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Jeden Tag 4/20

Warum die niederländische Marihuana-Industrie in den Untergrund abwandert

Doede de Jong ist der letzte bekannte Cannabiszüchter in den Niederlanden, der sich zu seinem Geschäft bekennt.
7.5.14

Die Niederlande, einstiger Spitzenreiter in Sachen Legalisierung von Marihuana, hat neue Konkurrenten. Seitdem Colorado und Uruguay ins Rampenlicht gerückt sind, versucht sich die niederländische Regierung an einer repressiven Cannabis-Politik.

In mehreren Städten in den Niederlanden können nur Einheimischen Cannabis kaufen. Ausländern und Touristen ist es verboten, Weed zu erwerben. Darüber hinaus hat der Amsterdamer Bürgermeister nun die Genehmigung bekommen, Coffee Shops im Rotlichtbezirk der Stadt zu schließen.

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Obwohl Marihuana noch illegal ist, ist es unwahrscheinlich, dass die niederländischen Behörden jemanden für den Besitz kleiner Mengen strafrechtlich verfolgen. Abgesehen davon, dass Dutzende Coffee-Shops geschlossen werden, sieht es nicht so aus, als ob das Grasrauchen in den nächsten Jahren komplett verboten wird. Nichtsdestotrotz ist der Produktions- und Distributionsprozess nach wie vor illegal und steht unter stärkerer Beobachtung als je zuvor.

Nachdem der Konsum von Marihuana 1970 erlaubt wurde, hat sich der Staat 20 Jahre lang nicht besonders darum gekümmert, die Produktion gesetzlich zu regeln. Seit 2001 gewinnen allerdings weniger tolerante Stimmen an Einfluss.

Es gibt kein besseres Aushängeschild für den neuen Kurs als den Cannabisbauern Doede de Jong. Er ist der letzte bekannte Cannabiszüchter in den Niederlanden, der sich zu seinem Geschäft bekennt. Doede ist als Bürgerrechtsaktivist für holländische Cannabisraucher und -züchter in die Öffentlichkeit getreten.

Ende letzten Monats wurden ihm eine Geldstrafe von einer Viertel Million Euro und zwei Monate auf Bewährung verhängt. Außerdem muss er 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Ungewöhnlich ist jedoch nicht das Strafmaß, sondern vielmehr die Entscheidung der holländischen Justiz, am bekanntesten Cannabiszüchter des Landes ein Exempel zu statuieren. Wenn Doede aufhört, Gras zu züchten, ist es dem Justizministerium gelungen, die Herstellung von Cannabis komplett in den Untergrund zu verdrängen.

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VICE stand in regelmäßigem Austausch mit dem leise sprechenden Züchter und traf ihn nach seiner Verurteilung zu einem Interview.

VICE: Wie geht es dir?
Doede de Jong: Ich bin müde. Ich bin fast 64 und ich wünschte, ich könnte mich einfach hinsetzen, mich entspannen und all die schönen Dinge um mich herum genießen. Versteh mich nicht falsch—ich mache das nach wie vor. Ich liebe die Natur, Vögel, Schmetterlinge, Bienen. Aber ich bin so enttäuscht.

Wie hast du dir den Ausgang des Prozesses vorgestellt?
Keine Ahnung, es hätte so oder so ausgehen können. Ehrlich gesagt habe ich gedacht, dass ich schuldig gesprochen werde, aber ohne Konsequenzen. So wie es Züchtern in der Vergangenheit ergangen ist. Höchstens eine kleine Geldstrafe—nicht eine Viertel Million Euro. Glauben die wirklich, dass ich mit dem Grasanbau so viel Geld verdiene? Versteh mich nicht falsch, ich leiste harte Arbeit bei der Cannabiszucht und finde es nur gerecht, dass man für harte Arbeit entlohnt wird. Aber eine Viertel Million Euro ist einfach nur lächerlich. Im Prozess hatte ich das Gefühl, dass der Richter mich mochte. Die Staatsanwältin habe ich verabscheut und sie mich wahrscheinlich auch. Sie hat die Sache extrem übertrieben. Deshalb dachte ich, dass man mich aufgrund der Anhäufung von Beweisen freisprechen würde.

Was meinst du damit?  
Die Staatsanwältin hat behauptet, man hätte über 5.000 Pflanzen bei mir gefunden. Fünftausend! Bei dieser Zahl muss ich immer noch lachen. Die Staatsanwältin meint, ich hätte mindestens 213 Kilo Cannabis hergestellt. Ich wäre froh, wenn meine Ernte drei Kilo betragen hätte! Aber [ihre Zahl] macht keinen Sinn. Das nennt man Täuschung des Gerichts.

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Warum haben sie es dich deiner Meinung nach auf dich abgesehen?
Es geht nicht mehr um Cannabis, soviel steht fest. Es geht nur darum, einen  aufrührerischen Bürger unter Kontrolle zu bekommen. Mit meiner Verurteilung arbeitet die Regierung jedoch Kriminellen zu.

Inwiefern?  
Durch die immer weiter ansteigende Repression durch die holländische Regierung wächst die Anzahl der kriminellen Grashersteller in den Niederlanden immer weiter an. Vor ein paar Wochen habe ich in einer Regionalzeitung einen Artikel über eine Besitzerin eines Coffee Shops gelesen. Sie sagte, dass es derzeit fast unmöglich ist, an gutes Gras zu kommen. Früher habe sie ihr Weed von kleinen Herstellern aus der Region bekommen, von Leuten wie mir, die lieben, was sie tun. Jetzt kommt sie nur an kleine Mengen von Cannabis, die von schlechter Qualität sind. Sie bekommt zum Beispiel Gras, das in flüssigem Blei getränkt ist. Dadurch machen Hersteller 30 Kilo Gras zu 50 Kilo. Oder sie besprühen die Pflanzen mit Haarspray. Es ist einfach nur krank, was diese Kriminellen mit ihrem Gras machen. Wenn die Regierung weiterhin Züchter von Bio-Cannabis wie mich verfolgen, bleibt den Coffee Shops nichts mehr übrig als mit diesen Kriminellen zusammenzuarbeiten.

Gibt es noch mehr Bio-Züchter wie dich?
Ich kenne ehrlich gesagt keine.

Kennst du überhaupt andere Hersteller?
Wenn ich es mir genau überlege, nicht wirklich. Heutzutage halten alle den Mund. Niemand traut sich mehr, den Mund aufzumachen.

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Willst du damit sagen, dass sich niemand mehr traut, Weed anzubauen?
Genau. Letztes Jahr haben ein paar Leute in meinem Dorf ein paar kleine Pflanzen angebaut. Es war total harmlos. Sie wurden mitsamt ihren drei Kindern aus dem Haus geworfen. Es war absurd.

Es bleiben also nur noch kriminelle Grasanbauer?
Ja. Ich habe diese Geschichte im Radio gehört—es sind zwei Typen verhaftet worden, die diesen jungen Mann dazu gezwungen haben, für sie zu arbeiten und sich um ihr Weed zu kümmern. Sie haben ihn regelmäßig geschlagen und mehr als zwei Jahre lang gefoltert. Sie haben seine Vorhaut an ein Stück Holz getackert. Solche Typen dominieren jetzt das Geschäft. Es passiert öfters, sie zwingen einen illegalen Einwanderer, für sie zu arbeiten und der arme Kerl kann nirgendwo hingehen. Wenn die Sache auffliegt, ist der Immigrant der Gearschte. Entweder sind die Kriminellen unauffindbar oder sie behaupten, das Haus vermietet zu haben und kommen davon.

Wenn du an die die Lage vor 30 oder 40 Jahren zurückdenkst—kanntest du damals mehr Grasanbauer?
Ja, viel mehr. In den 80ern waren die Dinge völlig anders. Damals haben so viele Leute Cannabis angebaut. Einige hatten 50 Pflanzen, einige 60. Es hat Spaß gemacht, mehr nicht. Es war ein Hippie-Ding. Die Ernte fand immer im Herbst statt und wir haben eine große Party geschmissen, mit Feuer und Musik. Die Leute haben getanzt, getrunken und geraucht. In den 90ern stieg der häusliche Anbau an und die Welt der Grasherstellung wurde von Kriminellen geentert. Auf einmal ging es nur noch darum, Geld zu verdienen.

Wann und warum genau kam es deiner Meinung nach zu dieser Veränderung?
Das muss um ‘94 oder ’95 gewesen sein. Damals verstärkte die holländische Justizministerin die Repression, weil der französische Präsident die Niederlande als „Drogenstaat“ beschimpft hatte. Ihr ist es zu verdanken, dass niemand mehr Marihuanapflanzen haben durfte. Und statt 35 Gramm Weed oder Haschisch durfte man nur noch 5 Gramm mit sich führen. Demgegenüber waren 1992 das Justizministerium, die holländische Polizei und ein paar Großindustrielle für die Legalisierung. Die Stimmung war in diesen Tagen sicherlich milder.

Wie kam es deiner Meinung nach zu diesem Umschwung in der öffentlichen Wahrnehmung?
Ich denke, es liegt vor allem an christlichen Parteien. Sie lehnen weiche Drogen aus moralischen Gründen ab. Sie fordern Respekt gegenüber ihrem hypothetischen Nonsens, respektieren selbst aber keine andere Lebensweise als die eigene. Ich glaube, sie sehen Cannabis als Konkurrenz zu Gott. Ich bin kein religiöser Mensch, aber ist Cannabis nicht die Schöpfung ihres Gottes? Sie versuchen, seine Schöpfung zu korrigieren. Wenn du mich fragst, ist das ziemlich anmaßend.

Was ist in Zukunft zu erwarten?
Als erstes werde ich Berufung gegen das Urteil einlegen. Ich habe gehofft, dass ich durch meinen Gang an die Öffentlichkeit die absurde holländische Gesetzgebung und ihren Umgang mit weichen Drogen durchbrechen zu können. Aber ich schätze, ich bin damit gescheitert.