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(Halb-)Legale Räusche: Aspirin

Ich habe als Teenager Kopfschmerztabletten geraucht und wie ein Meerschweinchen gekichert und Schuld daran ist das Drogenpräventionsprogramm meiner Schulzeit.

von Nadja Brenneisen
07 November 2014, 5:00pm

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Die schlimmste Droge unserer Zeit ist ja für viele anhaltende Nüchternheit. Weil aber soziale Ächtung, Beschaffungskriminalität und komplette Abhängigkeit fast genauso schlimm sind, haben viele von uns in ihren rauschverliebten Jugendtagen das eine oder andere Mal zu (halb-)legalen Alternativen gegriffen. Deshalb packen wir an dieser Stelle die schwammigsten und schönsten Erinnerungen an unsere „Barely Legal Highs" aus—also Räusche, die zumindest zu der jeweiligen Zeit oder in der jeweiligen Gegend legal waren. Heute: Aspirin.

Das Drogenpräventionsprogramm war der beste Nachmittag meiner Schulzeit. Ein Typ, der uns als Ex-Junkie vorgestellt wurde und aussah wie ein kaputter Rockstar (Synonym für 15-Jährige für: unglaublich heiß), erzählte uns vor allem, wie man am besten an sicheren Stoff rankommt. Am Schluss der Stunde legte er uns legale Drogen ans Herz. „Es gibt auch legale Sachen, die das Hirn ganz schön berauschen." So ist das in der Schweiz.

Die Augen des Ex-Junkies glänzten, als er sich in den Anekdoten seiner LSD-, Muskatnuss- und Kokain-Erfahrungen selbst verlor. Es klang unbeschreiblich kreativ und nach Verschwendung von Lebenszeit, es selber unversucht zu lassen. Wir waren eine frustrierte Klasse von 25 Mädchen in ihrer manipulativsten Phase der Pubertät und bereit, jeden Sinn des Lebens als den wahren anzunehmen. Unsere freikirchliche Klassenlehrerin sass mucksmäuschenstill in der Ecke, starrte einen Punkt an der Wand an und spielte mit ihrem Ehering.

Meine zwei besten Freundinnen und ich beschlossen nach Schulschluss sofort, Lebenserfahrung zu sammeln und googelten „legale Drogen". Wir waren 15 und hatten bisher Gras geraucht, das wir über den Kollegen vom Kollegen des großen Bruders einer Maturantin bekommen hatten. Die Google-Ergebnisse reichten von Bananenschalen über getrocknete Kuhfladen bis hin zu Aspirin. Da wir uns sofort etwas reinballern wollten, entschieden wir uns für die Acetylsalicylsäure und kauften in der nächsten Apotheke eine Packung Aspirin. (Weil die Verkäuferin die Mutter eines Typen aus der Parallelklasse war, spielte meine Freundin die Todkranke. Wir waren zum ersten von vielen Malen im Leben total paranoid.)

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Foto von Flickr | tippi t | CC BY 2.0

Unterwegs kaufte ich mit meinem gefälschten Ausweis drei Flaschen Wein. Mir schoss kurz der Gedanke durch den Kopf, dass meine Mutter mir erklärt hatte, die Kombination aus Alkohol und Schmerzmitteln sei nicht die gesündeste. Aber von gerauchten Pillen hatte sie weder etwas gesagt, noch hatte sie davon eine Ahnung. Nachdem wir einen Hauseingang auf Bewohner und Passantenfrequenz gecheckt hatten, zerstießen wir ein paar Tabletten zu Pulver, mischten es mit Tabak und bastelten etwas ungeschickt einen Tablettenjoint. Dann tranken wir uns ordentlich Mut an und redeten über Sex und den Sex unserer Lehrerin. Und ich zündete den Joint an. Ich fand es damals sehr faszinierend, wie sehr Aspirin stinkt, wenn man es erhitzt.

Während wir versuchten, das Aspirin zu rauchen, lachten wir uns vor allem aus, weil unsere Sex-Geschichten von ständigen Hustenanfällen unterbrochen wurden, die Lungen schmerzten und wir es unglaublich toll fanden, nur beinahe zu kotzen.

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Foto von Flickr | Linus Bohman | CC BY 2.0

Nachdem das Acetylsalicylsäure-Tütchen und die Weinflaschen alle waren, entspannten wir uns in schweigender Verbundenheit und warteten auf einen Kick. Ob der kam, konnten wir an jenem Punkt nicht eruieren. Wir waren mit der Wirkung von drei Flaschen Wein und einem Nikotin-Flash dezent überfordert. Wahrscheinlich waren wir einfach ziemlich blau. Dann wurde uns langweilig und wir wurden größenwahnsinnig. Wenn wir schon von nichts trippen konnten, wollten wir wenigstens in einen tollen Club.

Da man mit 15 noch nicht weiß, was ein toller Club ist, fuhren wir mit der letzten Straßenbahn zum einzigen Club, von dem aus wir den Heimweg zu Fuß finden würden. Heute weiß ich, dass der Laden eine Kontaktbar und ein beschissener Ort für Teenager-Mädchen mit Erlebnishunger ist. Doch soweit kam es gar nicht. In der Straßenbahn machte ich Bekanntschaft mit meinem chemisch und hormonell überforderten Hirn. Ich betrachtete die unglaublich hässliche Mütze meiner Freundin und begann, wie ein sterbendes Meerschweinchen zu glucksen.

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Foto von Flickr | See-ming Lee | CC BY 2.0

Da ich mal ein Meerschweinchen gehabt hatte (gestorben ist es beim Anblick eines Marders), kenne ich mich damit aus. Ich gackerte und gluckste, ich hyperventilierte (eine Nebenwirkung von Aspirin) und lachte zugleich, wollte aber gar nicht mehr lachen, da ich plötzlich Schmerzen im Brustkorb hatte. Im Blick meiner Freundinnen konnte ich sehen, dass sie sich erstens für mich schämten und zweitens von meinen schockstarren Augen und dem hysterischen Gelächter irritiert waren.

Wie es Teenies so machen, wenn sie sich gegenseitig decken müssen, ließen mich die beiden im Bett der Mützenfreundin übernachten. Den nächsten Tag verbrachte sie etwas stinkig, weil ich sie scheinbar für ihre Kopfbedeckung ausgelacht hatte, bis mich die Traumschwaden ummantelten.


Titelfoto: cpradi | Flickr | CC BY 2.0