Popkultur

Wir haben Katja Krasavice gefragt, warum sie eine "Bitch Bibel" geschrieben hat

"Vielleicht bin ich viel feministischer, als ich dachte." - Im Gespräch mit Katja Krasavice über ihre Bitch Bibel.
09 Juni 2020, 10:37am
Katja Krasavice sitzt auf einer Couch und erzählt im Interview von ihrer Kindheit und ihrem Buch 'Bitch Bibel'
Foto: Katja Krasavice 

Katja Krasavice macht die Art von Videos, bei denen YouTube dich vorher vor unangemessenen Inhalten warnt. Und jetzt hat die 23-Jährige ein Buch geschrieben. In der Bitch Bibel erzählt Katja Krasavice von ihrer teils sehr traumatischen Kindheit, ihrer Familie und ihrem Weg zum Fame. Wir haben mit ihr gesprochen.

VICE: Du hast mit der Bitch Bibel mit 23 Jahren deine Autobiographie geschrieben. Wieso so früh?
Katja Krasavice: Ich habe in meinem Leben so viel durchgemacht wie eine Fünfzigjährige. Ich hatte echt viele Ups and Downs. Ich wurde sehr stark gemobbt und ausgegrenzt, weil ich so war, wie ich bin. Ich weiß, dass viele Kinder das Problem auch heute noch in der Schule haben. Ich möchte ihnen mit meinem Buch zeigen, dass man es trotzdem schaffen kann.

Du beschreibst, wie du als Jugendliche wegen deines Klamottenstils gemobbt wurdest. Wie war das damals für dich?
Normale Mädchen tragen irgendein Oberteil, eine Hose und Schuhe. Ich hatte halt keine Sneaker oder Flipflops an sondern High Heels. Ich trug meistens bauchfrei und einen Minirock. Das fand keiner cool: weder die Lehrer, noch meine Mitschüler. Aber mich hat mein Look glücklich gemacht. Ich fand es schon früher fake, mich anzupassen, nur damit mich andere mögen.

In der Schule haben sich die anderen manchmal abgesprochen, mich wochenlang zu ignorieren. Es gab Tage, an denen keiner mit mir geredet hat. Und wenn doch, wurde ich beleidigt. Diese Erfahrung hat mich auf jeden Fall geprägt. Ich bin stärker geworden. Hate prallt an mir ab. Trotzdem fühle ich mich manchmal noch wie das kleine Mädchen von früher, das sich nicht schön findet und gemobbt wird.


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Du bezeichnest dich selbst und andere Frauen als "Bitch". Was bedeutet dieser Begriff für dich?
Ich wurde früher täglich als "Bitch" oder "Schlampe" bezeichnet. Irgendwann dachte ich mir: Wenn mich eh alle Bitch nennen, dann bin ich eben eine Bitch. Wieso sollte das eine Beleidigung sein? Für mich ist eine Bitch eine Frau, die macht, was sie denkt.

Bist du Feministin?
Ich möchte, dass Frauen endlich ernstgenommen werden und machen können, was sie wollen. Andererseits bin ich total antifeministisch, weil ich mich als Sexobjekt darstelle. Ich kenne mich mit Feminismus nicht so gut aus, aber viele Feministinnen sagen mir, dass ich mich nicht so sexy zeigen soll. Das finde ich sehr schade, weil eine Frau soll ja eigentlich machen, was sie gerade geil findet.

Ich finde es eigentlich sehr feministisch, einfach dein Ding zu machen.
OK, gut. Dann bin ich vielleicht viel feministischer, als ich dachte.

Du äußerst dich in deinem Buch ziemlich negativ über deinen Heimatort Teplice. Über deine Mutter schreibst du: "Ich bin heilfroh, dass sie zumindest nie ihre Pussy für Kohle hinhalten musste." Hast du ein Problem mit Sexarbeit?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe sehr viele Freundinnen, die als Escorts, Pornodarstellerinnen oder Prostituierte arbeiten. Manche machen das auch wirklich gerne. Aber in Tschechien ist das nicht so. Das ist eine Parallelwelt. Da wirst du fast zur Prostitution gezwungen, weil du kein Essen hast und nicht weißt, was du sonst machen sollst. In Tschechien verkauft man entweder Drogen oder man geht anschaffen. Ich weiß, wie sehr viele dieser Frauen leiden. Deshalb bin ich froh, dass meine Mutter das nicht gemacht hat. Das hätte mir das Herz gebrochen.

"Ich bin ein Mensch, der immer glücklich ist und auf alles scheißt – bis ich zehn Jahre später die Faust dafür ins Gesicht bekomme."

Deine Freizügigkeit bringt auf YouTube Probleme mit sich. Du kannst deinen Channel zum Beispiel nicht monetarisieren. Welche Finanzierungsmöglichkeiten nutzt du stattdessen?
Ich habe zum Beispiel Merch, der sehr gut läuft. Meine Tour auch. Mit Instagram-Kooperationen verdiene ich natürlich auch Geld, wobei das mit meinem Image manchmal ein bisschen schwierig ist.

Du bist dafür kritisiert worden, dass du für 15 Euro Snaps verkauft hast. Wieso waren die so teuer?
Ich hatte Lust, freizügige Bilder von mir zu posten. Aber weder Instagram noch Snapchat haben das zugelassen. Ich wurde immer gesperrt. Also habe ich Only Fans genutzt. Das war ein Geschäftsmodell, das ich sehr früh erkannt habe. Ich bin ein Genie, hat sich rausgestellt. Mittlerweile ist das ein riesiges Unternehmen, sogar Beyoncé singt darüber.

Wenn ich mir schon die Mühe mache, mit meinem Arsch zu twerken, kostet das natürlich Geld – genauso wie Eisessen oder ins Kino zu gehen. Und 15 Euro sind im Vergleich zu anderen nicht viel. Wer Bock darauf hat, soll sich das gönnen, und ansonsten eben nicht.

Du machst dich vor der Kamera sehr nackt. Wo liegt deine Grenze?
Ich bin sehr offen, was meine Sexualität angeht. Gleichzeitig bin ich die übelste Geschäftsfrau. Ich habe keine Lust, einen Schritt zu wagen, der mir am Ende meine Musikkarriere kaputt macht. Mir persönlich wäre es egal, Nacktbilder oder Pornos zu veröffentlichen. Ich bin aber noch sehr jung und ich weiß nicht, ob ich diese Entscheidung mit 30 immer noch cool finden würde.

Wie gehst du damit um, wenn "Fans" Vergewaltigungsfantasien über dich äußern?
Im Internet sind die Leute anonym und äußern sich deshalb sehr hart. Oft weiß ich nicht, was ernst gemeint ist und was nicht. Das Internet ist ein gefährlicher Ort. Vergewaltigungsfantasien habe ich zum Glück noch nie gehört, aber ich glaube, da können einige Frauen ein Lied von singen.

Ich kriege mittlerweile tatsächlich mehr Nachrichten von Mädels, die mich feiern, als Dick Pics. Am Anfang war das anders. Da war Dick-Pic-Alarm. Ich verstehe, dass das viele Frauen stört. Manche haben da einfach keinen Bock darauf, aber für mich war das immer OK.

"Mich nervt es total, dass ich mich so schlecht öffnen kann. Ich bin wirklich ein kalter Mensch."

Beschäftigst du dich mit Themen wie sexualisierter und digitaler Gewalt?
Frauen werden oft von Männern belästigt und das finde ich total behindert. Trotzdem gibt es auch Frauen, die so sind. Das kann man nicht vergleichen, weil es seltener passiert. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass auch darüber mehr gesprochen wird.

Sowohl bei Big Brother als auch in deinem Buch setzt du dich damit auseinander, dass es dir schwer fällt, Gefühle zu zeigen und zuzulassen. In welchen Momenten merkst du das?
Wenn ich mit meinen Freunden rede. In meinem Buch erzähle ich, wie mein Vater, als ich ein Kind war, meine Freundinnen sexuell missbraucht hat. Das habe ich meinen Freunden zum Beispiel nie gesagt. Ich bin ein Mensch, der immer glücklich ist und auf alles scheißt – bis ich zehn Jahre später die Faust dafür ins Gesicht bekomme.

Beziehungen sind für mich auch total schwierig. Das führe ich auf die Geschichte mit meinem Vater zurück. Wenn ich mal einen Freund hatte, dann nur, um nicht alleine zu sein. Und dann betrüge ich ihn, weil ich nicht verliebt bin.

Ist das etwas, dass du gerne ändern würdest?
Mich nervt es total, dass ich mich so schlecht öffnen kann. Ich bin wirklich ein kalter Mensch. Das Schlimme ist, dass man dadurch ein Trauma bekommt. Das Buch hat mir sehr geholfen, auch wenn mir das Schreiben extrem schwer gefallen ist. Ich konnte mich an alles gut erinnern – nur nicht daran, wie ich mich dabei gefühlt habe. Meine Gefühle detailliert zu beschreiben, war deshalb echt schwer.

Durch das Buch habe ich mich auf jeden Fall verändert. Ich habe angefangen, mehr mit meinen Freunden und meiner Familie zu reden. Da möchte ich auch dranbleiben. Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, auch mal über seine scheiß Probleme sprechen zu können – und nicht alles wie ein Spacko in sich reinzufressen.

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