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„Kuschelpartys“ sind selbst auf MDMA nur schwer zu ertragen

Das Experiment war denkbar einfach: zwei Mädchen, Berlins größte Kuschelparty und ein Gramm MDMA. Hier das Logbuch unserer Erfahrung.
1.8.14

Während sich unsere geschätzten Kollegen in Krisengebieten herumtreiben, haben auch wir von VICE Alps uns investigativen Journalismus auf die Fahnen geschrieben. Berichterstattung, die Grenzen überschreitet und auch dahin geht, wo es weh tut. Dementsprechend haben wir uns—ganz ohne Sicherheitsweste und festes Schuhwerk—zu Berlins größter Kuschelparty begeben.

Hier sollen sich wildfremde Menschen ganze drei Stunden am Stück gegenseitig in die Arme fallen und körperliche Nähe abseits von Geschlechtsverkehr oder Partnerschaft erfahren. Deswegen wurden schon auf der Website der Veranstaltung klare Regeln definiert: Erogene Zonen zu berühren ist tabu, jeder hat jederzeit das Recht, „Nein" zu sagen, und alkoholisierte Menschen dürfen an der Sitzung nicht teilnehmen.

Von Drogen war allerdings keine Rede. Deswegen haben wir eine Art soziales Experiment versucht und beschlossen, dass eine von uns beiden MDMA nehmen wird. Für den Vibe. Als Menschen in den Zwanzigern sind wir schließlich Teil der Generation, die Intimität nur aus Internetpornos kennt, von daher kann ein bisschen chemische Offenheit sicherlich nicht schaden. Auch wenn die Ereignisse im Nachhinein ein bisschen verschwimmen, haben wir doch versucht, den Abend möglichst chronologisch wiederzugeben. Hier also unser Logbuch zum Kuschelmassaker.

20:00 UHR

Charlotte: Es ist unglaublich heiß draußen. Wir laufen über einen dunklen Fabrik-Hinterhof in Neukölln. Aus einem der Fenster dringt leise Entspannungsmusik. Ich habe Angst. Mit wackeligen Knien gehe ich die Treppen hoch. Obwohl ich weiß, dass uns am Ende der düsteren Korridore kein finsterer Separatistenführer mit Kalaschnikow im Anschlag erwartet, sondern lediglich ein paar einsame Leute auf der Suche nach menschlicher Nähe, schlägt mir das Herz bis zum Hals. Da ich Ecstasy leider nicht vertrage, bin ich vollkommen nüchtern, und dass ich außerdem nur drei Stunden geschlafen habe und schlimm verkatert bin, macht die Sache auch nicht gerade angenehmer. Am liebsten würde ich auf der Stelle abhauen.

Ilona: Mit einer halben Flasche Sekt und gefühlten 50 Zigaretten intus schaffe ich es nur mäßig elegant und souverän in den zweiten Stock. Wir müssen unsere Schuhe ausziehen und ich trage hässliche Socken. Super. Ich bin es mit dem MDMA erst einmal langsam angegangen. Mein kalter Angstschweiß sagt mir, dass das ein großer Fehler war.

Charlotte: Als wir uns ein Namensschild mit Herzchen auf die Brust geklebt und unseren Eintritt bezahlt haben, betreten wir auf Socken einen Raum voller Kissen und Matratzen, in dem sich trotz Samstagabend und schönstem Sommerwetter über dreißig kuschelwillige Menschen eingefunden haben. Die meisten von ihnen sind jenseits der 40. Nicht alle sind unattraktiv, aber das dringende Bedürfnis, mich mit einem von ihnen auf den Matratzen zu wälzen, überkommt mich auch nicht gerade.

Ilona: Wir kommen zu spät. Alle sitzen schon in einer großen Runde und blicken uns etwas ungnädig an. Eine Art kreuzförmig zusammengeknoteter Kissenbezug wird herumgereicht. Jeder, der ihn in der Hand hält, muss erzählen, warum er da ist. Ich versuche mir einzureden, dass ich nichts anderes bin als Günther Wallraff auf Drogen. Die Bevölkerung hat es VERDIENT, hinter die Kulissen okkulter Kuschelrituale blicken zu können. Mein Herz rast und ich nuschle irgendetwas davon, dass ich sehr gespannt bin, wie das hier läuft. Viele scheinen zum ersten Mal da zu sein und alle sind aufgeregt. Na immerhin.

Charlotte: Nachdem die Kuscheltrainerin die Regeln erklärt hat, stellt sie sich ans DJ-Pult. Zu den Klängen von „Oh Happy Day" fangen die Leute an, sich an den Händen haltend durch den Raum zu tanzen. Verdammt, ich dachte ich könnte mich hinlegen. Ich nehme Reißaus vor einem glatzköpfigen Typen mit Schwangerschaftsbauch, der mir seine Hand anbietet, fasse stattdessen zwei harmlos aussehende Muttis an der Hand und hopse mit ihnen zu „Du bist mein Stern" durch die Gegend.

Ilona: Die Kissen werden weggeräumt, wir brauchen Platz zum Tanzen (es macht mich traurig, dass dieser Satz wie eine Textzeile aus irgendeinem overhypten Deichkind-Song klingt). Ein komplett in Türkis gekleideter Mittfünfziger mit deutlich zu kurzem Shirt wiegt sich alleine in der Mitte des Raums und geht komplett im Rhythmus auf. Ich habe noch zu viel Selbstachtung dafür und überlege, ob ich vielleicht kurz auf die Toilette verschwinden und meinen Chemie-Haushalt aufstocken sollte.

Charlotte: Ich muss an unseren Kollegen Henri denken, der lieber sterben wollte, als hier her zukommen. Und an einen anderen Kollegen, der in ähnlich unangenehmen Momenten immer davon träumt, sich mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Wenigstens sieht mich hier keiner, aber die Hopserei halte ich nicht mehr lange durch. Ilona tanzt an mir vorbei. Sie sieht aus als hätte sie tatsächlich irgendwie Spaß an der Sache. Ich starre neidisch auf ihre riesigen schwarzen Pupillen.

Ilona: Ich trete peinlich berührt auf der Stelle und beobachte die lockeren, gelösten Personen um mich herum. Charlotte wirft mir einen panischen Blick zu, doch ich kann ihn nicht erwidern. Die Leute dürfen nicht misstrauisch werden.

Charlotte: Eine der Teilnehmerinnen, die aussieht, als würde sie sich aus Überzeugung ausschließlich mit Kernseife waschen, kommt auf mich zu. Allerdings nicht, um mich in die Arme zu schließen, sondern um mir nicht gerade freundlich mitzuteilen, dass sie denkt, dass ich „von der Presse" komme. Wie kommt sie darauf? Sehe ich so verloren aus hier? Oder wittern es die Kuschler mit ihren sensiblen Antennen sofort, wenn sich jemand in ihre Mitte drängeln will, der normalerweise kein Geld dafür ausgibt, um angegrapscht zu werden?

Ilona: Paranoia flutet mein Gehirn. Oh Gott, sie wissen es. Wir sind zu jung und zu emotional gestört, um das Ganze hier ernst zu meinen, jede unserer klemmigen Bewegungen macht es nur noch deutlicher. Mir drängt sich der Gedanke auf, dass nicht die Kuschelwütigen die Leute sind, die ein Problem haben. Ich bin es.

20:30 Uhr

Charlotte: Bei der ersten Übung müssen wir uns mit dem Rücken an den Rücken eines Partners unserer Wahl lehnen und uns gegenseitig stabilisieren. Mir ist schwindelig und übel von der Hopserei. Mein Partner trägt statt eines T-Shirts nur sein üppiges Brusthaar, aber zumindest keinen Schwangerschaftsbauch vor sich her. Er beugt sich nach vorn und ich falle nach hinten. Ich glaube, ich habe mir das Rückgrat gebrochen. Beim nächsten Nachhintenlehnen fällt mein Blick auf die Uhr an der Wand. Es ist 20.30 Uhr. Noch zweieinhalb Stunden. Noch zweieinhalb gottverdammte Stunden.

Ilona: Während ich Rücken an Rücken mit einer Frau stehe, deren Hüften bestätig an meinem Steiß herumkreisen, glaube ich für einen Moment wirklich, dass Berührung nichts mit Sex zu tun haben muss. Dann blicke ich konsterniert nach vorne: Hat der Typ mir gegenüber gerade allen Ernstes eine Erektion?

Charlotte: Als nächstes sollen wir die Augen schließen und uns mit ausgestreckten Armen wie Schlafwandler—oder Zombies—auf die anderen zubewegen. Ich fasse ein paar Leute an. Irgendwelche Körperteile. Mit Glück erwische ich keine der verbotenen erogenen Zonen. Ich spüre die Hände von mindestens drei verschiedenen Menschen auf dem Rücken. Macht mich das gerade an? Gut, dass ich nichts sehe.

21:00 Uhr

Ilona: Ich lege eine Pause auf der Toilette ein und tunke meinen Finger in das MDMA-Tütchen. Als ich mir die Hände wasche, haucht mir eine Frau zu, dass sie mich vorhin „gefühlt" hat. Ich verkenne zwar die Creepyness der Situation, sehe mich aber auch nicht dazu in der Lage, irgendeine Art von Wärme oder Freundlichkeit aufzunehmen. Stattdessen verbinde ich mir mechanisch die Augen, lege mich auf eine der Matratzen und lasse mich innerlich tot von zwei wildfremden Menschen betatschen. Ich glaube, dass es Frauen sind. Frauen, die nicht wissen, wie man Personen so berührt, dass es angenehm oder entspannend ist. Fühlt es sich für Männer so an, wenn sie einen motivierten aber schlechten Handjob kriegen? Hat es etwa doch einen Vorteil, Teil einer übersexualisierten Generation zu sein, die mit wahrer Intimität nichts mehr anfangen kann und ihre Sexualbildung von Pornhub bezieht? Gott, macht mich das traurig. Wo ich angefasst werden will, fragt mich eine gesichtslose Stimme. Es ist mir egal.

Charlotte: Ilona sitzt mit verbundenen Augen auf einer Matratze. Es sieht aus wie auf einer Bondage-Party. Eine blonde Frau streicht ihr über den Bauch und sieht dabei sehr angestrengt aus. Danach verbinde ich mir die Augen und lege mich auf eine der Matratzen.

Ilona: Die Augenbinde kommt ab. Jetzt bin ich zusammen mit einer anderen Frau an der Reihe, jemanden zu „verwöhnen". Durch den MDMA-Nebel in meinem Kopf, der mehr Agonie als Ekstase auslöst, dringt mein ausgeprägtes Wettbewerbsempfinden. Ich bin jung, ich bin ansatzweise sexuell attraktiv und ich werde diese wildfremde Person besser streicheln, als sie jemals zuvor gestreichelt wurde. „Es war perfekt", höre ich die Dame nach mehreren Minuten seufzen. Der Typ, dessen nackten Rücken ich anschließend knete, tätschelt vor lauter Dankbarkeit meinen Kopf.

Charlotte: Ich würde gerne schlafen, aber das ist dank der Massage, die mir meine Kuschelpartner verpassen, leider unmöglich. Es sind zwei Männer. Weil sie kurz miteinander reden, weiß ich, dass einer von ihnen der Typ ist, bei dem ich mir eben fast das Rückgrat gebrochen habe. Seine Massage fühlt sich ungefähr so angenehm an, als würde ein Elefant über meine Beine und meinen Rücken trampeln. Ich versuche krampfhaft an etwas Schönes zu denken.

Ilona: Charlotte liegt mit verbunden Augen rechts von mir und sieht sehr entspannt aus. Vielleicht auch, weil sie nicht weiß, dass ihr Kopf im Schritt eines halbnackten Typen thront, der ihr engagiert die Kopfhaut massiert. Ich bin mittlerweile an einem Punkt, an dem ich nichts mehr hinterfrage. Doch wo bleibt all die künstliche Liebe und das Wohlbefinden? Warum MERKE ich nichts von all dem Zeug in meinem Blutkreislauf?

21:30 Uhr

Charlotte: Die nächste Runde setze ich aus und beobachte das Treiben auf den Matratzen aus dem sicheren Umfeld der Pausenecke. Vor mir liegt der Mann mit dem Schwangerschaftsbauch und streichelt immer wieder haarscharf an den herabhängenden Brüsten seiner Partnerin vorbei. Ein anderer knetet demotiviert ein paar nackte Füße. Sie machen den Eindruck, als wären sie alle unglaublich angespannt, aber vielleicht liegt das auch nur an mir. Der Atmosphäre fehlt die Unschuld eines betrunkenen Abends, bei dem sich die Dinge einfach ergeben. Aber natürlich ist das auch kein Wunder, denn alle sind nüchtern und nur aus einem bestimmten Zweck hier. Sie haben 17 Euro fürs Kuscheln bezahlt, also wird gekuschelt—egal mit wem.

Ilona: Meine Mundwinkel zucken. Es muss offensichtlich sein, dass ich drauf bin. Ich habe jegliches Gefühl für Raum und Zeit verloren. Kurz rast mir ein Gedanke durch den Kopf, der sowohl absolut fehlplatziert als auch überaus entlarvend ist: Ich würde jetzt wirklich gerne Sex haben. Mit irgendwas unter 40. Oder Roger Sterling.

22:00 Uhr

Charlotte: Es an der Zeit für den endgültigen Höhepunkt des Abends: das Gruppenkuscheln. Unsere Kuschel-Trainerin ermuntert uns, auf allen Vieren auf das Lager aus zusammengeschobenen Matratzen zu kriechen und es uns gemütlich zu machen. Ich kann nicht mehr, aber weiß, dass ich durchhalten muss. Die Leute finden sich zusammen und verhaken ungehemmt ihre Gliedmaßen ineinander. Mit mir will niemand kuscheln. Auch gut. Ich sehe Ilona ebenfalls alleine am Rand der Kuschelwiese sitzen. Wir sind Ausgestoßene.

Ilona: Ich werfe Charlotte einen kurzen Blick über die Masse an Menschen zu, die ineinander verschlungen auf einem Matratzenhaufen liegen. Vor diesem Moment hatte ich schon im Vorfeld richtig Angst. Ein bisschen fühlt man sich wie die Person, die im Sportunterricht immer als letztes ins Team gewählt wurde. Ich glaube, die Leute mögen mich nicht. Ihre Ablehnung ist fast körperlich spürbar für mich und … ich steigere mich offensichtlich in die Situation hinein. Ein Mann um die 60 winkt mir vertraulich zu. Er, eine blonde Frau und jemand mit grauer Gelfrisur rücken zur Seite. Ich lege mich mit unbewegter Miene dazu und berühre teilnahmslos Arme und Haare.

Charlotte: Schließlich fragt mich eine dicke Frau mit lieben Lächeln, die im Schneidersitz dasitzt wie ein weiblicher Buddha, ob ich mich in ihren Schoß legen möchte. Ich lehne mich zurück. Sie ist genauso weich wie sie aussieht und mein Kopf versinkt langsam zwischen ihren riesigen Brüsten. Vor mir liegt ein bebrillter Mittvierziger auf einer braungebrannten Blondine und schiebt ihr das T-Shirt hoch. Haben die bei den Regeln nicht aufgepasst? Keine erogenen Zonen! Die beiden reiben ekstatisch ihre Gesichter aneinander. Irgendjemand stöhnt. Ilona kichert. Währenddessen macht es sich ein Grauhaariger auf meinen Beinen bequem, nachdem er mir einen irritierten Blick zugeworfen hat. Ich wäre jetzt sehr gern allein.

Ilona: Immer wieder ermuntert uns die Kuschelabend-Leiterin, unsere Position zu wechseln und auch mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Ich bleibe liegen. Meine Arme sind schwer, meine Augen fest geschlossen und es macht mir nicht einmal mehr etwas aus, dass sich eine fremde Hand auf meinem Arsch befindet. Zum ersten Mal seit drei Stunden verspüre ich so etwas wie Entspannung. Der Typ mit der Gelfrisur fährt mit seinem Finger immer wieder meine Gesichtszüge nach, während ich geistesabwesend seinen Kopf streichle. Wenn absichtslose Berührungen daraus bestehen, dass weder man selbst etwas empfindet, noch möchte, dass der andere es tut, bin ich jetzt endlich dort angekommen, wo mich die Kursleiterin von Beginn an haben wollte. Leute um mich herum stöhnen, seufzen und reiben sich aneinander. Ich kneife die Augen noch ein bisschen fester zusammen.

23:10 Uhr

Charlotte: Wir hauen ab, bevor nach über drei Stunden alles mit dem großen Kuschelkreis im Stehen seinen Abschluss findet. Mein Gott, eigentlich fasse ich doch gerne Menschen an, aber jetzt will ich nie wieder kuscheln. Nie wieder. Ich gehe zu Fuß nach Hause und bin so kaputt, als wäre ich eine Woche lang in zu engen Militärstiefeln durch die Ostukraine gelaufen. Dafür habe ich mich noch niemals in meinem Leben so sehr darüber gefreut, alleine ins Bett zu gehen.

07:00 Uhr

Ilona: Sieben Uhr morgens. Ich sitze mit weit aufgerissenen Augen an der Spree und komme langsam runter. Die Entspannung, die so viele der Teilnehmer im finalen Abschlussgespräch beschrieben haben und die sich bei mir eher in einer Art inneren Lähmung manifestierte, ist wie weggeblasen. Ich fühle mich dreckig und unwohl, dabei waren die Leute wirklich nett. Vielleicht zu nett. Und es gab Kekse! Das ist doch was, oder? Psychisch gebrochen denke ich darüber nach, wann ich wieder in der Lage sein werde, Sex zu haben. Wahrscheinlich nie.