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Wiener Rassismus ist versteckt und gemein

Wir haben uns angeschaut, wo in Wien noch immer das Wort „Mohr“ benutzt wird und mehrere Menschen dazu befragt.
25 Mai 2014, 9:49am

Meinl-Mohr in Dienerpose Foto via

Die meisten erinnern sich wahrscheinlich noch zu gut an Andreas Mölzers Ausbruch, in dem er behauptete, dass die EU Gefahr laufe, ein „N****konglomerat” zu werden, eine Äußerung, die nachträglich auf große Kritik stieß. Seine Verteidigung ließ ihn nur noch tiefer im braunen Morast versinken, weil der Begriff angeblich „ein legitimes deutsches Wort“ sei und die Verwendung des Ausdrucks immerhin „kein Verbrechen” wäre. „Nur in den politisch korrekten Kreisen gibt es diesen Tugendterror, der gewisse Termini tabuisiert. In der Bevölkerung ist er ganz normal”, so Mölzer.

Wenigstens haben diese und andere Sätze Mölzer um seine Kandidatur als FPÖ­Funktionär für die Europawahlen am 25. Mai gebracht und die FPÖ-Spitze samt Strache zu Distanzierung von Mölzer gezwungen. Dennoch ist es peinlich, dass man sich im Jahr 2014 der Frage widmen muss, ob der Begriff N**** eine wertfreie Bezeichnung für eine bestimmte Menschengruppe ist, oder ob N**** diskriminierende Konnotationen hervorruft, die eine tolerante Gesellschaft nicht tolerieren darf. Aber wir sind in Österreich. Hier hat es in den Jahren 1938 bis 1945 rassistische Arschlöcher gegeben und es gibt sie heute noch.

Gerade deshalb steckt im oben zitierten Satz eine Wahrheit, die noch viel trauriger ist, als dass ein Mensch wie Mölzer in unserer Mitte Politik machen darf: nämlich, dass eindeutig diskriminierende Begriffe „in der Bevölkerung ganz normal sind.“ Ein anderes Beispiel, das aber selbst in den „politisch korrekten Tugendterror-Kreisen“ weitaus weniger Beachtung findet, ist der Begriff „Mohr“.

Zunächst: Warum ist „Mohr“ rassistisch und bezeichnet nicht auf neutrale Weise ein konkretes Objekt oder Subjekt, wie etwa das Wort ‚Baum’ oder ‚Kind’?

„Mohr“ hat in die deutsche Sprache wesentlich früher Eingang gefunden, als N****. Hergeleitet ist es aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „töricht, dumm, gottlos”. Gleichzeitig leitet es sich auch aus der Bezeichnung für Mauretanier als dunkelhäutigen Menschen ab. Die Begriffsgeschichte von „Mohr“ beginnt also schon mit einer Verknüpfung der körperlichen Eigenschaft, eine dunkle Hautfarbe zu haben, mit dem Charakterzug, dumm zu sein—einem gedanklichen Kurzschluss also, den man auch unter dem Wort „Rassismus“ kennt.

Schwarze bekam im mittelalterlichen Mitteleuropa kaum jemand zu Gesicht. Die Menschen erfuhren von ihnen nur über Reiseberichte und Überlieferungen und schufen so, vermittelt durch Malerei, Literatur und Religion, eine stereotypische Vorstellung von „dem Schwarzen“, das natürlich nicht der Realität entsprach. In einer Zeit, die wir in der Schule ‚aufgeklärt’ nennen, und in der es durch die systematische Kolonialisierung außereuropäischer Kontinente zum ersten wirklichen Kontakt zwischen weißen Europäern und schwarzen Menschen kam, machte sich der implizite Rassismus, der im Umgang mit dem Phantasma „Mohr“ steckte, auf absurde Weise bemerkbar.

Angelo Soliman via

Zunächst behielt sich die herrschende Gesellschaftsschicht Europas den Genuss, den „Mohren“ zu bestaunen, exklusiv für sich vor. Die Ansicht, er sei erfrischend anders, aber minderwertig, führte unweigerlich zu der Vorliebe, ihn als Diener einzusetzen und ihn entsprechend geknechtet darzustellen. Das extremste Beispiel für diesen tierhalterischen und unterwerfenden Umgang ist mit Sicherheit die Geschichte des nach Wien verkauften „Hofmohren” Angelo Soliman, der nach seinem Tod 1796 ausgestopft und im kaiserlichen Naturalienkabinett, mit Muscheln und Federn geschmückt, ausgestellt wurde, bis seine Hülle schließlich bei einem Brand während der Revolution von 1848 zerstört wurde.

Dass es sich bei den Versklavten um eine zoologische Kategorie handle, die man dressieren und sich zum Diener nehmen kann, wurde dann—quasi als Legitimation des eigenen Lebensstils—auch pseudowissenschaftlich „bewiesen“. Bücher aus dieser Zeit trugen Titel wie „Über die körperliche Verschiedenheit des Mohren vom Europäer.“ Verstorbene Sklaven wurden Medizinern übergeben, die fleißig sezierten, um endlich belegen zu können, was man sowieso schon wusste: „Im Allgemeinen grenzen die afrikanischen Mohren doch in etwas näher ans Affengeschlecht, als die Europäer.” Was zunächst Luxus des Adels ist, wird später demokratisiert: Die Menge kann in den europäischen Zoos und auf Jahrmärkten, zum Beispiel auf der Praterstraße, „Völkerschauen” verfolgen, das Tier „Mohr“ aus nächster Nähe und in seiner „natürlichen” Verfasstheit, das heißt nackt und mit Federschmuck, bestaunen. Kurz: Der Begriff „Mohr“ hat im deutschsprachigen Raum seit langem eine Tradition der Diskriminierung.

Dass das Wort N**** mit all diesen diskriminierenden Vorstellungen einerseits, und mit der Geschichte der Sklaverei andererseits zusammenhängt und deswegen aus dem Wortschatz verbannt werden soll, müsste man spätestens seit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung des letzten Jahrhunderts wissen. Damals meldeten sich erstmals diejenigen zu Wort, die am besten beurteilen können, ob N**** diskriminierend ist: die Schwarzen selbst. Mit dem Wort „Mohr“ allerdings sieht es anders aus; es hat in Europa keine vergleichbare Aufarbeitung dieses Begriffs gegeben, weder in Österreich, noch sonst wo. Tatsächlich findet sich der Begriff „Mohr“ selbst, oder das Bildäquivalent dazu, in erschreckend vielen Kontexten auch heute noch wieder.

Mohr im Hemd via

Die österreichische Schokosüßspeise heißt immer noch Mohr im Hemd, obwohl sie vor ein paar Jahren bereits für einen Skandal sorgte. Im Zweiten in Wien gibt es zwei Straßen, die kleine Mohrengasse und die große Mohrengasse, im ersten Bezirk die Mohrenapotheke, im Siebten schenkt das Louvre das Mohrenbräu aus und im zweiten das Ü. Das Vorarlberger Mohrenbräu ziert die Klischeehafte Darstellung von einem Schwarzen, ebenso wie die Mohrenapotheke, das Julius Meinl-Kaufhaus und die Meinl-Produkte.

Diener-Streichholzhalter in dem Café Restaurant Strozzi

Wir haben einige Wiener kontaktiert und zu ihrem Umgang mit Wiener Alltagsrassismus befragt. Dabei sind wir auf starken Widerstand gestoßen, was uns darin bestätigt hat, dass es sich um ein unangenehmes und damit natürlich auch relevantes Thema handelt.

Ein Gewerbe, das sich den „Mohren“ oft auf die Fahne schreibt, sind die Apotheken, von denen es in Österreich fünf gibt. Auf der Homepage der Wiener Mohren-Apotheke im ersten Bezirk steht als Erklärung, dass der Name und auch die Abbildung auf „einen Äthiopier“referieren, „derdamals als besonders heilkundig galt.“ Zu dieser Beschreibung hatten wir zwei Fragen: Warum heißt die Apotheke dann nicht „Äthiopier-Apotheke“ und wie stellt man überhaupt einen Äthiopier dar? Die Inhaberin Marosi sagte uns, dass sie bei dem Namen auch Unbehagen verspürte, als sie die Apotheke übernahm und dass sie den Namen auch ändern würde, wenn sich jemand daran störte. Dass es bereits Kampagnen gegen die rassistische Darstellung von Julius Meinl und das Mohrenbräu gab, weiß sie, aber als öffentlichen Druck empfindet sie diese nicht. Von sich aus würde sie die Mohren-Apotheke nicht umbenennen.

Die Mohren-Apotheke im ersten Bezirk in Wien

Der Besitzer der Mohren-Apotheke in Graz wird von sich aus auch nicht den Namen des Geschäfts ändern. Leider dürfen wir seine beleidigenden Antworten auf unsere Fragen nicht abdrucken, aber wir hatten den Eindruck, dass er ideologisch nicht von der Mohrenbezeichnung abzubringen war.

Den letzten Anstoß für eine breitere Diskussion um den Mohrenbegriff gab das oben angedeutete Projekt NoMohr!, das sich gegen Firmenlogo und Namen des seit 1834 in Vorarlberg hergestellten „Traditionsbiers“ Mohrenbräu richtet. Der Initiator des Projekts, Simon Inou, erklärte es und so:

„NoMohr! ist eigentlich ein Widerstandsprojekt. Wir leisten Widerstand gegen Rassismen, die in der Öffentlichkeit verbreitet werden und spezifisch von der Brauerei in Vorarlberg. Wir sagen, das Logo ist rassistisch, und die Gründe dafür sind, dass der Begründer der Mohrenbrauerei kein Schwarzer war, und sich trotzdem einfach an diesem Klischees bedient. Er hat so ein Gesicht mit krausen Haaren und dicken Lippen verwendet, um Geschäfte zu machen. Das müssen wir unbedingt thematisieren, weil wir finden, dass dieses Logo nicht zeitgemäß ist.“

Foto von Matthias Rhomberg

Das Unternehmen hat sich geweigert, sein Logo zu ändern. Die Gründe erklärte uns Simon Inou: „In Österreich stößt man immer wieder auf das Kernargument: ‚Das ist eine österreichische Tradition’. Dabei zeigt Meinl in den USA die Widersprüchlichkeit und Brüchigkeit dieses Traditionsbegriffs. In den USA verwendet Meinl das Logo mit dem ‚Mohren’ nicht, weil sie da aufpassen müssten. Es gebe dort ja so viele Schwarze. Und In Österreich? Da kommt das Traditionsargument. Tradition ist aber nicht die Anbetung der Asche. Wir müssen auch eine Tradition anpassen können.“

Weil das Mohrenbräu sich schon eine wasserdichte Marketing-Strategie in dieser ganzen Debatte ausgedacht hat, haben wir uns entschlossen, nicht die Eigentümer zu interviewen, sondern haben stattdessen zwei Lokale aufgesucht, die in Wien Mohrenbräu ausschenken. Eines ist das Louvre auf der Neustiftgasse, das für private Partys gemietet werden kann. Der Betreiber hat das Mohrenbräu entdeckt, als zufällig ein LKW der Brauerei vor seinem Laden parkte. Das Logo gefiel ihm, weshalb er erst Kostproben bestellt und das Vorarlberger Bier dann zur Hausmarke gemacht hat. Wir haben ihn gefragt, ob sich schon schwarze Kunden an dem Bier gestört haben: „Bei den Partys hier kommen viele Schwarze. Oft hat wer gesagt, das stört ihn. Ich sage ihm, das war immer so. Ich habe das nicht aufgebaut, ich habe das Logo nicht gemacht. Wenn sie sagen, sie sind betroffen, sage ich: Es tut mir leid. Ich habe keine Ahnung, ich habe nichts gewusst. Wenn du das Mohrenbräu nicht trinken willst, trink halt ein anderes scheiß Bier.“Im gesamten Interview gab er uns zu verstehen, dass sich Schwarze mit Diskriminierungen in Österreich abfinden müssten.Er als Slowene hätte sich ja auch integriert.

Das andere Lokal ist ein „hippe“ Bar im Zweiten und heißt Ü, das sich Vorarlberg zum Thema gemacht hat. In einem E-Mail-Interview sagte einer der Betreiber, Johannes, dass er sich des rassistischen Logos schon bewusst sei und auch die Debatte um NoMohr! kenne, aber es verstehen könne, dass die Firma aufgrund von 200-jähriger Tradition ihr Logo nicht ändere.

Auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, ein unvorbelastetes Bier auszuschenken, antwortete er:„Ich kann mir vieles vorstellen, in diesem Fall ist es jedoch so, dass ich auch unternehmerisch denken muss: Wie gesagt hat unser Lokal einen sehr starken Vorarlberg-Bezug, was es für uns logisch macht, ein sehr gutes Bier aus diesem Land anzubieten. Außerdem schmeckt es unseren Gästen außergewöhnlich gut und die Zusammenarbeit mit Mohrenbräu ist eine außerordentlich gute. Wir bieten aber auch Kozel vom Fass an. Dabei ist mir jedoch aufgefallen, dass ein biertrinkender Ziegenbock aber evtl. auch schon eine fragliche Darstellung sein könnte :-)“

Der Witz am Ende ist nicht gut und wir stellen ihn hier auch nicht aus, um Johannes bloßzustellen. Wir betrachten diesen Witz vielmehr als eine der vielen Arten, den rassistischen Begriff „Mohr“ und die dazugehörige Darstellung zu verharmlosen. Immerhin wusste Johannes zumindest über einiges Bescheid, auch wenn es ihm vielleicht passend erschien, die Diskriminierung von Schwarzen mit der Abbildung von Ziegenböcken zu vergleichen. Das sah in der Kleinen und Großen Mohrengasse anders aus.

Kleine Mohrengasse im Zweiten

Die vereinzelten Bewohner und Passanten, die wir dort trafen und befragten, hatten keine Ahnung, was „Mohr“ bedeutet. Nach unserer Erklärung war ihnen trotzdem gleichgültig, wie ihre Straße heißt. Nur ein Lokalbetreiber an der Ecke zur Großen Mohrengasse wusste, dass „Mohr“eine abwertende Bezeichnung für schwarze Menschen ist, aber auf die Frage, ob man die Straße umbenennen sollte, antwortete er einfach, dass die Politik in Österreich sehr träge sei und Straßen bestimmt so schnell nicht umbenannt würden, selbst wenn es schwarze Österreicher gebe, die sich darüber beklagten.

Unser Streifzug war ziemlich deprimierend. Das Gefühl, das bei den Interviews aufkam, war ungefähr so wie die Wut, die man auf die ignoranten Dorfleute in Straw Dogs empfindet. Und wie im Film kann Dummheit auch in der Realität gefährlich werden.

So erzählte uns Simon Inou von NoMohr!, dass er für die Thematisierung von „Mohr“ sogar Drohungen bekommen hatte: „Rassistische Meldungen, die ich nach der Veröffentlichung von NoMohr! bekommen habe—das war die Hölle. Da hieß es zum Beispiel: Es kann nicht sein, dass wir eine österreichische Marke durch den Dreck ziehen. Wenn wir etwas verändern wollen, sollen wir zurück nach Afrika gehen. Es gab viele E-Mails und Diskussionen mit der Botschaft ‚Ihr seid hier nicht zu Hause. Ihr kotzt uns an.’ Viele Hardcore-Botschaften und Hetze.“

Wir bewundern ihn jedenfalls dafür, dass er weitermacht. Zur Zeit arbeitet er an einem Projekt, das auf die Nennung von Wörtern wie N**** und anderen rassistischen Begriffen in österreichischen Schulbüchern aufmerksam macht und die Verlage zu neuen Auflagen ohne diese Begriffe bringen will.

Ihr könnt das Projekt hier unterstützen.

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