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Popkultur

Jeden Tag lesen über 10 Millionen Deutsche noch den Teletext

... also mehr als Spiegel Online. Warum ist der Teletext bei uns einfach nicht totzukriegen?

von Lisa Schug
08 September 2016, 12:46pm

Foto: Philip Wilson | Flickr | CC BY-ND 2.0

Wer mit dem Internet geboren ist, für den ist der Teletext ein genauso unvorstellbares Ding wie eine Diskette. Ich bin in der Prä-Internet-Ära Teenager gewesen, aufgewachsen in einem Dorf im Saarland. Der Videotext war mein Ur-Internet: Dort las ich Nachrichten, Kurzgeschichten und schlüpfrige Flirt-Chats bei Privatsendern. Ja, Chats gab es auch schon in den 90ern und frühen 00er Jahren!

Die funktionierten über SMS: Da hat jemand dann eben 30 Cent pro SMS bezahlt, um zu schreiben: "Süßer Boy sucht harte Herrin". Irgendwo tummelten sich auch immer pixelige nackte Frauen, die Werbung für Telefonsexhotlines machten.

Mit dem ersten bezahlbaren Internetzugang war der Videotext bei mir untendurch. Wer will schon Pixelgrafiken und Teletext-Chats in Zeiten von Webseiten und Skype, richtig? Falsch. Der Teletext ist alles andere als tot. Auch wenn er wie ein Fossil wirkt. Laut Hochrechnungen nutzen pro Tag immer noch unglaubliche 10,4 Millionen Menschen ab 14 in Deutschland den Videotext. Das ist mehr als Spiegel Onlineund die meisten anderen großen deutschen Nachrichtenportale. Alleine der ARD-Text beschäftigt zehn feste Mitarbeiter und 15 Freiberufler, um den Text am Laufen zu halten, wie mir die ARD-Pressestelle bestätigt.

Teletext-Leser klicken sich durch Aktienkurse, Promigerüchte, Gewinnspiele oder einfach auch die Nachrichten. Das ist ein bisschen so, als ob man 2016 lieber eine Schreibmaschine als einen Laptop nutzen würden. Wer eine Seite finden will, muss sich immer noch auf gut Glück stundenlang durch Menüs drücken, anstatt gezielt zu googeln.

Der Teletext ist eigentlich nur ein Abfallprodukt des analogen Fernsehens. Bei der Übertragung des analogen Fernsehsignals werden mehr Bildzeilen übertragen als eigentlich nötig. In den 70ern entdeckte man dann, dass man diese übrigen Zeilen nutzen und dort Pixel und Buchstaben senden kann—der Teletext war geboren. In Deutschland gibt es ihn seit 1980. Und obwohl sich die Technikwelt in den letzten 35 Jahren ständig verändert hat, ist er eigentlich noch auf demselben Stand wie damals: sechs Farben, meist 25 Zeilen á 40 Zeichen und exakt 899 Seiten.

In vielen europäischen Ländern wie Frankreich oder England hat man den Teletext längst abgeschaltet—aber nicht in Deutschland. Das hängt damit zusammen, dass die Digitalisierung hierzulande so langsam voran geht und viele Menschen einfach noch analoge Fernseher haben, sagt ARD-Text-Chefin Langguth. Auch nicht besonders verwunderlich in einem Land, das Twitter gefühlt erst vor zwei Jahren entdeckt hat.

Zwar bieten manche Sender inzwischen auf Smart-TVs alternativ auch einen Text mit modernerer Optik an (das sieht dann so aus), aber eigentlich ist beim Videotext nach wie vor alles beim Alten. Die Macher versuchen trotzdem, den Teletext ins 21. Jahrhundert zu übertragen. Wer Sport oder Krimiserien im Fernsehen schaut, kennt vielleicht das merkwürdige Konstrukt namens Teletwitter. Da werden Twitter-Kommentare zu Sendungen oder Nachrichtenereignissen von einer Redaktion ausgewählt und dann in den Videotext gesendet, wo man sie parallel zur Sendung mitlesen kann. (Wobei ich mich frage, ob Leute, die kein Smartphone haben, überhaupt wissen, was Twitter ist.)

Es gibt auch eine ganze Reihe von Apps, die den Videotext auf dein Handy holen. Ja, richtig verstanden: Man lädt eine App herunter, die einem vorgaukelt, man habe einen analogen Röhrenbildschirm vor sich, auf dem man sich ein technisches Relikt der 80er Jahre anschaut.

Manche finden den Teletext genau wegen dieser Retro-Optik gut. Teletext-Kunst ist eine ganz eigene Sparte: Kunstwerke in sechs Farben (plus Schwarz und Weiß) auf 25 Zeilen, die dann im Videotext gesendet werden. Das ist übrigens nicht so steif, wie es klingt. Beim International Videotext Art Festival 2015 zeigte zum Beispiel der japanische Künstler Ryo Ikeshiro eine Videotext-Version von Kim Kardashians Allerwertestem versehen mit der Überschrift "Breaking Teletext".

Txtpunk by Dan Farrimond

Und bis Ende September läuft das 5. ARD-Videokunst-Festival, bei dem ab Seite 860 Werke von Dan Farrimond gezeigt werden. Zum Beispiel ein 8-Bit-haftes Porträt von Freddie Mercury zu dessen Geburtstag. Der Teletext ist manchmal sogar nützlich: Menschen, die schlecht hören, finden im Text der öffentlich-rechtlichen Programme Untertitel. Auch Regionalnachrichten sind in den Teletexten der dritten Programme oft leichter zugänglich als im Internet.

Übrigens kann sich jeder in die Videotext-Zeitmaschine setzen: Wer damals Fernsehsendungen mitgeschnitten hat, hat damit höchstwahrscheinlich auch den Videotext (oder zumindest Teile davon) mit aufgenommen. Wenn ihr also heute die alten VHS-Kassetten abspielt, könnt ihr mit einem Druck auf die Teletext-Taste tatsächlich Videotextseiten von anno 1995 anschauen. Meistens sind die Aufzeichnungen eher fragmenthaft, aber Tüftler in Großbritannien versuchen gerade, daraus ein Videotext-Archiv aufzubauen und den Text durch Videokassetten zu rekonstruieren.

Ach ja, dieselben Leute, die sich damit beschäftigen, alte Videotext-Seiten von VHS-Kassetten auszulesen, haben sich jetzt übrigens auch noch ihren eigenen Teletext gebaut. In England gibt es seit der Digitalisierung des Fernsehens ja keinen mehr. Um den Teletext zu nutzen, wird ein kleines Gerät an den Fernseher angeschlossen. Dieser lädt einen selbst erstellten Videotext aus dem Internet runter und projiziert ihn auf den Fernsehbildschirm. Ein Medienfossil wird zum Leben erweckt.