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Popkultur

Breaking Bad-Merchandise bringt das Vermächtnis der Serie in Verruf

Seit es selbst bei Primark Heisenberg-Shirts gibt, befindet sich Walter White ernsthaft in Gefahr, zu genau so einem Mainstream-Teenie-Idol zu werden wie Tony Montana.

von Jack Murray
12 September 2014, 3:29pm

Jeder kennt die gekritzelte Zeichnung des unglaublichen Meth-Königs Heisenberg aus Episode Eins der dritten Staffel von Breaking Bad. Sie kündigt schließlich auch die endgültige Verwandlung von Walter White zu seinem Alter Ego an. Die Zeichnung ist bewusst einfach gehalten und soll so aussehen, als hätte sie ein Siebenjähriger gemalt. Sie ist quasi der Bart Simpson der Netflix-Generation—perfekt, um schnell mal irgendwo hingeschmiert zu werden. Wenn du Heisenberg zeichnen kannst, dann weißt du Bescheid.

Das Problem ist bloß, dass seine Präsenz in der echten Welt langsam zu viel wird und nervt. Ramschmärkte, Primark, Entertainment-Geschäfte und Kostümläden werden normalerweise von Dingen wie One Direction-Masken, Big Bang Theory-Stiften oder Fußball-Fanartikeln dominiert, aber jetzt findet man dort vor allem Breaking Bad-Merchandise. Das Meiste davon wirkt sich schädlich auf das Vermächtnis der mit vielen Preisen ausgezeichneten und hoch angesehenen TV-Serie aus.

Die Skizze, die in der Serie zum ersten Mal als Teil eines von Kerzen erleuchteten Schreins zu sehen ist, wurde zum geklebten, gemalten, gescannten und gedruckten Mitgliedsausweis für den Breaking Bad-Fanclub. Aber auch andere, farbenfrohe Dinge zieren die Merchandise-Artikel, zum Beispiel der „Better Call Saul“-Schriftzug oder das Logo von Los Pollos Hermanos. All das lenkt ab vom dunklen Unterton der Serie und lässt sie wie einen lockeren, fröhlichen Cartoon erscheinen. Die düstere Geschichte von Geldgier, Drogen und einer tödlichen Krankheit wird ziemlich außer Acht gelassen und in Thermostassen und billige Kleidung verwandelt.

Wie wurde dieses Meisterwerk zu einem überall präsenten Phänomen?

Heisenberg ist im Mainstream angekommen und passenderweise hat er auch dort die Zügel in der Hand. IT-Manager tragen Bryan Cranstons strenge Visage auf der Brust und selbst deine Tante besitzt einen Breaking Bad-Schlüsselanhänger, zum Beispiel das Auge des allseits bekannten pinken Teddys. Es gibt Kaffeetassen, die wie für Studenten gemacht sind, und das Duo Walt und Jesse kommt in allen möglichen Formen, Farben und Größen daher—was die Intention der Serie total verwässert.

Genau da liegt vielleicht das Problem. Anders als bei der Meth-Herstellung in Vince Gilligans verdorbenem Albuquerque, scheint es für die Unterscheidung zwischen unnötigem Scheiß und geschmackvollen Fanartikeln keine Filterungsprozesse oder wissenschaftlich effiziente Gleichungen zu geben. Das führt dann Geldbeuteln mit dem „Vamonos Pest“-Schriftzug und T-Shirts, die unerklärlicherweise eine Parodie auf das Heineken-Logo darstellen (Heineken wurde dabei mit Heisenberg ersetzt). Hier existieren Shirts mit der Aufschrift „Keep Calm and Rave On“ direkt neben Westen, auf denen „Yeah—Science, Bitch!“ steht.

Breaking Bad findet die Balance zwischen trivialem Kommerz und qualitativ hochwertiger Ausführung—dieses Phänomen bedeutet, dass die Serie sowohl eine profitable Goldmine als auch ein kulturellen Meilenstein darstellt. Im Vergleich zu anderen TV-Serien des letzten Jahrzehnts (wie The Wire, The Sopranos und Mad Men) hat man bei Breaking Bad immer dieses Gefühl, dass aufwändige Szenen und fiese Bösewichte wichtiger sind als nachdenkliche In­tel­lek­tu­a­li­tät oder eingehender Sozialrealismus. Deswegen ist es jetzt nicht zwangsläufig überraschend, dass wir keiner Flut von Don Draper-Puppen oder Tony Soprano-Sitzsäcken ausgesetzt sind oder waren.

Heisenberg und Jesse sind mit ihren albernen Hüten und Sprüchen geradezu prädestiniert, in Faschingskostüme oder Fanposter verwandelt zu werden.

Das Risiko dieser derzeitigen Vermarktungsstrategie, bei der der Großteil der kitschigen Erzeugnisse als „100 Prozent offiziell“ bezeichnet wird, besteht jedoch darin, dass Breaking Bad als wichtige TV-Serie in Vergessenheit gerät und immer mehr als Party-Motto angesehen wird. Inzwischen kannst du ganz offiziell den gelben Chemikalienschutzanzug, die Gasmaske, die Handschuhe und den Kinnbart von Walter White kaufen. Ja, selbst den Kinnbart—du brauchst keinen Filzstift mehr, um wie Heisenberg auszusehen. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die Breaking Bad-Actionfiguren auf den Wühltischen der Billigmärkte zu finden sind.

Breaking Bad ist zwar eine respektierte Größe der modernen Fernsehlandschaft, aber wie die Serie jetzt weltweit wahrgenommen wird, vermittelt den Eindruck, dass sie ihr künstlerisches Vermächtnis für möglichst große Popularität geopfert hat.Wir werden daran erinnert, dass es die Serie immer noch gibt, sie aber nicht unbedingt angeschaut werden muss. Das könnte dazu führen, dass Breaking Bad-Merchandise zu einer Art Ersatz für die eigentliche Serie wird—Kapuzenpullover, Stoffbeutel und Süßigkeiten sind dann wichtiger als Metaphern, Charakter und Ausrichtung.

Ein ähnliches Schicksal ist auch Scarface widerfahren, Brian DePalmas schimpfwortreichem Ausflug in Miamis gefährliche Drogenwelt. Der Film wird wahrscheinlich genau in diesem Moment irgendwo im Fernsehen gezeigt. Die Existenz von schäbigem offiziellen und nicht offiziellen Merchandise (in der Form von schlecht sitzenden Shirts und schön eingerahmten, aber dennoch beschissenen holografischen Fotos) machte Scarface zu einem Film, bei dem man an Teenager-Schlafzimmer denkt, bevor man ihn überhaupt gesehen hat.

Der Satz „Sag Hallo zu meinem kleinen Freund“ sagt selbst Leuten etwas, die die Stimme Al Pacinos noch nie gehört haben. Dir ist auch der Anzug und das Hemd von Tony Montana bekannt und man erkennt sofort, wen die Leute darstellen wollen, wenn sie diese Klamotten tragen.

Als Vince Gilligan meinte, dass er Walter White von Mr. Chips zu Scarface machen wolle, hatte er sicher nicht so etwas im Sinn. Natürlich stellt die Erweiterung des Kults um Heisenberg außerhalb der TV-Serie der Figur einen Platz in unserem kulturellen Bewusstsein sicher. Aber die Verniedlichung der Charaktere und die oberflächliche Interpretation von Breaking Bad, gefährden die langfristige Glaubwürdigkeit.

Die einzigen Sachen, die Heisenberg und Tony Montana gemeinsam haben sollten, sind Munition, Blut und Rauschmittel—und nicht, wie oft ihr Gesicht einen Bierbauch ziert. 

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