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Krise in der Ukraine

Die Revolution in der Ukraine weckt totalitäre Dämonen

Wenn sich heute pro-europäische und pro-russische Ukrainer im Konflikt über die Zukunft ihres Landes gegenüberstehen, kämpfen sie genauso mit Gespenstern der Geschichte wie gegeneinander.
7.3.14

Während alle Welt auf Russlands Besetzung der Krim schaut, haben pro-russische Ukrainer und schlecht informierte Beobachter in den letzten Wochen wegen eines angeblichen Wiederauflebens des Faschismus in Kiew Alarm geschlagen. Immer wieder gingen Berichte herum, die ukrainische Regierung hätte angeblich die Kommunistische Partei verboten, das Verbot von Nazi-Propaganda aufgehoben und generell eine Reihe skrupelloser politischer Entscheidungen getroffen. Obwohl es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass solche Sachen je Gesetz werden, haben diese Geschichten einigen Leuten ziemlich Angst gemacht.

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Für den Westen (und einer Minderheit der Russen) geht die Geschichte so: eine pro-demokratische Bewegung—die für Menschenrechte, Würde, Yoga-Hosen und den ganzen Kram kämpft—hat ein korruptes pro-russisches Marionetten-Regime in der Ukraine gestürzt. Für die Russen (und eine Minderheit der Beobachter im Westen) handelt sie von einer bewaffneten Gruppe, die mit Hilfe von Neofaschisten in einem rechtsradikalen Coup illegal die Macht ergriffen hat.

Die politische Diskussion, die die Ereignisse auf der Krim begleitet, ähnelt so ziemlich jeder typischen Politdiskussion auf Spiegel Online, außer dass die meisten Hitlervergleiche auf Kyrillisch geschrieben sind.

Zwei wichtige Hintergrundinformation über die Beziehung zwischen Russland und der Ukraine werden dabei in der Berichterstattung oft vernachlässigt. Die erste ist, dass Stalin viel Zeit damit verbracht hat, Ukrainer auf eine Art und Weise umzubringen, die sogar für sowjetische Standards herzlos und kalt war. Als die Sowjetunion endlich stand, haben die Jungs in Moskau sich einmal umgesehen und festgestellt, dass die Situation in der Ukraine dem Idealbild der Diktatur durch das Proletariat noch nicht wirklich nahekam. Obwohl die Ukraine als Kornkammer Russlands riesige Mengen Nahrung produzierte, fanden die Partei-Theoretiker es unerhört, dass die ukrainischen Bauern ihr Land tatsächlich selbst besaßen. Stalin machte sich daran, das zu korrigieren, indem er das Füllhorn des Ostens mit eine Welle aus Grauen überzog.

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Über die Einzelheiten streiten sich die Historiker, aber die kurze Version ist die: in den 1930ern verhungerten auf Stalins Befehl zwischen dreieinhalb und sieben Millionen Menschen, und das in einer der landwirtschaftlich reichsten Gegenden der Erde. Das sind weniger als die Gesamtzahl der von Hitler im Holocaust getöteten Menschen, aber mehr als die in der Shoa ermordeten Juden.

Der sogenannte „Holodomor“ wird von 22 Ländern (inklusive den USA) als Völkermord anerkannt, von Deutschland allerdings noch nicht (mit der Begründung, es habe sich gezielt gegen die Klasse der Bauern und nicht gegen das gesamte ukrainische Volk gerichtet). In jedem Fall stellt es den massivsten Einsatz von Hungersnot als Waffe in der Weltgeschichte dar und diente als Prototyp für die jüngsten Fälle in Somalia und Äthiopien. Man kann aber nicht behaupten, die Sowjets hätten in dem so geschaffenen Chaos aus entmenschendem Hunger und Kannibalismus nichts unternommen. Immerhin haben sie Gerichtsverfahren gegen Menschen eingeleitet, die schwächere Familienmitglieder gegessen hatten.

Fast ein Jahrzehnt später brach etwas über die Überlebenden in der Ukraine herein, was für sie wie eine göttliche Erscheinung ausgesehen haben muss: die damals mächtigste Armee der Welt, die auf Moskau zurollte, um Russen und Kommunisten zu töten. Wie zu erwarten, waren eine Menge Leute in der Ukraine ziemlich begeistert von Hitlers Offensive gegen die Sowjetunion. Eine bedeutende Anzahl von ukrainischen Nationalisten und Soldaten der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) kollaborierten aktiv mit den Nazis. (Die Kämpfer der “Eisernen Hundertschaft” auf dem Euromaidan beziehen sich auf die nationalistischen Ziele der UPA, was die russischen Staatsmedien zum Anlass nahmen, die Revolution als Aufstand von Neo-Nazis zu brandmarken.)

Zum Unglück des ukrainischen Volkes stellte sich heraus, dass die Zusammenarbeit mit den Nazis ziemlich grauenhaft war. Unter deutscher Herrschaft wurden Ukrainer eingesperrt, für Sklavenarbeit deportiert, hingerichtet und generell dem ganzen Spektrum unangenehmer Bestandteile einer Besatzung durch die Nazis ausgesetzt. Am Ende kämpften eine ganze Menge Ukrainer gegen die Nazis. Als die Rote Armee später die Deutschen schließlich aus dem Land warf, wurden sie von einem Großteil der Bevölkerung als Befreier bejubelt, obwohl sie die Rückkehr Stalins bedeutete.

Die Ostukraine—die seit langem einen höheren ethnisch russischen Bevölkerungsanteil hat und geschichtlich auch länger unter der direkten Kontrolle Moskaus stand—ist jetzt eine Hochburg pro-russischer Gesinnung. Die Westukraine ist weniger begeistert vom russischen Einfluss und fühlt sich mehr Europa zugehörig.

Beobachter sind oft verwirrt, wenn ukrainische Demonstranten Lenin-Statuen umstürzen oder pro-russische Mengen russische oder sowjetische Flaggen schwenken und dunkle Anschuldigungen gegen Neo-Nazis vorbringen. Wenn sich die beiden Lager heute im Konflikt über die Zukunft der Ukraine gegenüberstehen, kämpfen sie genauso mit Gespenstern der Geschichte wie gegeneinander.