Wir haben junge Frauen gefragt, warum sie Kopftuch tragen

#myheadmychoice—auf einer Demo in Berlin-Neukölln machten sich Frauen gegen Diskriminierung im Alltag stark. Wir haben mit ihnen gesprochen.

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Juli 22 2015, 11:49am

Alle Fotos: Martin Krüger

Es gibt mehr als nur eine Form der Diskriminierung. Abgesehen von der, die sich mit lautem Gebrüll in offenem Rassismus zeigt, auch die Art von unterschwelliger Fremdenfeindlichkeit, mit der Menschen aufgrund ihrer Religion oder ethnischen Herkunft in ihrem alltäglichen Leben zu kämpfen haben. Diese Form der Diskriminierung betrifft auch viele Frauen, die keinen Job oder keine Wohnung finden—allein aus dem Grund, weil manchen Arbeitgebern und Vermietern die Wahl ihrer Kopfbedeckung nicht passt. Das (muslimische) Kopftuch wird von vielen immer noch als ein Zeichen der Unterdrückung der Frau gesehen, wobei die Kritiker außer Acht lassen, dass sich gerade viele junge Frauen bewusst und aus ganz individuellen Gründen für das Kopftuch entscheiden.

Im Juni hatte der Fall einer jungen Muslima, die sich um eine Stelle beim Bezirksamt in Berlin-Neukölln beworben hatte, wieder mal eine hitzige Debatte über das Tragen des Kopftuches ausgelöst.

Die jüdisch-muslimische Initiative Salaam-Shalom nahm diesen Vorfall zum Anlass, um vor dem Rathaus Neukölln für mehr Gleichberechtigung und gegen institutionelle Diskriminierung zu protestieren. Von den Frauen, die an der Kundgebung teilnahmen, trugen fast alle ein Kopftuch. Wir haben mit einigen von ihnen über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung im Alltag gesprochen und darüber, was das Tragen des Kopftuches für sie persönlich bedeutet.

Was bedeutet das Kopftuch für euch?
Hülya (Mitte): Mein Kopftuch ist meine Identität, ich bin auch damit aufgewachsen und könnte mir ein Leben ohne überhaupt nicht vorstellen.

Habt ihr Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht?
Hülya: Ich persönlich nicht, ich habe nur davon gehört.

Elif (rechts): Ich schon, auch hier am Rathaus Neukölln. Ich bin Erzieherin und habe mich damals um ein Praktikum beworben. Die wollten mich unbedingt haben, weil ich einen Migrationshintergrund habe, aber dann haben sie gesagt, entweder ich nehme das Kopftuch ab oder sie machen keinen Vertrag mit mir. Das war für mich unverständlich, vor allem weil man auf meinem Bewerbungsfoto schon sehen konnte, dass ich ein Kopftuch trage. Bei einer Kita-Stelle wollten sie mich auch nicht, weil sie meinten, ich sei ein schlechtes Vorbild für die Kinder, obwohl die selbst zu 60 Prozent muslimisch waren. Ich war damit sogar in der Zeitung, aber etwas erreicht habe ich nicht.

Was bedeutet das Kopftuch für dich?
Hannah: Im orthodoxen und sephardischen Judentum trägt man das Kopftuch nach der Hochzeit. Ich persönlich mag es einfach gerne, etwas auf dem Kopf zu haben, aber es ist für mich auch ein religiöses Zeichen, auch wenn das in Deutschland niemand so deutet, weil es nicht so deutlich ist wie bei einem muslimisches Kopftuch. Man gewöhnt sich daran und es wird ein Teil davon, wie man sich selber von außen sieht.

Trägst du das Tuch jeden Tag?
Das Tuch gehört zu mir dazu. Ich habe sehr viele Tücher, wenn ich keins tragen würde, wäre das für mich, wie ohne Schminke aus dem Haus zu gehen, oder ohne Tasche oder ohne Handy. Wenn ich zufällig gerade einen warmen Paschminaschal auf habe und es sind dreißig Grad im Schatten, dann nehme ich den auch mal ab, aber grundsätzlich und gerade in öffentlichen Räumen und wenn ich unterrichte, habe ich das Tuch auf.

Seit wann trägst du das Kopftuch?
Hümeyra: Ich trage das Kopftuch, seitdem ich zehn bin. Als Kind war das eher Spaß, man will seine Mutter nachahmen und erwachsen sein. Ich bin in Kreuzberg aufgewachsen, das heißt, ich musste mich nie wirklich damit auseinander setzen, weil mein Umfeld nur aus türkischen und arabischen Leuten bestand, für die das selbstverständlich war. Später auf dem Gymnasium haben mich dann die anderen Kinder danach gefragt. Ich bin auf eine Schule gegangen, auf der es fast keine Ausländer gab und schon gar niemanden mit Kopftuch. Am Anfang war es schon hart, so in Frage gestellt zu werden oder zu merken, dass das, was ich tue, für andere nicht normal ist. Das war schon eine gewisse Art der Ausgrenzung. Aber später war es auch gut, weil ich mir so selbst Fragen gestellt habe und Antworten für mich gesucht habe. Vorher war es nur Nachahmung, aber mit der Zeit ist mir dann klar geworden, warum ich selbst das eigentlich tun wollte.

Wurdest du aufgrund deiner Herkunft in der Schule anders behandelt?
Ich durfte im ersten Jahr nicht beim Sportunterricht mitmachen, weil ich das Kopftuch getragen habe. Das war für mich als Kind richtig hart. Die Lehrerin hat gesagt: Nimm es ab, dann darfst du mitmachen, aber als Zehnjährige wusste ich nicht, was ich machen sollte. Wenn ich es abgenommen hätte, wäre es mir so vorgekommen, als würde ich meine Identität oder meine Familie verraten. Das Kopftuch ist ein Teil von mir, aber andererseits wollte ich mich nicht so alleine fühlen und einfach dazugehören. Meine Mitschüler waren zum Glück ziemlich cool und haben mich unterstützt. Nach einem halben Jahr durfte ich dann mit Kopftuch Sport machen und es ist auch acht Jahre nichts passiert. Natürlich ist es ziemlich warm und man schwitzt, aber das tut man ja im Sommer auch—mit oder ohne Kopftuch.

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Hast du später noch Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht?
Bevor ich mein Studium angefangen habe, war ich mit einer Freundin bei einer Bäckerei hier in Neukölln. Wir haben gefragt, ob wir unsere Bewerbungen abgeben können, und die Frau, die dort gearbeitet hat, meinte, dass die Chefin niemanden mit Kopftuch hinter der Theke haben will. Ich habe das Problem nicht verstanden, gerade hier in Neukölln, wo die meisten Kunden Kopftuch tragen. Auch an der Uni hab ich das erlebt, was ich nie gedacht hätte. Ein Kommilitone hat mich gesehen und gesagt: „Was sucht die denn hier?" Eine Kommilitonin hat mir das erst später erzählt, ich hab das in dem Moment gar nicht mitbekommen, sonst hätte ich ihn das Gleiche gefragt. Warum glaubt er, dass er ein größeres Recht hat, hier sein zu dürfen, als ich? [Die Diskriminierung] ist oft nicht so direkt, es ist so, als würde etwas in der Luft schweben—man kann es nicht anfassen, aber man fühlt es.

Gibt es einen Namen für die Art, wie du dein Kopftuch trägst?
Tutku: Der Stil hat keinen Namen, aber man sieht diese Form des Kopftuches immer häufiger bei jungen Frauen, in Großstädten und auch viel im Internet. Ich denke, das liegt daran, dass jüngere Frauen oft einen individuelleren Stil haben, der dann auch durch die Art, das Kopftuch zu binden, zum Vorschein kommt. Ich selbst war immer modeinteressiert und habe das Tuch von Anfang an so getragen.

Seit wann trägst du das Tuch?
Ich habe damit relativ spät angefangen, mit 23, und habe mich bewusst dazu entschieden. In meiner Familie trägt es niemand, was auch ein Grund sein kann, warum ich es auf diese Weise trage und nicht komplett. Es unterscheidet mich so schon phänotypisch von meinen weiblichen Familienmitgliedern, wenn ich jetzt noch einen Schritt weiter gehen würde, würde es mich noch weiter von ihnen entfernen. Das Umfeld spielt da auch eine Rolle.

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Warum hast du angefangen, das Tuch zu tragen?
Weil ich schon immer religiös war und meinen Glauben praktiziert habe—nur das Tuch habe ich noch nicht getragen. Ich hatte das Gefühl, dass ich noch nicht vollständig bin, dass mir noch etwas fehlt. Ich war mir bewusst, dass es für eine praktizierende Muslima dazugehört. Natürlich gibt es auch praktizierende Muslima ohne Kopftuch, aber für mich persönlich war das ein weiteres wichtiges Element.

Ist das Tuch für dich auch eine Art Fashion Item?
Das werde ich oft gefragt, aber es geht weit darüber hinaus. Ich habe zwar sehr viele Tücher und suche sie auch passend zu meiner Kleidung aus, aber es ist für mich kein Fashion Item, wie zum Beispiel das Cape, das ich trage. Das Cape kann ich ablegen, das Kopftuch nicht. Es hat schon einen stark religiösen Charakter und ich nehme es nicht vor Leuten ab, vor denen ich das nicht darf. Ich würde auch nicht mehr ohne Kopftuch aus dem Haus gehen, das könnte ich mir nicht vorstellen.

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