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Wir haben einen Experten gefragt, ob man tatsächlich eine Brücke übers Mittelmeer bauen könnte

Ein Künstlerkollektiv hat sich eine 230 Kilometer lange Brücke als Lösung für die Flüchtlingskrise überlegt. Könnte man so ein Bauwerk technisch gesehen tatsächlich umsetzen?

Auch wenn sich die Routen, auf denen sich flüchtende Menschen auf den Weg nach Europa machen, ständig ändern, sind auch heute noch tagtäglich Menschen dazu gezwungen, sich in Boote zu setzen, um das Mittelmeer zu überqueren. Nach wie vor kommt dieser Versuch in vielen Fällen einem Himmelfahrtskommando gleich und kostet unzähligen Menschen das Leben.

Die Ideen und Ansätze, um dieses Massensterben zu beenden, sind so zahlreich wie unterschiedlich. Viele sind sich einig, dass man die Probleme direkt in den Krisenländern angehen muss und fordern Hilfe und Unterstützung vor Ort. Länder wie Ungarn versuchen die Menschen mit Zäunen und Gewalt daran zu hindern, EU-Territorium zu erreichen—im Glauben, die Leute davon abhalten zu können, überhaupt die Reise nach Europa anzutreten. Und eine schwedische Airline will im kompletten Gegensatz dazu etwa beginnen, Flüchtlinge in Flugzeugen aus den Krisengebieten zu holen.

Seit Montag exisitert ein neuer, etwas größenwahnsinnig anmutender Lösungsansatz: Eine Brücke, die Europa mit Afrika verbindet. Auftraggeber dieses Projektes soll die Republik Österreich sein. Das „Jahrhundertwerk der Humanität" soll 230 Kilometer lang werden, vom tunesischen Hafenort Al Huwariyah nach Aggrigento auf Sizilien führen und nicht nur eine humanitäre Maßnahme darstellen, sondern gleichzeitig auch den wirtschaftlichen Aufschwung Europas sichern. Verantwortlich für dieses 230 Milliarden Euro teure Bauwerk, das bis ins Jahr 2030 fertiggestellt werden soll, zeichnet sich Österreichs neu berufener Flüchtlingskoordinator Christian Konrad.

All das wird zumindest in einer Pressemitteilung im Zuge eines neuen Projektes des Künstlerkollektivs „Zentrum für politische Schönheit" behauptet. Und das dazugehörige Video zu diesem Kunstprojekt ist so realistisch gehalten, dass ein guter Teil der User tatsächlich zu glauben scheint, dass es sich um ein reales Projekt handelt.

Sicher, eine von Österreich initiierte Brücke übers Mittelmeer ist schon rein politisch gesehen der utopischste Lösungsansatz für die Flüchtlingsproblematik, den man bisher gehört hat, und Europa würde vermutlich in 100 Jahren keine 230 Milliarden Euro zur Verfügung stellen, um so ein Projekt zu verwirklichen. Trotzdem ist die Idee einer transmediterranen Brücke zumindest theoretisch gesehen interessant.

Eine 230 Kilometer lange Brücke wurde zwar noch nie gebaut. Die aktuell längste Brücke—sie steht in China—ist aber immerhin 164 Kilometer lang. Allerdings handelt es sich dabei um eine Brücke über Land—die längste Brücke über Wasser ist 40 Kilometer lang. Für ein Kunstprojekt scheint die Mittelmeer-Brücke—zumindest für einen Laien—sehr detailliert durchdacht zu sein. Aber würde sich so ein Projekt rein technisch gesehen überhaupt verwirklichen lassen?

Das ist eine Frage, die der Diplomingenieur Martin Lechner wohl am ehesten beantworten kann. Er ist der technische Leiter für Brückenbauwerke bei Waagner Biro—einem österreichischen Großunternehmen, das für die Errichtung von riesigen Stahlbauwerken und Brücken auf der ganzen Welt verantwortlich ist. Wenn es jemanden gibt, der weiß, wie man gigantische Brücken realisiert, dann ist es er. Am Telefon erklärt Lechner, für wie realisitisch er das Kunstprojekt tatsächlich hält.

VICE: Sie waren schon an der Verwirklichung von sehr großen Bauprojekten beteiligt. Halten Sie es in der Realität für möglich, eine Brücke über das Mittelmeer zu errichten?
Martin Lechner: Wie schwer es ist, solche Projekte zu verwirklichen, kann man am Beispiel der Straße von Messina veranschaulichen—der Meerenge zwischen Italien und Sizilien. Sie ist viel schmaler als die Straße von Sizilien, und auch dort sollte eine Brücke entstehen. Dieses Projekt ist seit dem Jahr 2000 geplant und würde an die neun Milliarden Euro kosten. Seither wurde es aber immer wieder verschoben. Man schiebt das Projekt auf politischer Ebene immer wieder hin und her. Aktuell sieht es so aus, als würde sie gar nicht gebaut werden. Ich halte eine Brücke wie in dem Kunstprojekt in der Realität alleine schon deswegen für nahezu unmöglich, weil es einfach zu teuer wird.

In der Idee der Künstler würden aber 230 Milliarden Euro für den Bau zur Verfügung stehen. Wäre es nicht einmal mit so viel Geld denkbar, eine Brücke übers Mittelmeer zu verwirklichen?
Sicher, mit unendlichen finanziellen Mitteln wäre vieles möglich. Man müsste sich da sehr viele Dinge im Detail anschauen. Aber selbst dann glaube ich immer noch, dass es viel bessere Plätze gibt, um so eine Brücke zu errichten, als an genau dieser Stelle des Mittelmeeres.

Was wäre das größte Problem bei der praktischen Verwirklichung?
Das größte Problem wäre auf jeden Fall die große Tiefe, in der die Fundamente der Brücke errichtet werden müssten. Die Straße von Sizilien ist an ihrer tiefsten Stelle etwa 300 Meter tief. Das macht den Bau unter technischen Gesichtspunkten fast unmöglich. Eine Brücke, die 230 Kilometer lang ist, und in so einer Tiefe extrem komplexe Fundamente benötigt, ist, selbst wenn sie theoretisch möglich ist, dann praktisch fast nicht mehr verwirklichbar.

Screenshot: Youtube

Können Sie kurz beschreiben, wie das überhaupt ungefähr funktioniert, wenn man Brücken über lange Strecken mitten im Meer baut?
Es gibt ja bereits sehr lange Brücken, und einige davon führen auch über Wasser. In der Regel funktioniert das, indem man den Bau in sinnvolle Spannweiten einteilt—sagen wir zum Beispiel 80 Meter. Alle 80 Meter setzt man also ein Fundament am Meeresgrund. Und dann baut man quasi sehr, sehr viele 80 Meter lange Brücken. Etwa in der Mitte plant man dann ein oder zwei größere Spannweiten ein, um auch einen Schiffsverkehr für größere Schiffe zu ermöglichen.

Wäre es vielleicht einfach klüger, eine Stelle für den Bau zu wählen, an der Afrika und Europa näher beieinander liegen—zum Beispiel die Straße von Gibraltar?
Eigentlich schon. Wobei das Problem bei der Straße von Gibraltar ist, dass das Meer an dieser Stelle besonders tief ist. Brücken über das Mittelmeer wurden ja schon an den verschiedensten Stellen angedacht. Das Problem war letztendlich immer die praktische Durchführbarkeit. Der Aufwand, der betrieben werden müsste, um so eine Brücke umzusetzen, ist zumindest bisher nie dafür gestanden. Im Prinzip denke ich, dass Fähren den selben Nutzen mit weitaus weniger finanziellem Aufwand bringen würden.

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Foto: Nazzareno Agostinelli | Wikimedia | CC BY-SA 3.0