Sekt, Sexismus und Deutschrap – Ein Abend mit Visa Vie

„Ich mag meinen Arsch und der passt zu mir und ich muss mit ihm klarkommen—und das ist das Einzige, worum es geht."

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13 April 2016, 4:00am
Titelfoto: Porträt von Grey Hutton

Aus der ,Wir haben euch vermisst'-Ausgabe

Eines der Dinge, die jeder über Rap zu wissen glaubt, ist, dass er grundle­gend sexistisch ist. Und auch wenn man über Konventionen und Protagonisten diskutieren kann, so ist die Szene zweifelsohne von Männern dominiert. Wer als Frau in den Vordergrund tritt, wird also erst einmal etwas beäugt—und sieht sich dadurch schnell Anfeindungen ausgesetzt, die männliche Kollegen in dieser Form eher nicht erleben würden. Diese Erfahrung musste auch Visa Vie machen—jahrelang als Moderatorin das weibliche Aushängeschild der deutschen Rapszene.

Fünfeinhalb Jahre interviewte sie für das Onlinemagazin 16bars große und kleine, aufstrebende und bereits angekommene Künstler. Doch obwohl sie es nach außen hin geschafft hatte, geschafft als Frau in einer Subkultur, die nicht unbedingt für ihre feministische Grundeinstellung bekannt ist, musste sie sich vor allem mit einer Frage auseinandersetzen: der nach ihrem Äußeren. Mittlerweile hat sie sich von 16bars verabschiedet, Interviews vor der Kamera führt sie jetzt für ihren eigenen YouTube-Kanal. Einmal die Woche ist sie außerdem mit ihrer Sendung Irgendwas mit Rap auf Radio Fritz zu hören. Die Angst davor, als Frau weniger respektiert zu werden, ist mitt­lerweile gewichen. Die Wut auf sexistische Kommentare und all die Beleidigungen weit unter der Gürtellinie ist allerdings geblieben.

Wir sitzen auf ihrer Couch. Im Flur stapeln sich Sneaker, das Wohnzimmer bildete bereits mehrfach die Kulisse für ihre YouTube-Videos. Wir haben uns getroffen, um über Frauen im Deutschrap zu sprechen. Über Sexismus und Internettrolle—beides kennt die Berlinerin seit ihrem ersten Interview für 16bars. Mit Sido. „So viele Kommentare haben sich darum gedreht, ob man mich geil findet oder nicht und ob ich mit Sido danach, davor, währenddessen oder wann auch immer gefickt habe." Die Interviews selbst standen zumindest in den Kommentarspalten nicht mehr im Vordergrund. Unfreiwillig war sie selbst zum Thema geworden, wo es doch eigentlich um Rap und die Personen hinter der Musik gehen sollte. Sie war damals 22, hatte immerhin den Rückhalt von 16bars, aber musste sich trotzdem Kommentare wie „Boah, du bist voll hässlich" oder „Was hat die denn für ein Gesicht? Die hat zu weit auseinanderstehen­de Augen!" anhören. „Das hat mich wirklich umgehauen", erklärt sie und rückt sich im Schneidersitz auf der Couch zurecht. „Ich habe Rap gehört und sowohl den härteren als auch den seichteren gefeiert, aber ich war mir über die Konsequenz meines Auftretens in dieser Welt gar nicht so bewusst."

Während sich ein Niko Hüls von Backspin vermutlich niemals damit auseinandersetzen musste, ob er nach welchen Maßstäben auch immer attraktiv genug dafür ist, journalistisch tätig zu sein, wurde die Auseinandersetzung mit sexistischen Kommentaren, die rein auf ihr Äußeres abzielten, zum festen Teil von Visa Vies Arbeitsalltag. Die einzige mögliche Art der Schadensminimierung: Den Rapfans möglichst wenig Dinge geben, die sie vom gesprochenen Wort ablenken könnten.

Die Kommentatoren selbst, die sich öffentlich darüber austauschen, ob sie die Moderatorin gern flachlegen würden, sehen ihre Äußerungen selbst schließlich meist als Kompliment. „Da steht dann ‚Geile Sau' oder ‚Ich würde dich gerne bumsen'. Aber ich möchte gar keine ‚geile Sau' sein. Ich möchte geile Fragen stellen und geile Interviews machen. " Entkommen lässt sich dieser Art der Bewertung allerdings nicht. „Du musst dich damit entweder irgendwann abfinden, oder du musst aufhören. Es war irgendwann so, dass der Respekt mir gegenüber gewachsen ist und die Menschen vielleicht auch mehr verstanden habe, wer ich bin, aber dieser eine Aspekt, dass Leute mir sagen, ob sie mich ficken würden oder nicht, der wird nicht aufhören, solange ich in der Hip-Hop-Szene aktiv bin."

Neben Wut auf diese Art der Behandlung schwingt in Visa Vies Stimme auch Resignation mit. Die Berlinerin war vor ihrer Moderationskarriere selbst als Rapperin aktiv. Würde sie keine Leidenschaft für die Szene mitbringen, hätte sie wahrscheinlich ziemlich schnell das Handtuch geschmissen.

„Wir können uns als Frauen in dieser Welt niemals davon lösen, dass die allererste Frage ist: ,Sieht die gut aus?' Das muss erst mal geklärt werden und danach kann man sich dann vielleicht auch mal mit anderen Dingen beschäftigen. Ich glaube schon, dass du dich als Frau doppelt und dreifach beweisen musst." Besonders traurig wirkt es da, dass der offe­ne Sexismus auch aus weiblicher Richtung kommt. „Kürzlich erst hat mich eine Frau über Wochen hinweg auf Twitter beleidigt: ‚Du Fotze, du machst das doch nur, damit du dich an die ganzen Rapper ranmachen kannst. Zum Glück bist du weg bei 16bars, du Hure.' Ich wusste gar nicht, warum die so wütend auf mich war."

Das ist eben ein weiteres Problem in einer Szene, in der Frauen sich Respekt erst einmal erkämpfen müssen: Wenn eine Frau es „geschafft" hat, wird sie nicht dafür gefeiert, sondern eben auch um ihre Position beneidet: „Wahrscheinlich wollen diese Frauen dann einfach auch in dieser Position sein und denken sich: ‚Aber ich habe doch viel größere Brüste. Ich geh doch viel öfter ins Fitnessstudio und meine Fingernägel sind viel besser gemacht—ich müsste das doch eigent­lich machen dürfen!' Aber darum geht es halt nicht. Dann mach es doch bitte einfach! Mach dasselbe, was andere Frauen gemacht haben, die sich hochgearbeitet haben und deswegen jetzt zu Recht da sind, wo sie sind. Egal, wie sie aussehen oder eben nicht aussehen."

Diese Kommentare können mir und auch meinem Arsch überhaupt nichts anhaben.

Wie sehr sie diese Kommentare, die ständigen Vorwürfen von Fanseite aus zermürbt haben, schlug sich irgendwann nicht nur dahingehend nieder, wie sie bei Interviews aussah—sondern auch, wie sie Interviews führte: „Ich glaube, bei mir hat das dazu geführt, dass ich Angst davor hatte, mein Gesprächspartner glaubt, es könnte mehr bedeuten, wenn ich für eine Stunde ein intimes Gespräch mit ihm führe und vielleicht auch emotionale Fragen stelle. Das hat mich definitiv daran gehindert, manchmal noch schönere Interviews zu führen. Weil ich immer daran denken musste: Wenn ich mich zu einem Thema auch mal ein bisschen öffne, könnte mir das am Ende negativ ausgelegt werden."

Diese Negativauslegung, gerade in Bezug auf das Äußere der 28-Jährigen, erreichte zwi­schenzeitlich regelrecht absurde Höhen. So absurd, dass sich Visa Vie irgendwann nicht mehr nur darum Sorgen machen musste, wie sie selbst mit solchen Situationen umging, sondern auch, wie sich der tief verwurzelte Sexismus auf junge Zuschauerinnen auswirken könnte. „Ich war von Natur aus immer eine ziemlich schlanke Person und habe mich dennoch der Situation ausgesetzt gesehen, dass ich in Zeiten, in denen ich mal ein bisschen mehr gewogen habe und man deshalb an der Seite vielleicht auch mal eine Speckrolle gesehen hat, fertig gemacht wurde. ‚Boah, hat die Rettungsringe', ‚Alter, ist die fett geworden'—ich habe mir wirklich Gedanken darüber gemacht, was mit einer 14-Jährigen passiert, die das gerade sieht und vielleicht zehn Kilo mehr wiegt als ich. Als ich angefangen habe, Sport zu machen, was wirklich rein gesundheitliche Gründe hatte, habe ich fünf bis acht Kilo abgenommen, man hat es mir sehr angesehen und da stand dann wiederum plötzlich überall ‚Alter, diese magersüchtige Slut' oder ‚Wenn ich die ficken würde, würden ihre ganzen Knochen sofort zerbrechen, das ist doch keine Frau mehr'."

Dass Visa Vie zwar nicht mehr bei 16bars, aber trotzdem noch vor der Kamera aktiv ist, ist nicht der Tatsache zu verdanken, dass die Beschimpfungen und Kommentare irgendwann weniger geworden sind—das sind sie nämlich nicht. Die Berlinerin hat mittlerweile nur gelernt, damit umzugehen, wenn sich Wildfremde online über ihren Hintern auslassen: „Ich habe irgendwann irritiert festgestellt, dass es mich gar nicht trifft, sondern nur langweilt und ich für mich selbst entschieden sagen kann: ‚Ich mag meinen Arsch und der passt zu mir und ich muss mit ihm klarkommen—und das ist das Einzige, worum es geht.' Diese Kommentare können mir und auch meinem Arsch überhaupt nichts anhaben. Wenn sie es könnten, müsste ich mich fragen, ob mein Arsch mir wirklich wichtiger ist als das, was mich als Mensch ausmacht. Ich bin bald 30—es wäre albern, wenn so etwas Einfluss auf mein Leben hat. Es hat lange gedauert, aber ich weiß mittlerweile, wer ich bin."

Das komplette Interview, andere großartige Frauen und alles, was junge Frauen in Deutschland betrifft, findet ihr auf broadly.tv.

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