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Ich habe versucht, mir mit Urin die Zähne aufzuhellen

Ich habe meinen Mund jeden Tag mit Urin gegurgelt und war so gezwungen, mich sehr intensiv mit meinem Harn auseinanderzusetzen. Er ändert seine Farbe, stinkt und verätzt mein Zahnfleisch.

von Reto Wälchli
07 Juli 2015, 4:07am

Foto von Maja Dumat

Wer schön sein will, muss leiden. Ich wollte schön sein. Und ich litt. Wie jeder junge Mensch beschäftigte ich mich eine Weile ausgiebig mit meinem Äußeren, analysierte Justin-Bieber-Frisuren, um dann zum Schluss zu kommen, dass mir nicht die Frisur den letzten Schliff verpasst, sondern ein strahlendes Hollywood-Lächeln.

Aufhellmethoden sind allesamt entweder schweineteuer oder sauaufwändig. Als Student kann ich keinen Monatslohn dafür opfern, um mit super schonenden Babypopo-Methoden ein bisschen Perlweißeffekt verpasst zu kriegen.

Im Internet gibt es nicht nur Bleaching-Streifen zu bestellen, sondern auch Vorschläge für Alternativmethoden. Google lieferte mir die Steinzeitlösung: Pisse. Dass Säure die Zähne angreift, ist ja grundsätzlich nichts Neues. Als Kind durfte ich beispielsweise keinen Orangensaft nach dem Zähneputzen trinken. Meine Mutter bekäme wohl eine kleine Herzattacke, wenn sie von meinem Entschluss Wind bekommen hätte.

Alle Fotos: Reto Wälchli

Tag 1

Ich will mein kleines Experiment in den Ferien durchführen. Nicht weil ich es mag, am italienischen Strand Urin zu gurgeln, sondern weil ich Ferien mit Positivem assoziiere. Und von Positivem werde ich in den nächsten fünf Tagen nicht genug bekommen können. Ich stehe also vor dem Spiegel im Badezimmer meines Hotels und schiele angewidert auf den Becher mit gelblicher Flüssigkeit, dessen Inhalt gleich meine Geschmacksnerven strapazieren wird. Ich mache kurzen Prozess. Meine Pisse schmeckt widerlich, wie abgestandener, saurer Chai-Tee. Brechreiz. Laut Google muss ich den Urin 5 Minuten im Mund aufschäumen. Ich schaffe knappe 90 Sekunden und putze mir dann würgend die Zähne.

Tag 2

Farblich verändert hat sich bisher nur meine Haut, die von der Sonne einen krebsroten Ton angenommen hat. Meine Zähne sehen aus wie bisher. Mir wird speiübel, wenn ich daran denke, gleich wieder den Mund voll zu haben. Aber ich ziehe das durch! Heute schaffe ich es trotz wiederkehrendem Brechreiz, die fünf Minuten durchzustehen. Danach betrachte ich nachdenklich die Reste im Becher. Wie soll man von so gelbem Zeugs weiße Zähne bekommen?

Tag 3

Der Urin hat schon wieder eine andere Farbe. Mein Körper scheidet Tag für Tag eine neue Nuance Gelb aus und ich frage mich, ob ich krank bin oder das normal ist. Ich schnuppere an meinen Ausscheidungen und bemerke einen sehr beißenden Geruch. Säure. Scharfe Abfälle meiner urlaubsbedingten italienischen Diät, gefiltert von meinen Nieren. Fuck my life. Ich haue den Harn nach hinten wie einen Kurzen und erschrecke darüber, dass mein Zahnfleisch sich plötzlich verdammt wund anfühlt. Der ausgespuckte Urin ist blutig.

Tag 4

Heute ist mein Urin klar, fast wässrig. Natürlich meint es mein Körper aber nicht gut mit mir, denn er schmeckt verdorbener und bitterer als sonst. Als der Brechreiz in mir aufzusteigen beginnt, versuche ich ihn mit der Vorstellung, ein Gläschen Weißwein zu schlürfen, zu bekämpfen. Der Versuch misslingt, ich erreiche die Kloschüssel noch rechtzeitig und sprenkle den Rand mit der halbverdauten Pasta vom Abend zuvor. Meine Zähne sind kein Stück weißer, aber stinken jetzt nach Kotze.

Tag 5

Endlich. Der letzte Tag meines Selbstversuchs ist angebrochen und mich trennen noch 5 Minuten Uringurgeln vom befreienden Moment. Dass meine Zähne noch weiß werden, bezweifle ich. Natürlich schmeckt meine Pisse zum Abschluss noch mal besonders ekelhaft. Vermodert, beißend, scharf. Ich werde meine Geschmacksnerven auch mit keinem Eis mehr besänftigen können.

Nach dem letzten Shot betrachte ich meine Zähne. Es hat sich nichts getan. Meine Freunde haben sich jeweils vor Lachen gekringelt, wenn ich morgens im Badezimmer würgende Geräusche von mir gab. Welcher normale Mensch spült sich den Mund mit seinem eigenen Morgenurin? Aber sie hatten auch Mitleid mit mir. Und Respekt, dass ich diese absurde Sache zu Ende geführt habe. Am letzten Tag meines Experiments drückt mir mein Kumpel eine Schachtel „Alpine White Bleaching Stripes" in die Hand. „Die erfüllen ihren Zweck wohl eher." Die Streifen schmecken nach Minze. Nach Minze! Ich hasse mich für meine Knauserigkeit. 29,90 Franken sind es mir wert, weiße Zähne ohne Harn-Kur und Brechreiz zu haben.


Titelfoto: Maja Dumat | Flickr | CC BY 2.0