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DIE DIRTY LAUNDRY ISSUE

Flüchtlingsferienlager

In Thailand werden burmesische Flüchtlingslager zu einer zweifelhaften Touristenattraktion.
16.12.14

Im März 2013 brannte ein Abschnitt des Flüchtlingslagers Ban Mae Surin in einer Feuerkatastrophe ab. Die Hütten der Flüchtlinge brannten wie Zunder und 37 Menschen starben in den Flammen. Nachdem die Katastrophe bekannt wurde, strömten scharenweise wohlmeinende westliche Reisende, die hier auch als „Voluntourists" bezeichnet werden, hier her und boten Geld und Hilfe beim Wiederaufbau an. Ein eigenes Voluntourist-Lager schoss gegenüber der verkohlten Überreste des Flüchtlingsdorfes aus dem Boden.

Trotz seiner Verpflichtung, den Migranten zu helfen, ist das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen entschieden gegen den steigenden Trend des Flüchtlingstourismus in Thailand—einem Land das mit seinen makellosen Stränden und dschungelüberwachsenen Bergen jedes Jahr 20 Millionen Touristen anzieht, aber eben auch 130.000 Flüchtlinge und eine halbe Million Staatenloser, von denen viele vor dem Bürgerkrieg im benachbarten Burma geflohen sind. Einige der Freiwilligen am Ban Mae Surin Flüchtlingslager „begannen zu grillen, sich auszuziehen und im Fluss schwimmen zu gehen", erinnerte sich Iain Hall, ein Mitarbeiter der Behörde in Thailand. „Es war respektlos. Das dort sind schließlich Menschen und keine Zootiere."

Im darauffolgenden Sommer führte es mich selbst als Touristin und Studentin nach Thailand. Im Mai hatte ein Militärputsch stattgefunden und unter vielem anderen die Flüchtlingssituation im Lande weiter verschärft. Die thailändische Junta hatte Pläne verkündet, die Flüchtlinge nach Burma zurückzuschicken. Momentan haben die Regierungen der beiden Länder begonnen, Pläne für die Wiedereinbürgerung zu diskutieren, während die Junta gleichzeitig die Sicherheit in den Lagern verschärft. Es ist zwar nach wie vor möglich, in die acht Lager zu reisen, aber für die Bewohner wird es immer gefährlicher und schwieriger, die Siedlungen zu verlassen, um außerhalb nach Arbeit zu suchen. Die Bewohner der verschiedenen Lager, darunter Mae La, das älteste des Landes, das vor 30 Jahren außerhalb der Stadt Mae Sot errichtet wurde und heute 50.000 Flüchtlinge beherbergt, werden bald aufgefordert werden, „nach Hause" nach Burma zurückzukehren, und, wenn es nach dem Willen der Regierung geht, wird das Lager wohl in ein paar Jahren komplett zugemacht.

Nach einer mühsamen, kurvenreichen Busfahrt von Chiang Mai, einer der beliebtesten Touristenhochburgen Thailands, kam ich in Mae Sot an, das in circa 56 km Entfernung des Lagers Mae La liegt. Hungrig und vom Regen durchnässt stiefelte ich auf direkten Weg in das Café der Kunstkooperative Borderline, die den Flüchtlingsfrauen Jobs anbietet und die von ihnen hergestellten Handarbeiten verkauft. An diesem Abend war der Laden so voll mit Flüchtlingskindern, dass kein einziger Sitzplatz mehr frei war. Eine Handvoll Expats surrte aufgeregt umher und baute auf einer provisorischen Bühne eine Lautsprecheranlage auf. Ein 25-jähriger Amerikaner in Muskelshirt und Sonnenbrille sprang auf die Bühne. „Guten Abend, Mae Sot!", rief er theatralisch zur Freude seines Publikums, seiner—wie sich herausstellte—karenischen Schüler aus einer nahegelegenen Schule für Migranten. „Mann, ich liebe es, in Thailand aufzutreten", erklärte er mir, während ich mein Kartoffelcurry herunterschlang. „Hier sind wir Rockstarts, stimmt's Jungs? Und ihr versteht alle kein einziges Wort von dem, was ich hier sage!"

Später am selben Abend traf ich einen Freund in dem ein Stück weiter die Straße hoch gelegenen Exppact Café/Bar, einer beliebten Touristenabsteige, die von ehemaligen politischen Gefangenen aus Burma betrieben wird. „Wir haben mit Exppact angefangen, um uns ein Einkommen zu schaffen und die Leute über die Situation in Burma zu informieren", sagte mir Thiha Yarzar, ein ehemaliger Flüchtling. Die Bar war voll von westlichen Ausländern, die meis­ten von ihnen Lehrer und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, und ein paar wenigen thailändischen und burmesischen Gästen. Ein paar dieser ausländischen Lehrer durften die Lager seit ein paar Monaten nicht mehr betreten—ein Ergebnis der seit dem Coup bestehenden stärkeren Zugangsbeschränkungen zu den Camps. Ihre Schulen standen nun leer und die Lehrer konnten nicht arbeiten. Obwohl Yarzar viele der Freiwilligen in Mae Sot respektiert, sorgt es ihn, wie die ausländischen Hilfsgelder trotz ihrer hehren Ziele oft ausgegeben werden. „Manche Leute besuchen Mae Sot als Touristen und sehen etwas und kommen dann mit einem Packen Geld wieder. ‚Ich werde eine Schule für Migranten aufbauen', sagen sie. Und dann bekommen sie ein fettes Gehalt und fast das ganze Geld geht für ihr Gehalt drauf." Während ich mein Bier austrank, fing die Band zu spielen an, ein Trio aus Lehrern mit einer dänischen Leadsängerin, die ihren neusten Song trällerten, dessen Refrain, „Where were you during the Coup?", sich fröhlich unter das Geplapper der Menge und das Tropfen des Regens mischte.

Ich übernachtete im Picturebook Guesthouse, das Touristen und Freiwilligen Unterkunft anbietet und jugendlichen Migranten zu einem Job und einer Ausbildung im Gastgewerbe verhilft. Es wird von Youth Connect betrieben, einem gemeinnützigen Verein, der junge Flüchtlinge auf das Arbeitsleben vorbereitet.

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Als ich den Direktor von Youth Connect, Mickey Goggin fragte, warum die Organisation beschlossen habe, ein Guesthouse aufzubauen und nicht ein anderes Gewerbe, lachte er: „Das ist Thailand, Mann!" Die Tourismusindustrie des Landes floriert, seit die Hippies in den 60ern begannen, das Land zu besuchen. „Es ist ein verläss­licher Markt." Und sogar in schlechten Perioden—wie der des Coups und der Gewalt des vergangenen Jahres—„ist die Nachfrage immer noch hoch".

Nachdem ich mit so vielen Menschen gesprochen hatte, die mit Flüchtlingen und Migranten arbeiten, hatte ich am nächsten Morgen die Idee, dass ich mich vielleicht selbst einmal in eines der Lager einschleichen sollte—fragte mich dann aber, was der Sinn einer solchen Aktion wäre. Um sagen zu können, dass ich dort gewesen war? Ein Teil von mir sorgte sich, dass ich einfach selbst in Gefahr war, dem Exotismus zu verfallen. Aber wie viele andere Touristen auch hatte ich den Wunsch, etwas über die Geschichte und die soziopolitische Dynamik des Ortes zu erfahren, an dem ich mich befand, und dieser Dynamik ein Stück näherzukommen. Wie aber konnte ich das tun, ohne Menschen zu Kuriositäten zu degradieren?

Ich stieg in eines der hinten offenen Sammeltaxis, die von Mae Sot aus auf der einzigen Nord-Süd-Trasse in Richtung Norden fahren und auf dem Weg über die sanften grünen Hügel des Grenzgebiets zwischen den verschiedenen Touristenzentren auch an einigen Flüchtlingslagern vorbeikommen.

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Mir gegenüber saß ein französisches Pärchen in Flipflops und Tanktops. Sie lehnten an ihren Rucksäcken und der Mann machte sich in einem kleinen Heft Notizen, während seine Begleiterin durch die Fotos der letzten Tage scrollte.

Sie sagten, dass sie auf dem Weg nach Mae Sariang seien, einer Stammesregion in den Bergen, die für ihre tollen Aussichten und kulturellen Tourismus bekannt ist. Sie erzählten mir auch, dass sie vor ein paar Tagen ein Flüchtlingslager entlang der Flussgrenze zu Burma besucht hätten, dass direkt außerhalb von Mae Sot liegt und wo die langhalsigen Padaungfrauen mit den scheinbar verlängerten Halswirbelsäulen für Fotos posieren und ihre Waren verkaufen. „Wir sind nicht lange geblieben", sagte die Französin. „Es hat sich nicht gut angefühlt." Ihr Freund fügte hinzu, „da einfach rumzustehen und nur zu glotzen."

Während wir sprachen, tauchte links Mae La auf, eine eingezäunte, dichte Ansiedlung von grasbedeckten Hütten zu Füßen der hohen grünen Hügel. Wachen, die seit Neustem von der Junta eingesetzt worden sind, standen an den Zufahrtsstraßen und vor den über den Zaun verstreuten Löchern.

Von dem Lager war nur die gewellte Decke der ineinander übergehenden Grasdächer zu sehen, die Insassen sah man nicht. Ich stieg aus dem Truck, entschlossen, mich in das komplexe Territorium der Migration zu wagen, das auch für mich eine große moralische Unsicherheit mit sich brachte.

Ich wurde jedoch sofort vom Zischen eines Wärters angehalten, der mit dem Finger wackelte. Ich lief eine Weile an der Außenseite des Zauns entlang und genoss die frische Luft und das Bergpanorama und setzte mich dann zu den Wachen, die streunende Hunde mit Steinen bewarfen und lachten. Nachdem sich auch der letzte Hund getrollt hatte, halfen mir die Wachen, ein Taxi in Richtung Süden zurück nach Mae Sot anzuhalten. Und obwohl sie im Dienste der Junta und ihrer Antimigrationspolitik standen, war ich ihnen in gewisser Weise dankbar—nicht nur für ihre Hilfe mit dem Taxi, sondern auch, weil sie mir die Entscheidung abgenommen hatten, ob ich das Lager besuchen sollte oder nicht.