 47 Prozent der Betroffenen allerdings niemals über ihre Erfahrungen, nur 5 Prozent der Sexualstraftaten würden überhaupt angezeigt. Ähnliche Erkenntnisse liefert auch eine Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, die 2014 unter 42.000 Teilnehmerinnen durchgeführt wurde. 60 Prozent der Befragten gaben an, in ihrem Leben bereits eine Form von sexueller Gewalt erfahren zu haben. Von diesen Frauen wiederum meldeten nur 11 (bei Gewalt durch den Partner) respektive 13 Prozent (bei Gewalt durch eine andere Person) den Vorfall der Polizei.

Das sind unglaubliche Zahlen. Zahlen, die es noch zynischer und menschenverachtender machen, wenn den Opfern eine Teilschuld gegeben wird—und sei es nur dadurch, dass man ihnen das Gefühl gibt, dass sie den Übergriff im Vorfeld durch anderes Verhalten hätten verhindern können.

Wie hätten die Frauen, die am Silvesterabend in Köln angegangen wurden, unterbinden können, dass sie inmitten einer riesigen Menschenmenge an ihnen vergangen wird? In dem sie zu Hause bleiben und sich der Gefahr dadurch entziehen, dass sie nicht am öffentlichen Leben teilnehmen? Indem sie sich möglichst unaufreizend kleiden, obwohl laut Hilfsorganisationen wie dem Weißen Ring kein Zusammenhang zwischen dem Auftreten und Aussehen des Opfers und der Wahrscheinlichkeit einer Vergewaltigung besteht? Indem sie die Rolle des potentiellen Opfers einfach akzeptieren und ihre sozialen Aktivitäten zurückschrauben, um niemanden zu einem sexuellen Übergriff zu provozieren? Derartige Überlegungen und Forderungen sind nicht nur gegenüber den Betroffenen respektlos, sie sind im Zweifelsfall auch absolut wirkungslos. Wer eine Frau vergewaltigen möchte, tut das nicht, weil sie ihn „provoziert" oder dazu einlädt.

Brauchen wir also Leitlinien für Männer? Info-Broschüren, in denen ihnen noch mal erklärt wird, warum es echt nicht OK ist, Frauen zu vergewaltigen—oder sie zumindest gegen ihren Willen anzufassen? Denkt da draußen irgendjemand „Achso? Das ist eine Straftat? Deshalb tragen plötzlich alle Rollkragenpullover und halten eine Armlänge Abstand zu mir? Na dann lass ich es wohl lieber"? Nein. Was wir brauchen, ist Dialog und Verständnis. Nicht zwischen Opfer und Täter, denn wer dazu in der Lage ist, eine Frau zu vergewaltigen, der lässt sich davon höchstwahrscheinlich nicht durch eine lückenlose Argumentation zur sexuellen Selbstbestimmung abhalten. Wir brauchen einen Dialog zwischen potentiellen Opfern und denen, die sonst nur hilflos dabeistehen, weggucken oder vielleicht gar nicht sensibilisiert dafür sind, wie oft es zu solchen Übergriffen kommt.

Ich war bei dem Seminar eines Vergewaltigungsbefürworters.

Wenn Täter wissen, dass ihre Opfer die Tat zur Anzeige bringen, weil sie nicht mehr fürchten müssen, dass ihnen niemand glaubt, denken sie womöglich zweimal darüber nach, sich an einem anderen Menschen zu vergreifen. Wenn Täter wissen, dass die Gesellschaft soweit für derartige Vorfälle sensibilisiert ist, dass ungewolltes Begrapschen im Club nicht mehr als unglücklicher Flirtversuch abgetan und weggelacht wird, überlegen sie vielleicht zweimal, ein klar geäußertes „Nein" geflissentlich zu überhören. Wenn die Täter wissen, dass es in unserer Gesellschaft keine Entschuldigung für derartiges Verhalten gibt, müssen wir in Zukunft hoffentlich deutlich weniger über Vorfälle wie die in Köln sprechen.

Auf eine solche Situation hinzuarbeiten, ist anstrengender und zeitintensiver, als auf Twitter einen dummen Witz über #EineArmlaenge zu machen, bevor man sich dem nächsten Trending Topic widmet. Aber auch wichtiger.

Folgt Lisa bei Twitter.

Tagged:
LGBT+
Köln
Vergewaltigung
Missbrauch
Sexismus
gewalt
Meinung
Hauptbahnhof
Verbrechen
Deutschland
Vice Blog
Henriette Reker