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Ein Mutter-Mörder erzählt von dem Geflüster seiner Dämonen

Als ich 15 war, habe ich 111 mal auf meine Mutter eingestochen, aber erst in Isolationshaft wurde ich von meinem Schicksal richtig hart getroffen.
29.5.16
Illustration: Tyler Boss

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit dem Marshall Project entstanden.

Es war so, als hätte man mich und alle meine Spuren mit Bleiche aus dem Raum entfernt.

Alles in meiner knapp zwei mal drei Meter großen Zelle war weiß: Die Wände, der Boden und auch das niemals gedimmte Licht. Abgesehen von der Matratze gab es in diesem Raum nur einen anderen Gegenstand: eine Edelstahltoilette, die das weiße Licht reflektierte.

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Nur wenige Stunden zuvor war ich am 1. Mai 2006 in irgendeinem Gerichtssaal zu einer Haftstrafe von 25 bis 37 Jahren verurteilt worden. Der Richter hatte mich noch einmal daran erinnert, dass ich meine Nolo-contendere-Einlassung umändern könnte, indem ich auf Unzurechnungsfähigkeit plädiere.

Diesen Vorschlag lehnte ich jedoch ab und wurde aus dem Gerichtsgebäude gebracht.

Und nun befand ich im sogenannten "Pole"—ein Ort, der mir als "psychologisches Loch" beschrieben wurde und an dem man mich vor mir selbst schützen wollte. Als ich so in meiner Zelle saß (manchmal dachte ich über mich selbst nach, manchmal starrte ich einfach nur an die Wand und manchmal machte ich ein Nickerchen), kam in mir die Frage auf, ob dieser Name davon kommt, dass hier verrückte Leute hergebracht werden oder dass man hier Leute reinsteckt, damit sie verrückt werden. Gibt es da überhaupt einen Unterschied?

Wenn die Wachen mir nicht gerade mein Essen brachten, wusste ich nie, wie viel Uhr es eigentlich war.

Rechts von mir hatte man mithilfe einer Mischung aus Zahnpasta und Fäkalien eine Nachricht auf ein Fenster geschrieben: "100% Jamaican."

Aber selbst wenn sich das Gericht die Psychologen angehört hat, ich habe das nicht. Stell dir doch mal folgendes Szenario vor: Du bist 15 Jahre alt und dir wird gesagt, dass in deinem Gehirn und bei deiner Auffassung der Realität (und von allem, was du bisher geglaubt hast zu wissen) etwas falsch läuft. Da war ich nun, so wahnsinnig, um nicht auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren.

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Wenn du wirklich alleine bist und von nichts abgelenkt wirst, dann hörst du nur eine Sache: Das Geflüster von Dämonen. Damit meine ich jetzt keine richtigen Stimmen, sondern Gedanken, die sich im Kopf festsetzen und dabei das Selbstgefühl sowie die Wahrnehmung der Realität beeinflussen. Was man hört, wird dabei davon festgelegt, ob man überhaupt zuhört. Der menschliche Verstand ist nun mal nicht unzerstörbar und das trifft vor allem dann zu, wenn er sich mit unendlicher Leere konfrontiert sieht.

Ist es wirklich möglich, einen Menschen in den Wahnsinn zu treiben? Nein, in einer solch kurzen Zeit nicht—zumindest nicht langfristig gesehen. Ich konnte jedoch spüren, wie sich da in mir etwas zusammenbraute. Am Anfang war es noch eine Art Überempfindlichkeit: Mir fiel plötzlich selbst das feinste Flackern des weißen Lichts auf (auf einer Skala von 1 bis 10 rede ich hier vom Unterschied zwischen 9,9 und 10). Neben den winzigen Flecken, die ich vorher noch nie bemerkt hatte und deren Herkunft ich lieber nicht wissen wollte, erschienen auf den Wänden plötzlich Formen, Gesichter und Bilder.

Als ich mit über den Kopf gezogener Decke da lag und die dünnen Lichtstrahlen beobachtete, die durch besagte Decke kamen, stellte ich mir verschiedene Szenarien vor.

Da war zum Beispiel das Mädchen, mit dem ich damals in der Schule immer geredet hatte. Ich malte mir aus, wie sie mich besuchen kommt und fragt, wie es mir geht. Und dann träumte ich davon, noch einmal mit dem Richter zu reden und dabei alles sagen zu können, was ich will—irgendeine Kombination aus "Fick dich" und "Bitte helfen Sie mir".

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Ich stellte mir vor, wie ich in dem Krankenhaus lag, in das ich auch während meines 11. Geburtstags gebracht werden musste, nachdem mich meine Mutter (zu deren Mord ich die oben erwähnte Nolo-contendere-Einlassung abgegeben hatte) von hinten niedergeschlagen und anschließend mit dem Kopf voran durch den Glastisch im Wohnzimmer geschmissen hatte.

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Und ich sah auch mich selbst, wie ich ein Jahr zuvor in das Gebäude mit der höchsten Sicherheitsstufe der Jugendhaftanstalt gebracht wurde. Dieses Jahr war das beste und freieste Jahr meines Leben, denn die fünfzehneinhalb vorhergegangenen hatte ich mit einer Frau zusammengelebt, die das Fenster meines Zimmers vernagelte und mich dazu immer einsperrte.

Schon bald erfand ich Gesellschaft, um meine Einsamkeit zu betäuben: Eine wunderschöne Frau mit einem Namen, den ich flüstern konnte, so als ob sie sich wirklich an meiner Seite befinden würde. Ich brauchte sie, also diese Person, mit der ich reden konnte und die mich festhielt.

In meinem einsamen Dasein, weit weg von meiner Mutter oder irgendeinem Menschen, der mir zuhören könnte und dem es nicht egal wäre, flüsterte ich dieser wunderschönen Frau meine Gedanken zu. Und ich malte mir aus, wie sie mir antwortet—dabei hauchte ich manchmal auch ganz leise die Worte aus, die sie meiner Vorstellung nach sagen würde.

Chris Dankovich ist ein 26-jähriger Insasse der Thumb Correctional Facility in Lapeer, Michigan. Dort sitzt er seine 25 bis 37 Jahre andauernde Haftstrafe ab, zu der er aufgrund eines Mordes verurteilt wurde, den er mit 15 begangen hatte. Er stach dabei 111 mal auf seine Mutter ein.