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Popkultur

Warum ist Trash-TV so verdammt langweilig geworden?

„Schwiegertochter gesucht“, „Catch The Millionaire“, „Adam sucht Eva“—auch halbsteife Penisse zur Prime-Time ändern nichts daran, dass Unterschichten-Fernsehen früher irgendwie geiler war.

von Lisa Ludwig
05 September 2014, 2:01pm

Screenshot: Youtube

„Bald startet Catch The Millionaire! Freust du dich schon?”, fragte mich ein Arbeitskollege vor ein paar Tagen. Ich fühlte nichts. „Ich dachte, du sitzt schon auf glühenden Kohlen…“, sagte er und traf mich damit bis ins Mark. Vor einigen Jahren noch hätte ich bereits vor Wochen damit angefangen, auf diese vielversprechende Perle der modernen Fernsehunterhaltung hinzufiebern. Bauer sucht Frau, Schwer verliebt, Die Supernanny, Erwachsen auf Probe, Frauentausch, Der Bachelor—ich habe alles gesehen und jede einzelne Sekunde davon genossen. Bei der neuesten Folge Schwiegertochter gesucht haben aber selbst Beates stark behaarte Beine keine Schauder der Begeisterung mehr über meinen Rücken gejagt. Was ist passiert? Fällt den Machern des Unterschichtenfernsehens einfach nichts mehr ein oder hat mich jahrelanger Trash-TV-Konsum innerlich tot gemacht?

Weil es zur deutschen Ausgabe von Adam sucht Eva leider keine einbettbaren Videos gibt, musste ich mich zur Veranschaulichung bei den Niederländern bedienen. Außerdem haben die größere Penisse.

Es ist ja nicht so, dass deutsche Privatsender es nicht versuchen würden. Vor kurzem steckte die Bachelorette noch allem die Zunge in den Hals, was einen Puls hat, und Sat.1 versammelte in Promi Big Brother die unbekanntesten Berühmtheiten Deutschlands. Mit Adam sucht Eva fährt RTL gleich ganz große Geschütze auf und lässt zwei nackte Kandidaten mit jeder Menge Alkohol und Kameras auf einer paradiesischen Insel zurück. Die einzige effektivere Möglichkeit, komplett Fremde innerhalb kürzester Zeit zu intimem Kontakt zu bringen, wäre die Anreicherung des Meerwassers mit MDMA. Ungelenke Dialoge jenseits aller Fremdscham-Grenzen, dieser kurze Moment der Dramatik, wenn ein weiterer Kandidat überraschend ins Spiel gebracht wird—nichts von alledem berührt mich mehr. Irgendwie wirkt die Situation zu gezwungen, zu kalkuliert unangenehm. Was will ich mit halbsteifen Penissen zur Prime-Time, wenn mir Schwer verliebt bereits vor Jahren den erotischen Höhepunkt meines Lebens als Fernseh-Junkie beschert hat?

Germany’s Next Topmodel interessiert seit gefühlt 2008 niemanden mehr, Der Bachelor war zuletzt mit Paul Janke wirklich legendär und bei Frauentausch sind tendenziell nur die ersten fünf Minuten interessant, in denen noch nicht zweifelsfrei geklärt wurde, wer dieses Mal die Asi-Familie ist. Seit jeher komplett an mir vorbei gegangen sind sämtliche Scripted-Reality-Formate a la Verdachtsfälle (bis auf Pures Leben, das war fantastisch). Selbst ein Trash-Liebhaber wie ich hat einen gewissen Anspruch. Gibt es wirklich keine beschissenen Formate mehr, die mein Herz auch nur ansatzweise so zu berühren vermögen, wie einst die Celine Dion der Unterschichten-Unterhaltung—Beate?

Die Veränderung in mir kam schleichend. Erst verpasste ich einzelne Folgen von Bauer sucht Frau, weil ich einfach vergessen hatte, wann es läuft. Dann schaltete ich immer öfter bei den nächtlichen RTL2-Sexdokus weg und schließlich schaffte es nicht einmal mehr eine der letzten Bastionen der schlechten Unterhaltung, Traumfrau gesucht, mich dauerhaft an den Fernseher zu fesseln. Stattdessen erwischte ich mich immer öfter dabei, Philosophie auf Arte zu gucken. Trauriges Highlight dabei: Eine knapp einstündige Diskussion über eine weiße Leinwand. Was zur Hölle ist passiert? Bin ich etwa zu alt für Walthers Surprise geworden?

Tief seufze ich, während ich mit meinen im Geiste schon arthritischen Fingern den Kaffeebecher umklammere. Mein Leben rast vor meinem inneren Auge vorbei. Ich sehe Impressionen aus meiner Kindheit, Bilder meines ersten Haustieres, mein schlechtes Abiturzeugnis … Beates Gesicht. Alt werden ist hart, das Leben ist hart und mein zunehmend erwachsen werdendes Selbst versucht mir jetzt auch noch meine letzten Freuden zu nehmen. Nein, sage ich zu mir selbst, nachdem ich La Haine im Original mit Untertiteln geguckt habe, es reicht. Ein letztes Mal werde ich mich noch gegen meine popkultures Altern aufbäumen. Doch wenn das kommende TV-Format von Roland Schill und Prinzessin gesucht mit Kay One es nicht schaffen, das alte Feuer in mir zu entflammen, dann schafft es niemand.

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